"Hart aber fair" zum Equal Pay Day Sie haben's sich verdient

Zum Equal Pay Day lud Frank Plasberg zur Gehaltsverhandlung. Aber statt zu diskutieren, wie sich etwas ändern könnte, zerfiel die Runde in zwei Fraktionen rund um die Frage: Wer ist schuld?

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Dirk Borm

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

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Die Rhetorik ließ keinen Zweifel. Nimmt man Ins-Wort-Fallen und Lautwerden als Gradmesser für Polarisierung, bleibt festzustellen: Dass Frauen deutlich weniger Geld verdienen als Männer, knallt offenbar nicht.

Ob das heißt, dass sich alle einig sind, oder ob es einfach keinen aufregt, berät die Jury noch. Dabei konnte man sich schon über die Sendungstitelfrage genug echauffieren: "Frauen unter Druck, Männer am Drücker: Alles so wie immer?", wollte Frank Plasberg in seiner "Hart aber fair"-Ausgabe wissen. Und tut damit so, als hätten wir alle während der Gendergerechtigkeitsdebatten der vergangenen Jahre unter einem Stein gelebt.

Es mag immerhin als Fortschritt gelten, dass eine Politsendung am jährlichen Equal Pay Day nicht am Thema vorbeikommt. An jenem Tag im Jahr also, der die 21 Prozent (West: 22, Ost 7) Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen symbolisch markiert - bis zum 18. März haben Frauen für umme gearbeitet. Die Zahl ist seit Jahren stabil, ebenso wie die 6 Prozent Differenz, die bleibt, wenn man sich vergleichbare Tätigkeiten bei gleicher Qualifikation anschaut (mehr zum Verdienstunterschied erfahren Sie hier und mehr dazu, ob das relevant ist, können Sie hier nachlesen).

Kommentar zum Thema

Vor allem aber versteckt sich im Sendungstitel die große Schuldfrage: An wem liegt's?

Und genau an diesem Punkt zerfiel die Fünfer-Runde in zwei Fraktionen mit ewig gleichen Argumenten: Es sei doch eine "private Entscheidung" der Frauen, wie, was und wie lange sie arbeiteten, erklärte Kristina Schröder, Ex-Bundesfamilienministerin, inzwischen Ex-MdB; die wollen die Kinder pünktlich von der Kita abholen, keine Dienstreisen. Als sei nicht schon die Haltung ein Privileg.

Wir lebten in einer "freien Gesellschaft", fand auch Rainer Hank, Hausfrauen-Vermisser und bis Sommer 2018 Wirtschaftsressortleiter der "FAS": "Wenn Frauen die 21-Prozent-Lücke beklagen, haben sie die falsche Berufsentscheidung getroffen. Frauen sitzen bei Rewe an der Kasse und Männer bei BMW am Band. Männer kloppen Überstunden, Frauen machen Teilzeit." Kurz: Frauen haben es nicht anders, nun ja, verdient. Außer Schröders gefühliges "Biologie spielt eine Rolle" für individuelle Vorlieben schien das Warum den beiden leidlich wurscht.

Das übernahmen die anderen und erklärten, dass sowas halt von sowas kommt. Collien Ulmen-Fernandes klang fast fassungslos, dass sie es überhaupt aussprechen musste: "Wieso Frauen keine Männerberufe ergreifen? Weil die Vorbilder fehlen." (Ihre ZDFneo-Doku über Geschlechterrollen könnte einigen als Lehrfilm dienen). Und Henrike Platen, Unternehmensberaterin und Initiatorin des Equal Pay Day musste Binsen aussprechen wie: "Es ist ungerecht, wenn manche Berufe besser bezahlt werden als andere." Überhaupt: "Wenn Männer zuhause bleiben, verdienen die Frauen nur mehr", denn: "Geld ist die Schlüsselfrage."

