"Hart aber fair" zur Diskurskultur Das ist kein Junge, das ist ein "Kind mit Penis"

Was heute "Cancel Culture" heißt, nannte sich früher "Kinderstube" - oder? Über die Grenzen des Sagbaren wurde bei "Hart aber fair" gestritten. Und immer wieder spukte die AfD durchs Studio.
Frank Plasberg mit Gästen: Was man sagen darf/kann/sollte

Frank Plasberg mit Gästen: Was man sagen darf/kann/sollte

Foto: © WDR/Oliver Ziebe

Frank Plasberg hat sich redlich bemüht, diese Sendung vor die Wand zu fahren. Gleich zu Beginn, mit Vollgas und aus purem Spaß an der Freude. Da erkundigte er sich mit aufreizender Blauäugigkeit bei Svenja Flaßpöhler: "Was wäre denn so'n Wort, das garantiert einen auslöst?", einen Shitstorm eben. Doch die Philosophin griff ihm sanft ins Steuer und meinte, sie wolle die Sendung nicht "mit einem Tabubruch beginnen".

Tatsächlich hätte ein herausgekrähtes N-Wort oder eine Z-Soße die Frage der Sendung bereits beantwortet: "Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?" Das ist, wenn's schon um Sprache geht, als Motto in schiefem Deutsch auf Krawall gebürstet. Ein erkundendes "Wie wollen wir miteinander reden?" triggert nicht richtig, erst das "darf" unterstellt, es wollten finstere Mächte irgendwelche Verbote verhängen. Dabei ist es ja nur das Internet.

Stephan Anpalagan ist bei Twitter als "politischer Beobachter" unterwegs und kann nicht erkennen, dass es eine von den "sozialen" Netzwerken ausgehende, den allgemeinen Sprachgebrauch einschränkende Entwicklung gäbe. Was heute "Cancel Culture" heiße, sei früher über "Anstand, Kinderstube" und gutes Benehmen geregelt worden, kurz: über den "gesunden Menschenverstand".

Die Idee, im "Netz" manifestierte sich unter mithilfe einiger besonders lauter Schreihälse das "total Böse", hält er für "absurden Kram". In einer zeithistorischen Lage zumal, in der "das Rechtsnationale" längst "in die Mitte der Gesellschaft" eingedrungen sei. Damit steht erstmals und schon nach wenigen Minuten die AfD wie ein Gespenst im Raum, wird aber nicht aufgegriffen und verflüchtigt sich wieder.

Das ist kein Junge, das ist ein "Kind mit Penis"

Svenja Flaßpöhler hingegen findet schon, dass "der Pfad des Sagbaren" schmaler geworden sei. Im "politischen, publizistischen, sittlichen" Sinne. Es käme inzwischen nicht mehr "auf die Situation an, in der ein Wort benutzt wird", sondern nur noch darauf, ob der belastete Begriff überhaupt Verwendung findet. Derlei totalitärer "Sprachrigorismus" sei abzulehnen.

Der Schriftsteller Jan Weiler möchte in diesem Zusammenhang mit der Anekdote punkten, ein Bekannter habe seinen "Sohn" aus dem Kindergarten abholen wollen, sei aber dahin gehend korrigiert worden, der "Junge" sei neuerdings ein "Kind mit Penis". Plasberg kauft's ihm nicht ab: "Tschuldigung, das haben Sie sich ausgedacht!"

Weiler legt nach, nicht die unschuldige Sprache müsse entdiskriminiert, sondern "die Diskriminierten müssen von Diskriminierung befreit werden". Und "das Netz" sei in der Tat ein Forum, in dem "eine gewisse Kulturbanausität hemmungslos ausgelebt" werden könne. Anders als früher in den Leserbriefspalten gebe es hier die "schrankenlose Möglichkeit, sich über den größten Quatsch aufzuregen".

R. Kelly verdient weiter Geld mit seiner Kunst

Mit seinem Laissez-faire ("Solange das nicht strafbewehrt ist … hey!") kommt er aber bei Stefanie Lohaus nicht weit. Die Herausgeberin des feministischen "Missy Magazine" weiß "aus Geschichte und Hirnforschung" zweifelsfrei: "Vor der Gewalt kommt immer die Sprache", die sei also gar nicht unschuldig.

Ferner sei "Cancel Culture" eine Chimäre, ein übergriffiger Komiker "Louis C.K. tourt ganz munter weiter" und auch ein inhaftierter Sexualstraftäter wie R. Kelly verdiene noch Geld mit seiner Kunst. Zwar ließen sich, gerade in den USA und dort im musealen oder akademischen Betrieb, mühelos gegenteilige Beispiele finden.

