"Hart aber fair" zum EU-Jubiläum "In den großen Dingen brauchen wir mehr Europa"

Bei "Hart aber fair" ging es diesmal um den Zustand der EU. In der prominent besetzten Runde gab es viel bayerisches Temperament und einen Ex-AfD-Chef, der nichts von Populismus hält. Die Sendung im Check.

Edmund Stoiber (r.), Markus Preiß (l.)
WDR/Dirk Borm

Edmund Stoiber (r.), Markus Preiß (l.)


Die Sendung: Die EU ist soeben 60 Jahre alt geworden. "Feiern gegen die Krise?", fragte "Hart aber fair"-Moderator Frank Plasberg und ließ in einem Europa-Bürgercheck nach Antworten suchen. Flüchtlingskrise und Brexit haben bekanntlich die weithin verbreiteten Zweifel verstärkt. Doch mittlerweile wächst in Zeiten von Trump, Erdogan und Co. auch eine Gegenbewegung, die sich jetzt erst recht für Europa stark macht. So gab es genug Gesprächsstoff für 75 Minuten durchaus gelungenes politisches Infotainment.

Die Gäste: Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender und bayerischer, bisweilen also skeptischer Europäer; Bernd Lucke, EU-Abgeordneter der Liberal-Konservativen Reformer mit inzwischen sehr ferner AfD-Vergangenheit; Kommunikationsberaterin Louise Mansson, junger EU-Fan aus Schweden mit kosmopolitisch geprägter Biografie; Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg und scharfer Kritiker des Mangels an europäischer Solidarität; Markus Preiß, Leiter des ARD-Studios Brüssel.

Die Diskussion: Bedenkt man, wie oft und wie viel schon über den Zustand der EU - dieses "Bürokratie-Dinosauriers", so ein Zuschauer -, ihre Unentbehrlichkeit, ihre Schwächen, ihre Vorzüge und Fehler geredet und gestritten worden ist, mutet es umso bemerkenswerter an, wenn dieses Thema dann doch wieder für eine ebenso engagierte wie informative und dabei auch noch kurzweilige Debatte taugt. Und dabei muss es nicht mal übermäßig kontrovers oder gar polemisch zugehen, wie sich hier zeigte. Trotz heterogener Besetzung und den daraus folgenden Gegensätzen überwog der Konsens, wo es um das Essenzielle, die Werte, die Grundidee der europäischen Einigung ging. Mal stimmte Lucke Stoiber zu, der unter anderem für ein einheitliches europäisches Asylsystem warb, dann dieser auch schon mal dem Sozi Asselborn. Vor allem aber gefiel sich der Bayer mit administrativer EU-Erfahrung als Entbürokratisierer immer wieder in der Rolle des weltweisen Politik-Erklärers, und das mit Stoiber-typischem Temperament.

Kaum minder wortgewaltig prangerte der Luxemburger die fehlende Solidarität in der Flüchtlingsfrage an, die für ihn eine Art Nagelprobe darstellt. Es wolle ihm "einfach nicht in meinen kleinen Kopf", dass es aufgrund der osteuropäischen Widerstände keine Einigung über die Verteilung gebe, erklärte der Außenminister, der bereits einen Hinauswurf des Orbán-Ungarn ins Spiel gebracht hat. Preiß nickt: Ja, das Flüchtlingsthema könne zum Spaltpilz werden. Lucke konstatierte, offenbar würden die europäischen Werte nicht von allen Ländern geteilt.

Derweil deklarierte Stoiber den Schutz der Außengrenzen zur vorrangigen Aufgabe und forderte: "In den großen Dingen brauchen wir mehr Europa." Einmal in Schwung, rechnete er außerdem vor, wie viel Milliarden Deutschland, das mit seiner Kanzlerin erst mal in einer "Lead-Funktion" sei, für die Flüchtlingsintegration ausgebe und fragte, was denn eigentlich die anderen so zahlten.

Kontraste: Louise Mansson demonstriert mit Tausenden Gleichgesinnten regelmäßig für die EU. Sie verkörperte in der Runde prototypisch jene junge Generation, für die Europa selbstverständlich ist - ziemlich unpathetisch, eher pragmatisch, mit Sinn für die Verantwortung, die aus den Vorteilen von Sicherheit und Frieden erwächst, weltoffen, dabei durchaus mit Forderungen an Zuwanderer, sich an gewisse Regeln zu halten. Per Einspieler kamen junge Frauen aus Tschechien zu Wort, die für die 78-prozentige Mehrheitsmeinung in ihrem Land und ähnliche Stimmungsverhältnisse in Polen, Ungarn und der Slowakei standen und schlicht bekundeten: "Wir wollen keine Flüchtlinge."