Was die neuen Vorbilder angeht, kann es noch eine Weile dauern. Nicht nur wegen der vorgeführten Rosa-Hellblau-Produkte (Plasberg: "So ein Scheiß kommt auf den Markt!"). Auch weil ein Psychologe wie der Marktforscher Stephan Grünewald vom Rheingold Institut blind scheint für die Stereotype, die er weiterträgt: Die Männer fühlten sich nur im hierarchischen Büro mächtig, im Privaten verlören sie ihre Rolle. Die Folge: Sie müssen ihre "Fluchtburg" Arbeit "verteidigen vor den Frauen", also bezahlen sie ihnen weniger, "als symbolische Herabsetzung". Na dann! Die Frauen wiederum wollten "mit Haut und Haaren für die Familie da sein", "attraktiv für den Partner", Vollzeitjob, Selbstverwirklichung - zu viel, so Grünewald: "Ein schlechtes Gewissen ist schlechter Berater in Lohnverhandlungen." Ach drum.

Alles ganz schön sommerlochig also: ganz schön bekannt, ganz schön oft schon diskutiert, ganz schön wenig Diskussionsfortschritt. Zu viel Gähn, um endlich mal voranzukommen.

Denn da war ja noch der Untertitel: "Muss der Staat eingreifen mit Quoten und Gesetzen?" Nur: nichts davon in den 75 Minuten. Stattdessen landeten strukturelle, private und biologische Gründe in der Mitte, als würden sie vom Himmel fallen. Aber keine Kritik an Gesetzen, die existieren; und keine Fantasie, welche es geben könnte. Keine Überlegung, wieso das "Frauenveräppelungs-", äh, Entgelttransparenzgesetz oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz offenbar nicht wirken. Kein Gedanke, sich genau dafür mal den neuen Ansatz der Isländer anzuschauen. Auch nicht dazu, wie die Arbeit in Pflege-, Dienstleistungs-, Bildungsbranchen aufgewertet werden könnte.

Kein Wort dazu, die durchaus radikaleren Ideen von Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Thema noch mal anzuschauen. Oder vielleicht wenigstens zu benennen, was es ändern würde, würde man das Ehegattensplitting knicken. Und wie man Müttern, die aus strukturellen Gründen nun einmal so arbeiten wie sie arbeiten, care-arbeiten, aber keine oder wenig Rentenpunkte sammeln, helfen kann, ihre Existenz zu sichern. Ach, und: Quote? Welche Quote? Trotz höchster Aufmerksamkeit: Das Wort "Chancengleichheit" fiel nicht.

Und dann beharrte "FAS"-Mann Hank auch noch, Frauen, inklusive der Anwesenden, hätten nicht verstanden, dass es bei all dem um Macht ginge. Sie führten einen "Opferdiskurs". Da war's wieder: selbst schuld.

Eine zumindest benannte die Verantwortung klar: "Wir Frauen können Gleichberechtigung wollen, aber wenn Männer als Väter nicht mitziehen, funktioniert das nicht." Ein Satz von Astronautin Insa Thiele-Eich, geladen als Zusatzgast, weil ihr Mann zum Spitzenvater des Jahres gekürt wurde. Weil er sich mit ihr um die Kinder kümmert. Ja, genau. Ihre Formel: "Das Problem ist das Problem." Glauben wir ihr doch mal. Vom All aus verschwinden die Grenzen.

