Plasberg-Talk zur Klimapolitik Und dann kam der Mann mit dem 1000-PS-Auto

Wann kippt das Klima unrettbar? Und hilft hier Fleischverzicht, während China munter boomt? Das ließ Frank Plasberg bei "Hart aber fair" debattieren. Hitzig wurde es trotzdem nicht. Gut so.
Frank Plasberg: Wann kommt der Tipping-Point?

Frank Plasberg: Wann kommt der Tipping-Point?

Foto: WDR/ Klaus Görgen

Weckruf oder Panik? Beim Reden über die Folgen der Erderwärmung, sprachlich gerne schöngefärbt zum neutralen "Klimawandel" (es könnte ja auch mal wieder ein kühlerer Sommer kommen), hätte es bei Frank Plasberg hoch hergehen können.

Mit Nina Kronjäger war eine engagierte Schauspielerin geladen, sozusagen als Bürgerin. Mit Bärbel Höhn ein grünes Urgestein, als Berufsrebellin schon in Gorleben. Mit Rainer Hank von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein Wirtschaftsmann, Freund bestehender Verhältnisse. Mit Hans von Storch ein knorriger Klimaforscher , viel zu schlau für den Rest der Runde. Und mit Tino Pfaff ein Vertreter von Extinction Rebellion (XR), als apokalyptischer Freak.

Sorge und damit Thema des Abends war weniger das Klima, seine Erwärmung und deren Folgen. Sondern der Vorschlag von XR, Entscheidungen im Klimasektor in die Hände quotierter, zufällig ausgewählter und weisungsbefugter "Bürger:innenversammlungen" zu legen. Ganz schlimm. Räte. Im Grunde schon Sowjets. Ist das noch Demokratie?

Tino Pfaff, wahrlich kein Trotzki, würde gerne da weitermachen, wo "'Fridays For Future' aufhört". Die jungen Leute würden "gehätschelt und getätschelt", aber es ändere sich nichts. Änderung hingegen bewirkten womöglich unangemeldete Proteste, die Blockade von Zufahrtsstraßen, Konzernen, Banken.

Kronjäger hält Demonstrationen nicht für demokratiefeindlich und fürchtet keine Räte, weil: "Das wird wahrscheinlich in dieser Form sowieso jetzt erst mal nicht stattfinden, insofern macht mir das keine Sorgen".

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Wie würde so eine Bürgerversammlung denn aussehen? Etwa in Thüringen?

Hank hingegen macht dieser Gedanke durchaus "langsam so ein bisschen Sorge", hier finde eine Entfremdung von der Demokratie statt. Demokratie sei erstens eine feine Sache und zweitens "nicht immer das, was einem selbst gefällt!". Worauf Kronjäger zu Recht auf Lobbyisten hinweist, die zum Ein- und Ausgehen im Bundestag sogar eigene Ausweise haben.

Bärbel Höhn schlägt gütlich vor, das Thema "mal offen" zu diskutieren. Mitbestimmungsrechte, "neue Formen" der Demokratie. Suchten nicht alle Parteien händeringend nach neuen Wegen der Partizipation? Hans von Storch fragt: "Sind Sie denn sicher, dass immer die Richtigen gewinnen?".

Denkbar wäre, nur beispielsweise, eine Bürgerversammlung in Thüringen, wo, man weiß es nicht, ein Querschnitt der repräsentierten Meinungen zu ganz anderen Ergebnissen käme, möglicherweise faschistoiden. Pfaff: "Das ist ja wohl polemisch!", es ist aber auch das Problem.

Hank malt denn auch den totalitären Teufel in Form eines "benevolenten, gutmütigen Diktators" an die Wand, wie er XR wohl vorschwebe. Er verweist auf eine ganze Reihe bereits erfolgter Maßnahmen (Elektroautomobilität, Ausstieg aus der Kohle, Klimapaket). Hank verwendet gerne exquisite, ausgesuchte Fremdworte, die er im gleichen Satz erklärt.

