"Hart aber fair" zu Integration Schwamm drüber

Was können, was sollen die Deutschen von Flüchtlingen verlangen? Frank Plasberg hat Integrierte ins Studio gebeten und einen Gast, der fortwährend Wasser in den Wein zu gießen hatte.

WDR/ Dirk Borm

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Zur Sendung : Wie können, wie sollen in Deutschland Flüchtlinge integriert werden? Und was können die Neuen erwarten, was sollten wir verlangen? Titel der Sendung: "Gekommen um zu bleiben - wie werden aus Einwanderern Deutsche?"


Markus Söder konnte einem manchmal beinahe leidtun an diesem Abend. "Wie werden aus Einwanderern Deutsche?", wollte Frank Plasberg wissen. Geladen waren Leute, die, sofern sie nicht schon als Gastarbeiterkinder hier geboren sind, einst gekommen waren, um in Deutschland zu bleiben.

Da waren die Moderatorin Nazan Eckes, der ehemalige FDP-Politiker und Anwalt Mehmet Daimagüler, der Fußballer Neve Subotic, der Schlagersänger Peter Maffay - und Markus Söder als krasser Außenseiter, dessen Migrationsgeschichte mit augenzwinkernder Dramatik zugespitzt wurde: "Der Franke wuchs als Protestant in Bayern auf."

Nun war der Finanz- und Heimatminister von Bayern nicht nur der einzige Biodeutsche in der Runde. Er war auch der einzige Gast, der von Amts wegen fortwährend Wasser in den Wein zu gießen hatte. Dabei hatten auch die Kinder ausländischer Eltern durchaus differenzierte Ansichten über die Integration.

Nazan Eckes berichtete, sie habe sich als Jugendliche eher von ihrem Elternhaus als vom Umfeld in der Schule ausgegrenzt gefühlt, wenn etwa der Vater ihr eine Klassenfahrt verbot oder es zu Hause hieß: "Wenn du Schweinefleisch isst, dann wirst du genauso rosarot wie die Deutschen." Mit ihrem Mädchennamen Üngör, versicherte Eckes, würde sie auch Karriere beim Fernsehen gemacht haben. Vielleicht nicht so schnell, aber schon.

Daimagüler dagegen hat resigniert, was sein persönliches Ankommen in Deutschland angeht. Erst vor ein paar Wochen war nur sein Ausweis von einem Gerichtsdiener geprüft worden, die seiner Kollegen aber nicht. Ein typisches Beispiel für eine alltägliche Ausgrenzung, die den Mann ein wenig zermürbt hat. Er werde wohl einsehen müssen, dass "am Ende des Tages nicht alle Menschen in diesem Land mich mögen werden".

Peter Maffay mag nicht sagen, er sei Kind von Wirtschaftsflüchtlingen gewesen. Seine Eltern seien vor der "Unfreiheit" in Rumänien geflohen und auf dem Weg in die USA in Deutschland hängen geblieben. Er könne es aber "niemandem verdenken", wenn er aus wirtschaftlichen Gründen seine Heimat verlasse.

"Ich habe auch einen Schwamm zu Hause"

Plasberg konfrontiert Maffay mit dessen "physikalischen" Beispiel vom Schwamm, der nur eine gewisse Menge an Wasser aufnehmen könne. Maffay beharrt: "Ich glaube, dass jedes Land eine Leistungsgrenze hat", sagt er und vermeidet einem frohlockenden Söder zum Trotz, von einer Obergrenze zu sprechen: "Dass es eine Obergrenze gibt, das stelle ich infrage, weil ich mir nicht vorstellen kann, wo sie liegt." Sagt Maffay und verabschiedet sich aus der Diskussion.

Daimagüler nimmt das Beispiel auf: "Ich habe auch einen Schwamm zu Hause, und wenn ich den nicht nass mache, dann zerbröselt der, dann geht der kaputt!" Maffay antwortet auf seine ernste Maffay-Weise mit dem Beispiel seines Projektes, in dem 19 Afghanen ein Zuhause gefunden haben. Sie seien gefragt worden, ob sie noch mehr nehmen könnten, aber: "Wir können nicht mehr Leute aufnehmen. Wir würden es gern, aber wir schaffen es nicht." Dies würde er gern als Synonym für die Gesellschaft verstanden wissen.

Als es kurz um das bayerische Integrationsgesetz geht ("Fördern und Fordern"), stellt Plasberg Söder unvermittelt eine Frage zum Betreuungsgeld: "Sie wissen doch auch, dass das Murks war!" - "Nein, das war eine sehr gute Idee!", sagt Söder. Darauf Daimagüler spöttisch: "Ein Opfer seiner Ideologie!", worauf Söder zum Parteipolitiker wird: "Schwache Sprüche! Wir sind hier nicht bei 'Schwach aber fair'!", auch seien sie nicht im Gerichtssaal.

