"Hart aber fair" zum Burkaverbot "Wir können auch alle so hier sitzen, das ist doch nicht schön!"

Bei Plasbergs Burka-Talk kam erst eine Wollmütze zum Einsatz, dann gipfelte er in einer Sensation - dem Gespräch mit einer vollverschleierten Frau. Ihr sagte der Moderator, was er wohl auch einem Alien sagen würde.

Talkshowgast Schümer
WDR/ Dirk Borm

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Es geht um den "Kulturkampf um die Burka". Und um sein Thema gleich zu Beginn auf den Punkt zu bringen, wendet der Mann seinem Publikum den Rücken zu. Denn wir wollten doch alle "etwas sehen" in Deutschland, "wenn jemand mit uns redet" - körpersprachlich eine schiefe Metapher.

Denn erstens ist der Mann ein Mann und nicht vollverschleiert. Zweitens ist er am markanten Charakterkopf auch von schräg hinten deutlich als Frank Plasberg zu erkennen.

Trotzdem führt das neckische Tänzchen mitten hinein in eine Diskussion, die Claudia Roth von den Grünen als "Symboldebatte, 'ne Scheindebatte" abzuwerten versucht. Was denn nun? Symbol oder Schein? Und wäre es nicht an der Zeit, eine Debatte über Symbole zu führen?

Moderator Plasberg mit seinen Gästen
WDR/Dirk Borm

Moderator Plasberg mit seinen Gästen

"Man kann nicht alles verbieten, was man ablehnt": Das hat Innenminister Thomas de Maizière gesagt, und damit konfrontiert Plasberg dessen CDU-Parteifreundin Julia Klöckner aus Mainz, die der massenhaften Verschleierung des Abendlandes einen Riegel vorschieben will: "Denkt ihr Parteifreund länger nach als Sie, oder denkt er falsch?"

"Er denkt anders", pariert Klöckner und greift Plasbergs Anmoderation auf. In Deutschland zeige man Gesicht, "Vollverschleierung steht für ein abwertendes Frauenbild" und einen fundamentalistischen Islam, "den wir hier nicht wollen". Ihr geht es darum, durch das symbolische Verbot eines Symbols ein Zeichen zu setzen, also ein Symbol.

Damit weiß Klöckner sich auf der Seite der Mehrheit, wenn man Umfragen glauben darf. 86 Prozent der Deutschen befürworten "laut Umfragen" ein wenigstens teilweises Burkaverbot - wie auch 76 Prozent aller Wählerinnen und Wähler der Grünen. Denken die alle länger nach als Claudia Roth, denken die falsch?

Roth denkt offenbar ebenfalls anders, allerdings in eine andere Richtung als Klöckner. Ihr geht es um die Frage, ob wir den Islam in einer offenen Gesellschaft akzeptierten oder nicht. Wir müssten "bereit sein, Integration anzubieten", und dazu zähle die Toleranz der Burka.

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Verschleierte Frauen: Formen der Verhüllung

Plasberg unterstreicht übrigens mehrfach, dass mit Burka auch in dieser Diskussion eigentlich der blickdichte Nikab gemeint ist und nicht etwa Tschador, Chimar, Al-Amira oder Hidschab - einen solchen trägt die Publizistin Khola Maryam Hübsch und sagt, dass "wir freiheitliche Werte nicht verteidigen, indem wir denjenigen ähnlicher werden, die sie angreifen".

Darauf Julia Klöckner: "Doch!" Integration sei ein Geben und Nehmen und die Burka dabei ein textilpolitisches Hindernis. Auch gehöre die Festlegung einer sozialen Hausordnung durchaus zu staatlichen Aufgaben: "Es gibt auch Leute, die wollen freiwillig den ganzen Tag nackt durch die Fußgängerzone laufen" und können das auch nicht.

Darüber hinaus sorgt sich Klöckner, "mit welchem deformierenden Geschlechterbild" die Kinder vollverschleierter Mütter aufwüchsen. Ihr sekundiert der Journalist Michel Friedman mit einer einfachen Beobachtung: "Es ist doch erstaunlich, dass Männer keine Burka tragen müssen." Und da ist sogar etwas dran, sofern davon auszugehen ist, dass einer Mehrheit der Trägerinnen die Verhüllung verordnet ist.

Hübsch weist darauf hin, dass die Vollverschleierung in Frankreich "eine Art neuer Punk" sei, ein subversiver Akt, und eben alles andere als ein Indiz für die Unterdrückung der Frau. "Wenn Sie eine Burka sehen", will Plasberg von Roth wissen, "was denken sie da? Oder denken sie gar nix?"