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herbert 19.03.2019
1. Erbaermlich wenn alleinerziehende Frauen einen Job suchen
sie wollen gleichberechtigt wie andere Frauen am Leben teilnehmen, doch es scheitert an Kindergartenplaetze. Und wenn einer da ist, dann machen die Kindergaerten erst spaet auf und schliessen frueh. Also muss man den Job absagen. Als politiches Beispiel In Rheinland Pfalz haben alleinerziehende Frauen inen Vorrang fuer einen Kindergartenplatz. In Hessen ist kaum ein Kindergartenplatz zu finden und da ist es schlecht einen Job als Frau zu bekommen, weil die CDU Gruenen Regierung niht den Durchblick hat. Im uebrigen haben Asylkinder noch vor den Deutschen und Alleinerziehenden einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Fazit Wie sollen alleinerziehende Frauen am Leben mit einem Job teilnehmen koennen, wenn der Staat schlicht alles verbaut
Listkaefer 19.03.2019
2. In meinem beruflichen Umfeld ...
... habe ich überwiegend Frauen erlebt, die ohne Beisshemmungen voll und ganz beruflichen Einsatz zeigten ebenso wie viele Männer, und dabei als Richterinnen, Ingeninieurinnen, Chemikerinnen ... exakt dasselbe verdienten, wie die parallel mit ihnen zusammen arbeitenden Männer. Teilzeit kam bei ihnen aber öfter vor. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es ihnen deshalb schlechter ging. Das war ihre Form von Selbstoptimierung und Prioritätensetzung. Aber bei Teilzeit kommt man (zu recht) weniger gut in Leitungspositionen, die immerhin Präsenz erfordern. Mag sein, dass sich daraus die 6% ergeben.
dasfred 19.03.2019
3. Zu viel Gähn. Stimmt.
Was kaum angesprochen wird, ist die Tatsache, dass starke Hierarchien immer zur stufenweisen Auslese führt. Da fallen schon mal die raus, die sich länger im Elternzeit begeben. Dazu die, die nicht mit der nächsthöheren Ebene auf einer Wellenlänge schwimmen. Die Frau, die es trotzdem schafft, muss sich der männlichen Denke anpassen, um nicht sofort wieder gemobbt zu werden. Solange nicht Führungsstrukturen komplett umgebaut werden, wird sich nichts ändern. Dazu kommt, dass man bei klassischen Frauenberufen noch vor ein paar Jahrzehnten davon ausgegangen ist, dass das Fräulein nur arbeitet bis sie Frau ist. Dann geht sie zurück an den Herd und betreut den Mann. Sie sollte von ihrem Gehalt ja keine Familie ernähren. Daher sind heute noch Berufe mit ähnlicher Belastung und vergleichbarer Ausbildung sehr unterschiedlich bezahlt, obwohl es dafür keinen sachlichen Grund gibt. Frau Schröder forderte, die Frauen sollten dann doch gleich Männerberufe studieren. Es nützt ihnen nur nicht, wenn sie trotzdem bei den Männern nicht mitspielen dürfen, weil diese lieber einen mittelmäßigen Mann als eine gute Frau in ihre "Mannschaft" wählen. Frauen kommen oft nur in Führungspositionen, wenn die das Unternehmen selbst aufgebaut oder geerbt haben.
quark2@mailinator.com 19.03.2019
4.
Mal ne dumme Frage: Warum sollten Firmen Männer statt Frauen einstellen, wenn diese die gleiche Leistung für weniger Geld bringen ? Zumal die Personalabteilungen meist einen hohen weiblichen Anteil haben. Das Problem zu definieren, was für einen Arbeitgeber "gleiche Leistung" bedeutet, ist eben schwierig. Zum Beispiel war bei uns zweimal im Jahr die halbe Firma in einen LKW zu laden, weil wir die ganze Elektronik zur Messe schleppen und dort den Stand aufbauen mußten. Dazu war eine Nacht Zeit und das Zeugs wog Anfang der 90er auch ordentlich was. So wurde halt auch die Körperkraft und Armlänge der Ingenieure jeweils bis an die Grenze ausgenutzt. Ein anderer Aspekt wird auch regelmäßig nicht besprochen. Ein größerer und schwererer Mensch braucht mehr Nahrung, Kleidung und potentiell eine größere Wohnung. Früher konnte man mit mehr Körperkraft auch mehr Geld verdienen. Wenn man nun mit seinem gleichwertigen Kopf mehr Muskeln steuern kann, aber gleiches Gehalt für gleiche Stelle bekommt, dann wird man feststellen, daß ein 1,50m Mensch eine 100qm Wohnung größer findet, als jemand, der 1,85m groß ist. Was ich sagen will: Diese Dinge sind etwas komplizierter als immer getan wird.
Wütender_Bürger? 19.03.2019
5. Unter einem Stein gelebt!?
Uff, ist das jetzt der neueste Anglizismus für Möchtegernoriginelle? Mit solcher Wichtigtuerei tut man der Bedeutung der besprochenen Themen keinen Gefallen. Lenkt nur ab.
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