Daimagüler wundert sich dennoch, dass ausgerechnet die CSU sich die Interessen der Frau zu eigen mache, worauf Söder noch finsterer zurückkeilt: "Herr Daimagüler, in welcher Partei sind sie eigentlich? Sie sind doch bei der FDP ausgetreten. Warum eigentlich?" Da steht wieder Plasberg neben Söder und fragt: "Bleiben sie eigentlich dabei, dass das Betreuungsgeld eine gute Idee war?" Söder kopfschüttelnd: "Natürlich, ja!"

Was hilft, ist eine Lebenslotterie

Bezeichnend für diese Sendung, dass der Ton erst bei einem völlig anderen Thema scharf und spöttisch wurde. Ansonsten herrschte eine fast pastorale Eintracht, die auch Söder mit seinen realpolitischen Einschränkungen kaum stören konnte: "Wir haben tolle Beispiele für Integration auch hier am Tisch, aber..."

Als angenehm ruhige Stimme und kundiger Anwalt für Einwanderung erwies sich Neven Subotic, Profi bei Borussia Dortmund und als Kind mit den Eltern aus Bosnien vor dem Bürgerkrieg geflohen - nur um nach zehn Jahren und erfolgter Integration wieder abgeschoben zu werden: "Das Wichtigste ist ein Umfeld, das dir auch helfen kann."

Subotic widerspricht Söder, als der die Integrationsbereitschaft der Ankömmlinge in Zweifel zieht. Er habe deren Bereitschaft immer "als sehr hoch empfunden" und wünsche sich bessere Angebote für "Neuzuwanderer" (Subotic). Dass die Leute ihr Leben zu Hause aufgäben und hierhe kämen, sei "ein Teilbeweis" ihrer Integrationsbereitschaft.

Seine Familie habe es nur wegen Frau Strumpf geschafft, einer Nachbarin, die sich der Fremden angenommen und ihnen eine Wohnung geboten hatte. "Es gibt immer jemanden im Leben", stimmt Daimagüler zu, bei ihnen sei es eine Frau Gaumann gewesen. Es sei "wie eine Lebenslotterie", ob es da jemanden gibt, der hilft.

Fein wäre, so Daimagüler, wenn der Staat an die Stelle dieser "Lotterie" träte - und nicht als feindliche Macht wahrgenommen werden müsste: "Ich war 16, als mein Vater starb. Kaum war der unter der Erde, da kam schon der Brief von der Behörde, weil der Ernährer weg war. Können sie sich das vorstellen, Herr Söder", dieses "Gefühl der elementaren Bedrohung"?

Zum dritten Mal im Kreis

Söder erkennt die Falle, natürlich könne er sich das nicht vorstellen, aber Recht und Gesetz seien nun einmal Recht und Gesetz. Im Übrigen geben es "kein Land in Europa, wenn nicht in der ganzen Welt", das so aufnahmebereit sei: "Ich kenne kein Land in Europa, wo man noch so tolerant ist wie bei uns!"

Einspieler "aus der Fußgängerzone" zeigen Einwanderte, die sich skeptisch zur Einwanderung neuer Einwanderer äußern. "Man könnte es auch einen Erfolg der Integration nennen", kommentiert Plasberg, "und ich meine das nicht einmal zynisch", dass Einwanderer teilweise die Sorgen der Einheimischen teilten.

Bis auf Söder, der sich bestätigt fühlt, mag auch in diese Falle niemand tappen. Herrje, es gebe halt solche und solche, man solle sich doch mal mehr auf die positiven Aspekte konzentrieren. Und Angebote machen. Die dann angenommen werden müssten, und sei es auch mit "sanftem Druck" - wie im Integrationsgesetz vorgesehen. Da hat sich diese Sendung, ohnehin harmonisch bis an die offenen Grenzen der Schläfrigkeit, bereits zum dritten Mal im Kreis gedreht.

Auch Plasberg merkt das. Als Nazan Eckes gegen Ende schildert, dass ihre Mutter aus traditionellen Gründen "wegen der Kinder" zu Hause geblieben sei und deshalb nie richtig Deutsch gelernt habe, ruft der Moderator lächelnd dazwischen: "Sie wissen, was jetzt kommt, Herr Söder?"

Herr Söder nickt, hält den Witz noch immer nicht für lustig und das Betreuungsgeld nach wie vor für eine sehr, sehr gute Idee.



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