"Hart aber fair" zur Essener Tafel "Das ist arm, arm und arm"

Fremdenfeindlich? Pragmatisch? Eine Schande? Frank Plasberg wollte von seinen Gästen wissen, was der Fall der Essener Tafel zeigt.
Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Foto: WDR/Oliver Ziebe

An einer Tafel riecht es anders als bei der Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes. Da riecht es "nach Schweiß, Tränen und Alkohol", erklärt Frank Zander, der es wissen muss. Wenn der Schlagersänger zu seinem jährlichen Weihnachtsgansessen im Berliner Hotel Estrel lädt, kommen inzwischen 3000 Leute "aus aller Herren Länder", wie er sagt: "Da haben wir ganz arme Gestalten."

Unter dem Titel "Fremde gegen Deutsche, Arme gegen Arme" will Frank Plasberg die Frage klären: "Was zeigt der Fall der Essener Tafel?" Was er nicht zeigt, das klärt sich erfreulich früh und deutlich. Von Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus könne da keine Rede sein, auch fällt kein Wort über die genetische Disposition von Ausländern, schneller die Ellbogen auszufahren.

Zu verdanken ist das Manfred Baasner von der Wattenscheider Tafel, der ähnliche Schwierigkeiten wie die Kollegen in Essen hatte: "Wir haben nur früh angefangen, etwas dagegen zu tun." Die Menschen würden persönlich angesprochen, Gruppen nach Zeiten getrennt, Ältere bevorzugt, Sprachangebote unterbreitet, zum Mitmachen animiert: "Das ist Integration."

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Plasberg insistiert, will etwas über schlechtes Benehmen hören, aber Baasner winkt ab. Unanständigkeit habe er "auch in unseren Reihen" erlebt, "deutsche Leute" unterschieden sich da nicht von Zuwanderern. Im Jahr 2000 hätte es übrigens "eine Aussiedlerwelle aus Russland" gegeben, die hätten auch nichts verstanden: "Ansprechen und lachen", und gut war's - bis heute.

Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der CSU, hat "sehr viel Verständnis für die Ehrenamtlichen in Essen", eigentlich aber ein anderes Anliegen. Er wehrt sich gegen den "pauschalen Vorwurf, Deutschland sei unsozial", und jongliert mit erfreulichen Zahlen. Altersarmut, das betreffe nur "drei Prozent" der unter 65-Jährigen.

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Die Frage, ob die pure Existenz der Tafeln nicht eine Schande sei, verneint der Christsoziale rundheraus. Im Gegenteil, man dürfe stolz darauf sein: "Man kann uns, dem Staat, nicht den Vorwurf machen, wir wären unsozial", sagt er und preist die Mütterrente zur Armutsbekämpfung. Plasberg ist platt: "Steht ein Wahlkampf bevor, habe ich das nicht mitbekommen?"

Katja Kipping steigt trotzdem voll darauf ein. Die Parteivorsitzende der Linken empört sich über die Verharmlosung der Altersarmut und fordert "einen starken Sozialpakt" in Deutschland, mindestens aber eine Anhebung der Rente. Oder Zuschüsse bei teuren Medikamenten, die viele ältere Menschen gar nicht erst einlösten, weil sie nämlich "den Euro drei oder vier oder fünf Mal umdrehen" müssten, wie Mayer sagt.

"Da platzt mir gleich der Hut!"

Nicht einlassen will sich Kipping darauf, über einen Beitrag des ehemaligen "Titanic"-Chefredakteurs Leo Fischer zu diskutieren, der im "Neuen Deutschland" auf die autoritären Aspekte der Tafeln hingewiesen hat. Plasberg las das als einen "ernst gemeinten Beitrag", Kipping als "zugespitzte Satire". Baasner versteht die ganze Stoßrichtung nicht: "Da platzt mir gleich der Hut!"

Da hat Michael Hüther einen schweren Stand, denn der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft würde gern differenzieren. Er gesteht "Verteilungskonflikte" und betont, "bürgerschaftliches Engagement" sei "kein Ersatz für staatliches Handeln". Gleichwohl gehe es bei Tafeln, wie auch bei der Nachhilfe oder beim Freundeskreis fürs örtliche Theater, "immer um das Zusätzliche".

Konkret wünscht sich der Volkswirtschaftler mehr Geld für die Bundesagentur für Arbeit, besser abgestimmte Betreuungsstrukuren für Alleinerziehende und ähnliche Maßnahmen mehr, die Menschen in Arbeit bringen. Die deutsche Volkswirtschaft stehe so gut da wie "eigentlich noch nie", was, anders betrachtet, gerade der Skandal sein könnte.

Video aus Essen: "Viele sind überrascht, dass sie weggeschickt werden"

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Frank Zander hört sich das eine Weile an, bevor er interveniert: "Sie sind natürlich sprachlich so auf dem Posten, dass Sie für alles eine fundamentierte Antwort haben", er selbst könne "gar nicht dagegen anstinken"; aber es gehe doch um Menschen, nicht um Zahlen: "Der Bahnhof Zoo ist für mich so typisch", so Zander. Davor werde gebaut, dahinter riecht es nach Urin: "Wenn man eine verwöhnte Tochter hat, würde ich der mal raten, zum Bahnhof Zoo zu gehen und dort zwei Wochen zu arbeiten." Dann wüsste sie, was Armut ist.

Er selbst hat sich dem Verteilungskampf gestellt und ihn mit der Verteilung von Marken entschärft. So wisse jeder, dass er etwas bekomme. Und wer leer ausgehe, der "bekommt draußen noch 'ne Bockwurst" und fertig. Nach der Situation in Essen befragt, will Zander zwischen In- und Ausländern auch nicht unterscheiden, weil: "Dann bewege ich mich auf einem ganz merkwürdigen Boden", und da will er nicht enden.

Was dort passiert ist, bewertet er lieber mit christlich gefärbtem Pragmatismus. Es sei "richtig blöd gelaufen, dass das so hoch gekocht wurde", und eigentlich unnötig, weil es niemandem helfe, am wenigsten den Betroffenen: "Das ist arm, arm und arm", sagt Zander und zeigt damit nebenbei, wohin die Debatte laufen sollte. Weil er "und" sagt, nicht "gegen".


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