Metaphorik: Solidarität lasse sich "nicht wie Wurst in Stücke schneiden", befand Asselborn und setzte damit eine erste Marke. Einem Zuschauer fiel zum Stichwort Osterweiterung eine alte Dame ein, die herrenlose Katzen anlockt. Für das gefühlige Highlight auf dem Gebiet der Bildhaftigkeit sorgte indes Lucke, als er leicht pathetisch die EU mit einem Apfelbaum verglich, der der Pflege bedürfe.

Unvermeidliches: Als Beispiele dafür, um was sich die EU lieber nicht kümmern sollte, mussten wieder mal Gerätschaften wie Duschköpfe und Haartrockner herhalten, mochte Preiß auch anmerken, der Binnenmarkt brauche nun mal Normen.

Der besondere Moment: Als Plasberg den Wahlkampfbrief des niederländischen Premiers Mark Rutte ("Benimm dich normal oder geh weg") zitierte, war es Lucke, der zu Plasbergs Überraschung ("Wie hieß noch mal die Partei, in der Sie früher waren?") am heftigsten widersprach. Das sei "völliger Populismus" und schüre Vorurteile. Er selbst habe solche Positionen nie vertreten. Außerdem benähmen sich die allermeisten Flüchtlinge ordentlich.

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
kritischer-spiegelleser 28.03.2017
1. Mehr Europa, ja
für die wichtigen übergeordneten Themen, aber bitte erst einmal für die Europäer. Da gibt es genug zu tun! Solidarität, Wertegemeinshaft, demokratisches Prinzip, da gibt es innerhalb Europas noch ausreichend Handlungsbedarf. Da muss man sich nicht mit Vorrang um Syrer oder Afghanen kümmern und sich deretwegen die Köpfe einschlagen! Und nur denjenigen die Asylrecht haben sollte man Schutz und Sicherheit bieten. Aber nach dem Niederländischen Prinzip von Bett, Bad und Brot. Diese Leute dürfen in der EU nicht besser leben dürfen als zuhause!
Migräne 28.03.2017
2.
Putzig! Echt süß. Ich will auch kein Geld zahlen für andere EU-Länder. Ich will auch in einer Ehe immer machen, was ich will. Ich will auch in einer WG nie Geschirr spülen müssen. Warum lasse ich mich dann auf all das ein? Ach so, und Montage, Wolken und nasses Wasser will ich auch alles nicht.
i.dietz 28.03.2017
3. Ausgerechnet
der luxemburgische Minister Asselborn fordert mehr Solidarität ? (ich lache mich jetzt noch schief)
qjhg 28.03.2017
4. Herr Stoiber war eine völlige
Fehlbesetzung für dieses Thema. Er hatte seine Zeit gehabt, der jetzige Zustand der EU ist gerade auf Versäumnisse und Beharren auf der Unabhängigkeit der einzelnen Mitgliedsstaaten in der aktiven Zeit des bayerischen Politikers zurück zu führen.
solongcharly 28.03.2017
5. Unisono in allen Deutschen Medien wird Merkels Alleingang...
Unisono in allen Deutschen Medien wird Merkels Alleingang mit ihrer Willkommenspolitik ohne jegliche Absprache weder mit Europäischen Partnern noch dem deutschen Parlament und zuwider geltenden deutschen und europäischen Rechtes verdreht in einen angebichen unsolidarischen Alleingang der Visegradstaaten. Diese wollen sich keine muslimische Parallelgesellschaft aufzwingen lassen und zwar zu recht. Und schon gar nicht unter so fadenscheinigen Vorwänden wie angblicher humanitärer Katastrophe in Ungarn und der ganzen anderen Lügen, die Merkel uns erzahlt hat. Es ist inzwischen aktibisch recherchiert, wie es zur Grenzöffnung kam, jeder Journalist mit einem Rest Ehrgefühl und Verstand kann sich hier historisch gesichert kundig machen.
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