Talkshowgäste Hübsch und Roth
WDR/Dirk Borm

Talkshowgäste Hübsch und Roth

Roth denkt darüber nach, ob die betreffende Frau die Burka freiwillig trägt und wie wir es schaffen, "den Islam" in einer "bunten Gesellschaft" zu akzeptieren. Es stehen sich also linksfeministische und rechtsfeministische Positionen unversöhnlich gegenüber - zumal mit dem Zitat von der Burka als "sozialem Totenhemd" auch noch Alice Schwarzer ins Spiel kommt.

Ins Spiel gebracht wird das Zitat vom Journalisten Dirk Schümer, dem es im Übrigen herzlich gleichgültig ist, "ob ihr Mann sie dazu zwingt oder ihre Religion oder ob sie sich vor der Sonne schützt". Daran denke er nicht, wenn er eine Burkaträgerin sehe, sondern "an meine eigene Kultur".

Diese für einen Kulturkorrespondenten verständliche, aber leicht unterkomplexe Haltung unterfüttert er mit gelehrten Zitaten, beruft sich auf die Philosophin Elisabeth Badinter und den Philosophen Emmanuel Levinas: "Die westliche Zivilisation basiert auf dem Du, der Kommunikation zwischen zwei Gesichtern."

Schümer fühlt sich "im Abendland ausgeschlossen" und "verängstigt", steht er einer Vollverschleierten gegenüber, denn die "zeigt mir nach außen schon: Ich bin für dich sozial nicht erreichbar". Um seine Verängstigung und Liebe zur sozialen Erreichbarkeit zu illustrieren, zieht sich Schümer allen Ernstes eine Wollmütze komplett über den Kopf: "Wir können auch alle so hier sitzen, das ist doch nicht schön!"

Nebenmann Michel Friedman sind Vollverschleierungsgründe herzlich egal, auch mag er es weniger abendländisch: "Wir sind als Menschen neurobiologisch darauf angewiesen, dass man uns anschaut." Wenn die "Person das trägt, ist das ihre Sache", so Friedman. Wenn diese Person aber "mit mir redet, ist es nicht mehr ihre alleinige Sache".

Hübsch versteht schon, "dass man ein Unbehagen empfindet". Woraus sie allerdings nicht das Recht ableitet, etwas zu verbieten. Die Diskussion spiele den Islamisten in die Hände. Friedman hält dagegen, nein, gerade die offene Diskussion sei ein Ausdruck demokratischer Meinungsfindung und nicht zu verwechseln mit manchen Forderungen in "weiten Teilen der CDU und CSU".

Als die vermeintliche Schein- oder auch Symboldebatte in zähen Kreisbewegungen endlich ihre ordnungs- und parteipolitischen, philosophischen und sogar neurobiologischen Phasen durchlaufen hat, kommt die Sendung zu ihrem sensationellen Höhepunkt - dem Gespräch mit einer vollverschleierten Frau.

Plasberg mit Monika B.
WDR/Dirk Borm

Plasberg mit Monika B.

Und dann steht Plasberg der österreichischen Konvertitin Monika B. gegenüber und sagt, was er wohl auch zu einem Außerirdischen sagen würde: "Ich find's auch unheimlich."

Brav beantwortet die Dame alle Fragen. Nein, es sei nicht zu heiß unter dem Stoff. Ja, in der islamischen Ethik dürfe die Frau mit Männern keinen "so lockeren Umgang" haben. Und gewiss brauche sie den Stoff, um die Grenzen ihrer Religiosität "besser zu definieren".

Dabei unterläuft die Frau alle Projektionen, indem sie ganz pragmatisch einräumt, den Schleier auch mal zu lüften - aus praktischen wie religiösen Gründen. Sie sagt, aus islamischer Sicht sei es ihr eine Verpflichtung, den "Nikab hochzunehmen", um den Leuten keine Angst zu machen. Und natürlich im Restaurant, um nicht zu kleckern.

Wenn die Burka verboten werden sollte, dann sei das eben so, dann werde sie sich fügen. Aus ihrer Sicht, also einer Sicht durch die Sehschlitze hindurch, werde sich Deutschland mit solchen Maßnahmen aber immer mehr "zur Diktatur" entwickeln - eine steile These aus dem Mund einer Frau, deren Mund man nicht sieht, weil sie in 1200 Jahre alter Beduinenkleidung herumläuft.

So richtig radikalfundamentalistisch klingt Monika B. aber nicht. Ihr Mann findet den Nikab nicht gut, weil er sie "zur Zielscheibe" mache. Im Alltag spüre sie immer häufiger, dass ihr Aufzug für Fremde ein "Trigger-Faktor" für Beschimpfungen sei.

Heftig getriggert wird auch Dirk Schümer, der sich dem Gespräch mit Monika B. demonstrativ abwendet und seine Brille putzt. Wobei genau diese Geste ein schönes Symbol für eine Debatte sein könnte, die mit maximaler Aufregung und minimalem Durchblick geführt wird.

Jaafars Videoblog: "Sie ist eine Sklavin des Makeups"

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