Vorbereitet aber ist leider ein Einspieler mit ausgerechnet Dieter Nuhr, der nicht allseits beliebt, aber alles andere als "abgeschaltet" ist. Desgleichen die "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau"-Affäre des WDR, die Anpalagan für den Hinweis nutzt, das danach Rechtsextremisten die verantwortlichen Redakteure bedroht hätten - nicht nur im Netz.

Genau hier verläuft der Graben in dieser Sendung.

Weiler und mehr noch Flaßpöhler (sowie Jürgen von der Lippe in einer Nebenrolle als "alter weißer Mann") sehen das eigentliche Problem in einer Realität, die sich um Sprachkosmetik nicht kümmert. Lohaus und Anpalagan weisen nimmermüde darauf hin, dass Sprache der Gewalt vorausgeht oder Diskriminierung "reproduziert" und damit verlängert.

Alle laufen rum, "wie eine offene Wunde"

Flaßpöhler fragt: "Auf welcher Ebene wollen wir kämpfen", Sprache oder Wirklichkeit? Für Anpalagan hingegen ist Sprache identisch mit einer Wirklichkeit, in der Menschen allein wegen ihrer exotischen Nachnamen übelsten Drohungen oder strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind.

Flaßpöhler erklärt, Rücksichtnahme auf jedes einzelne Individuum und dessen Gefühle führe in einen "unendlichen Regress" und letztlich in eine "Euphemismus-Tretmühle" (Steven Pinker), weil früher oder später auch der vermeintlich liebenswürdigere Begriff die Konnotation des Wortes annimmt, das er ersetzen sollte. Lohaus hält dagegen, Marginalisierte hätten das Recht und neuerdings eben auch die Mittel, sich hörbar zu machen.

Über diesen Graben führt keine Brücke.

Als Flaßpöhler meint, wir liefen "inzwischen alle herum wie eine offene Wunde, die man schützen muss vor Infektion", wir müssten uns besser gegen Kränkungen "immunisieren", bezichtigt Lohaus sie einer "rechten Rhetorik". Immer, wenn Minderheiten ihre Rechte einforderten, "wird das Ende des Abendlandes ausgerufen". Wieder klopft die AfD an die Tür, dabei war die gar nicht eingeladen.

Kichernd erzählt der Koch von den ach so "woken" Gästen

Plasberg erkennt "das Problem, dass man ganz viel voraussetzen muss, um die Debatte zu verstehen". Mit freundlicher Insistenz lässt er sich zentrale Fachbegriffe des hochspezialisierten Diskurses erklären, die allen Beteiligten so leicht über die Lippen gehen. Was ist ein "framing"? Was meinen wir mit "divers"?

Und was halten wie von Andrew Onuegbu aus Biafra, der in Kiel das Restaurant "Zum Mohrenkopf" betreibt? Kichernd erzählt der Koch, wie er sich zwei "woken" (noch so ein Fachbegriff) und entsprechend empörten Gästen mehrfach als Chef vorstellen muss, weil die Besucher einerseits den "Mohrenkopf" rassistisch finden, ihn andererseits aber nicht als Chef ernst nehmen können: "Ich finde es schlimm", sagt Onuegbu, "wenn Menschen mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind".

Der abfällige Fachbegriff für resiliente Menschen wie Onuegbu lautet "token", aber Anpalagan will ihn nicht verwenden, erzählt lieber von "Juden in der AfD", und da ist sie endlich, die AfD, worauf Plasberg nur gewartet hat: "Was ich mal toll fände, wenn man diese AfD… - warum muss man die AfD rausholen?".

Ja, warum?

Vielleicht, weil diese Partei den "Pfad des Sagbaren" nicht erweitern, aber in ihre Richtung verschieben will - mit dem Ziel, eine sehr reale Verengung der Freiheiten migrantischer oder sonst wie marginalisierter Elemente dieser Gesellschaft zu betreiben.

Und dann stellt sich der Moderator wieder dumm

Weiler möchte nicht "ständig die Begriffe mit irgendwas Gefährlichem aufladen", Herrgott, jaja, die AfD: "Was diese politische Zombie-Apokalypse da abzieht, ist doch völlig unwichtig!". Weiler kann sich diese Einschätzung leisten, andere Menschen nicht. Zwischen ihnen verläuft der Graben, und da verläuft er falsch. 

Bei Twitter kann man sich übrigens wunderbar darüber lustig machen, dass der Moderator sich dumm stellt und Fachbegriffe erklären lässt "like I'm five". Womöglich war genau dieser banale Service seine journalistische Leistung an diesem Abend.

Wenn er es nicht tut, tun es die Zombies.

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