Heimat-Talk bei "Hart aber fair" "Bemerkenswert, wie schnell das hier eskaliert"

Frank Plasberg wollte wissen, ob Deutschland eine Heimat "nur für Deutsche oder offen für alle" sei. Eine extrem ärgerliche Frage.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

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Der Tiefpunkt dieser Sendung ist erreicht, als Frank Plasberg von einem "kleinen Shitstorm" spricht, den es im Vorfeld gegeben habe. Der Sturm war recht wuchtig und seine rhetorische Schrumpfung zum Lüftchen womöglich der Herablassung geschuldet, mit der das alte Medium gern den neuen Medien begegnet. Geschenkt.

Die Behauptung aber, der Aufruhr hätte sich daran entzündet, dass Heimat "doch ein Thema für Populisten und die AfD" sei, ist schlicht eine Lüge. Betitelt war die Sendung mit "Heimat Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?", und zwar "für alle, die hier leben, oder nur für die, die von hier stammen?"

Nun muss man schon ein sehr freundliches, beinahe zärtliches, besser noch: devotes Verhältnis zu "Hart aber fair" haben, um diese Variation von "Deutschland den Deutschen" nur für unglücklich zu halten - wo wir doch zuletzt so viel über "Framing" bei der ARD diskutiert haben. Bekanntlich kann, wer allzu offen ist nach rechts, nicht mehr ganz dicht sein.

Kann man ja mal ganz offen drüber reden?

Unter moralischen Gesichtspunkten war der Titel katastrophal, unter denen der PR genial - und damit moralisch umso katastrophaler, weil er Aufmerksamkeit für die Sendung auf Kosten jener Menschen erzeugte, die nicht "von hier stammen". Kann man ja mal ganz offen drüber reden. Kann man?

Man kann. Ob man es muss, ob es sinnvoll oder fruchtbar ist, ob das jedem gefällt - das alles steht auf einem anderen Blatt. Aber man kann.

Der Talk lief im Anschluss an die so differenzierte wie erhellende Dokumentation "Heimatland". Beim Fernsehen denkt man noch in längeren Zeiträumen und geht davon aus, dass "Zuschauer dranbleiben". Das ist der Zusammenhang, aus dem die aufgeregte Twitter-Debatte die Sendung gerissen hat.

Frank Plasberg wählt einen weichen Einstieg. Wie denn Heimat so riecht und schmeckt, will er von seinen Gästen wissen. Wie "Wald, Thüringer Wald, Bratwurst" (Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen). Wie "die frische Luft am Land" (Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, Vizeministerpräsident von Bayern). Oder wie "Kartoffeln und Chai", wie die Kabarettistin Idil Baydar meint.

Nikolaus Blome ("der Geruch von Buchsbaum im Garten meiner Großmutter") von der "Bild" ist das alles zu idyllisch: "Jetzt haben wir uns redlich Mühe gegeben, den Begriff maximal harmlos aufzuladen!" Prompt bringt er noch einmal Mesut Özil ins Spiel, weil man sich doch für ein Land entscheiden müsse. Baydar: "Frechheit!" Da haben sich die Kontrahenten in Stellung gebracht. Plasberg entzückt: "Ich finde es bemerkenswert, wie schnell das hier eskaliert!"

Wann der Heimat-Begriff Konjunktur hat

Unterdessen erläutert der Soziologe Armin Nassehi, was es mit der Heimat, diesem Begriff aus dem 17. und 18. Jahrhundert, und seiner Renaissance auf sich hat. Heimat habe immer Konjunktur, wenn "Gesellschaften mobiler" würden. In Verbindung mit "wechselseitigen Anerkennungsverhältnissen" könne Heimat aber auch als politischer Kampfbegriff verwendet werden. Nur für Deutsche? Oder offen für alle?

Interessant und auch beruhigend findet Nassehi, "dass unsere Gesellschaft viele Diskurse dementiert", weil's halt miteinander dann doch meistens geht. So verhält es sich auch mit der Sendung. Sie dementiert über weite Strecken den aufgeregten Diskurs, der ihr vorausgegangen ist.

Katrin Göring-Eckardt erklärt: "Dazu gehört, wer da ist. Punkt." Es gehe auch darum, "Heimat geben" zu können. Selbst Hubert Aiwanger findet, das Thema gehöre nicht "in die rechte Ecke". Die türkische Community in seinetwegen Köln definiere "ihr" Köln doch auch für sich als Heimat, ganz normal. Überdies hätten Menschen auch "mehrere Heimaten in ihrem Leben".

Gegen so viel milde Weltläufigkeit politischerseits sieht Nikolaus Blome ein wenig alt aus. Natürlich sei der Charakter wichtiger als die Hautfarbe. Wer aber hierherkomme und sich "Heimat erwerben" wolle, der sei in einer gewissen "Bringschuld".

Auf diesen Begriff wiederum hat Idil Baydar nur gewartet: "Ich bin hier geboren! Bin ich in der Bringschuld?" Und wie das unter Deutschen sei, will sie wissen: "Sagt ihr so was wie: 'Siggi, du bist mir nicht deutsch genug?' Verdammt!"

Erörtert wird auch die Frage, ob denn die Frage nach der "eigentlichen" Herkunft ein Affront ist. Einig ist sich die Runde, dass diese Erkundigung dann unangebracht ist, wenn die Information dem Fragenden schon zur Einordnung der Person genügt. Göring-Eckardt meint, wenn man sich schon gut kenne und dann "ganz spätabends" frage, "woher die Urgroßmutter kommt - auch recht".