Über den Kipp-Punkt kann man streiten

Hans von Storch hingegen ist in seinen Kugelschreiber verliebt. Weite Strecken der Sendung verbringt er in stiller Versunkenheit und kontemplativer Betrachtung des mattschwarzen Schreibgeräts. Zum Leben erwacht der Mann erst, als es "um die Dimension des Problems" geht - nicht um eine drohende Räterepublik, sondern das Klima.

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Das Problem sei die Zahl von "38 Gigatonnen CO2 pro Jahr", die XR gerne bis 2050 "auf null" reduzieren würde. Mit deutschen oder europäischen Anstrengungen sei es nicht getan, er sei oft in China, oje. Hier weniger zu fliegen, da weniger Fleisch zu essen und dort mit dem Bus zu fahren, das nütze nichts. Nützen würde die Entwicklung neuer Technologien, die es "anderen Nationen attraktiv" erscheinen ließen, darauf umzusteigen.

Von einem "Notstandsgefühl" habe er, Hans von Storch, an sich noch nichts gemerkt. Auch erinnere ihn das Wort an die Notstandsgesetze. Er plädiert also eindeutig für Weckruf statt Panik. Zumal nicht nur die globale Dimension, auch die Komplexität des Themas kaum valide Prognosen zuließen. Fest stehe, dass es einen "Kipp-Punkt" gebe, ab dem die Erwärmung der Meere und Atmosphäre nicht mehr aufzuhalten sei. Unklar bleibe, wann genau dieser "point of no return" erreicht sei.

Depressiver Fatalismus gegen manische Dringlichkeit

Höhn und Kronjäger kontern, dass Prognosen der Vergangenheit wesentlich schneller als erwartet eingetreten sind. Und Pfaff, weder Freak noch Apokalyptiker, weist ruhig auf den Umstand hin, dass alle Gefahren "seit 30 Jahren" oder länger bekannt sind - ohne Wirkung auf die Politik.

Bei seinem Appell beruft sich der XR-Sprecher denn auch nicht auf Roger Hallam, den ins Antisemitische irrlichternden Mitgründer der Bewegung. Sondern auf die Nachrichten: "Wollen wir wirklich als die Generation in Erinnerung bleiben, die den Kopf in den Sand steckte, die herumbummelte, während die Erde in Flammen stand?" ist ein Satz, den Uno-Generalsekretär Antonio Guterres zur Eröffnung der 25. Klimakonferenz in Madrid an die Staatengemeinschaft gerichtet hat.

Dem depressiven Fatalismus eines Hans von Storch stellt Pfaff sozusagen manische Dringlichkeit entgegen, während Bärbel Höhn sich freut: alles wie früher in den Achtzigerjahren! Sogar Hank bemüht sich um Optimismus. Wir seien durchaus an einem Punkt, an dem "Empörung selber auch nicht weiterhilft". Nur sei der Mensch die Spezies, die alle Folgen ihres Fortschritts bisher noch immer in den Griff bekommen habe.

Der Vertreter von "Fridays for Hubraum" erklärt sich

Mit Christopher Grau endlich tritt ein Mensch auf, der als Folge des Fortschritts an einem Auto "mit 1000 PS" schraubt. Der Automechaniker ist Initiator der recht erfolgreichen Facebook-Gruppe "Fridays for Hubraum" mit derzeit mehr als 560.000 Mitgliedern und hätte allein durch seine Präsenz eigentlich das Zeug, die Temperatur im Studio steigen zu lassen.

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"Am Anfang war's ein Spaß", erklärt er sein Engagement, und inzwischen redet er wie ein Politiker. Er versuche, mit seiner Bewegung "eine Lenkungswirkung zu erzielen" dahingehend, die Sache mit dem Klima mal nicht gar so dramatisch zu sehen. Gleichwohl hatte er "mit 20 Leuten für drei Tage" daran zu arbeiten, sein Forum von AfD-Sympathisanten und Hassrednern zu reinigen.

Übrig blieb eine Position, die eben auch legitim ist. Es gibt Menschen, die haben Freude an starken Automobilen, sind technikverliebt und wollen dennoch nicht den Planeten zerstören. Rainer Hank würde bei Christopher Grau vermutlich sofort einsteigen.

Und Tino Pfaff stellt fest, dass die Position des Autonarren ebenfalls Platz finden würde in einer Bürgerversammlung.

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