Baydar bringt den Umstand ins Spiel, bei der Angabe der "eigentlichen" Herkunft abgewertet zu werden - eine Erfahrung, die sie mit vielen Migranten teilt. Warum sie sich denn, fragt listig Blome, als Deutschtürkin der dritten Generation selbst überhaupt noch als "Migrantin" bezeichne. Baydar: "Ich bin ja gemeint, wenn die AfD sagt, ich soll entsorgt werden!"

"Ich fühle mich", erklärt sie, "nicht geschützt in meinem migrantisch-deutschen Dasein". Gut, dass sie das in einer Sendung sagen konnte, deren Titel den Schutz zugewanderter Deutsche nicht eben erhöht haben dürfte - anders, vielleicht, als die Sendung selbst, die gedeihlicher war, als der Aufruhr im Vorfeld es befürchten ließ.

Die Grenzen des Sagbaren sind an diesem Abend nicht verschoben worden. Wer eingeschaltet hat, weil er sich durch den Titel bei seinen rassistischen Ressentiments abgeholt fühlte, dürfte jedenfalls enttäuscht worden sein.



insgesamt 260 Beiträge
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sekr 26.02.2019
1. Vielleicht sollte...
...man sich aussuchen können, ob man Bock auf den Begriff Heimat hat oder nicht. Ich glaube das ist das zwanghafteste an der Diskussion: lehnt man Heimat als etwas ab, dem man etwas abgewinnen kann, ist man raus. Für mich ist der Begriff jedenfalls viel zu belegt, um ihn auf Krampf positiv füllen zu können. Dann halt keine Heimat mehr für mich? Love it or leave it? Anscheinend braucht es tatsächlich einen neuen Begriff!
Oskars 26.02.2019
2. Wie erkennt man Wahnsinn?
Auch Empörung kann eine Sucht sein und ein Machtinstrument sowieso. Wenn aus der Empörung über den Begriff "Heimat" in wenigen Pressestunden die über den Untertitel geworden ist, ist das immerhin ein Zeichen einer zunehmend rationalen Kontrolle der im Wahnsinn in sich selbst isolierten Narrative. Aber auch komplett, also als "Heimat Deutschland - nur für Deutsche oder offen für alle?", ist der Titel nichts anderes als selbstverständlich, schließlich ist es allein ein Akt simpler Kausalität, dass wenn Deutschland mit Demokratie und Pluralismus gleichgesetzt wird, was der Begriff "Heimat" für jeden Demokraten zwingend einfordert, dann Faschisten und Islamisten in Deutschland selbstverständlich keine Heimat finden können. Wer etwas anderes fordert ist kein Demokrat und damit kein Deutscher, was den Aufschrei vieler bereits schlüssig erklärt.
redfish 26.02.2019
3. "Extrem ärgerliche Frage"?
Nein - es ist ganz einfach: jeder, der hier aus welchem Teil der Welt auch immer nach Deutschland kommt, auch als Flüchtling oder Asylbewerber, ist mir willkommen - unter einer einzigen Bedingung: er/sie hat sich hier zwingend nach unseren Gesetzen, Spielregeln und gesellschaftlichen Normen zu benehmen und zu verhalten. Sonst: raus. Ist das zuviel verlangt? Ist das gar "rechts" oder noch schlimmer? Ich meine: nein. Es ist nur eine legitime Forderung an Gäste unseres Landes, die leicht erfüllbar ist.
ingo.adlung 26.02.2019
4. Ich erinnere mich ...
... dass ich einst baff erstaunt war, dass in Kassel der Unterschied zwischen Kasselern, Kasselanern und Kasselänern gemacht wurde, je nachdem in welcher Generation sie in Kassel lebten. Und in manch einer Gemeinde Süddeutschlands konnte man nur Mitglied in einer Narrenzunft werden, wenn man in mindestens zweiter Generation im Ort lebte. Oder anders ausgedrückt: die Frage der Dazugehörigkeit gab es schon immer, selbst wenn es nur um inländische "Migration" ging. Man sollte die Frage der Heimat und der Inklusion also bitte nicht auf die Frage verkürzen, ob jemand nicht-deutsche familiäre Wurzeln hat. Auch als Schwabe ist man wie wir wissen mitunter nicht so sehr beliebt in Berlin, wenn man seine Pedanterie und Kehrwochenmentalität dort auszuleben gedenkt. Es gibt also einen ganz normalen Assimilierungsdruck, egal von wo man herkommt. Aber je mehr sich die eigenen Werte von der neuen Heimat unterscheiden umso brutaler wird dieser empfunden und umso vehementer wird dieser eingefordert. Ich habe selbst als Jugendlicher einige Jahre in Südamerika gelebt und war bei meiner Ankunft zunächst der Alemán quadrado, dem nahegelegt wurde doch wieder abzureisen, wenn es ihm denn so schwer fällt sich einzugewöhnen (anzupassen). Und als ich ein paar Jahre später wieder nach Deutschland zurückkehrte (anderes Bundesland) gab es dasselbe Spiel, nur andersrum. Selbstverständlich gibt es also einen Anpassungsdruck und eine Bringschuld und das Thema auf die Frage der "völkischen" Herkunft zu verkürzen wird der Herausforderung nicht gerecht. Und diesen zu verneinen oder Mitbürger weil sie diesen einfordern automatisch in eine rechte Ecke schieben zu wollen ist einfach nur dumm.
sgvs 26.02.2019
5. Heimat ist .immer nostalgisch
Und somit rückwertsgewant. Eines der gefährlichtens Wörter auf der Welt.
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