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16. August 2016, 08:01 Uhr

"Hart aber fair" zur Türkei

"Der Doppelpass ist nicht spielentscheidend"

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Türken, Deutsche, Deutsch-Türken und die Probleme der Polarisierung durch Erdogan: Bei Plasberg ging es vergleichsweise moderat zu. Die Sendung im Check.

"Halbmond über Deutschland - wie viel Erdogan verträgt unser Land?", wollte Frank Plasberg wissen. Das klang polarisierend und war auch genau so gemeint. Und ginge es allein nach der Ausbeute an zitierten Zuschauerstimmen bei dieser ersten "Hart aber fair"-Ausgabe nach der Sommerpause, so wäre die besorgte Antwort eindeutig: Die Grenze der Erdogan-Verträglichkeit ist bereits erreicht. An Streitstoff fehlte es also wahrlich nicht. Umso bemerkenswerter, dass die Sendung zwar lebhaft, aber letzten Endes doch nicht ganz so konfrontativ verlief wie manch andere zum Thema.

Die Lage: Die radikal-autokratische Nach-Putsch-Politik am Bosporus droht auch zu einem Problem in Deutschland zu werden, wo die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit von Menschen mit türkischen Wurzeln genutzt wird, den Unterdrücker eben dieser Freiheit als Helden zu feiern. Und das wirft Fragen auf, die zwar nicht ganz neu sind, sich nun aber schärfer denn je stellen mit Blick auf das ohnehin heikle deutsch-türkische Verhältnis. Beispielsweise die, ob man Erdogan bejubeln und gleichzeitig Demokrat sein kann. Oder wie sich eigentlich im Lichte der Entwicklung die Sache mit der doppelten Staatsbürgerschaft darstellt.

Die Runde: Jens Spahn, Finanzstaatssekretär und CDU-Vorständler, hat offenbar den Doppelpass als Wahlkampfthema wiederentdeckt und plädierte, wenn auch etwas halbherzig, für die Abschaffung. SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer hielt dagegen und bemühte sich zugleich bei aller scharfen Kritik an Erdogans Säuberungspolitik immer wieder um eine ausgleichende Position, was auf seine Weise auch "Cicero"-Chef Christoph Schwennicke tat.

Mustafa Yeneroglu, AKP-Abgeordneter und notorischer Erdogan-Propagandist, beklagte seinerseits antitürkische Propaganda in den deutschen Medien, fiel aber ansonsten vor allem durch ungewohnte Zurückhaltung auf. Umso ungehemmter versuchte Wilma Elles, deutsche Schauspielerin mit türkischem Pass, um Verständnis für die Erdogan liebenden Türken zu werben. Emre Yavuz, gleichfalls doppelstaatlicher Medizinstudent aus dem Ruhrgebiet, sollte im Einzelgespräch sagen, ob er für oder gegen Erdogan ist, wollte das aber lieber doch nicht offenbaren.

Differenzierungsversuche: Zur Frage, wie es jemandem wie Erdogan gelingen konnte, zum Helden der Massen auch in Deutschland zu werden, kam außer den üblichen Verweisen auf die Aufsteigerbiographie und die wirtschaftlichen Erfolge eine ziemlich illusionslose Einschätzung von Malu Deyer: Vielfach herrsche bei den Deutsch-Türken das Gefühl, nicht voll anerkannt zu sein.

Es gebe Integrationsdefizite und "nach wie vor Vorbehalte, die mit der Religion zu tun haben." Was den Doppelpass anbelange (Schwennicke: "Der ist nicht spielentscheidend"), so könnten beide Identitäten aber eine Bereicherung sein und die ohnedies schwierige Integration erleichtern. Während Plasberg leicht philosophisch die Frage nach der Heimat ins Spiel brachte, versuchte es Yeneroglu mit einer anderen semantischen Variante: Es gebe ein Mutterland (die Türkei) und ein Vaterland (Deutschland).

Bekenntnisse: "Es gibt keine attraktivere Staatsbürgerschaft als die deutsche", erklärte Spahn unter lebhaftem Beifall und pochte darauf, dass Loyalitätskonflikte infolge von Doppelpässen unvermeidlich seien. Daher solle man zwar mit 18 zwei Pässe haben können, sich aber mit 23 entscheiden müssen. Frau Elles, die im türkischen Staats-TV ein Star ist und Erdogan zu ihren Fans zählt, schilderte derweil, wie schön es sei, sich dank ihres zweiten Passes nun endlich in der Türkei zuhause fühlen zu dürfen.

Bedenkliches: Die Zahl des Abends ("schockierend") präsentierte Plasberg per Einspieler: Für 47 Prozent der türkischstämmigen Deutschen ist die Religion wichtiger als die staatlichen Gesetze. Man müsse sich allmählich fragen, "ob Deutschland zum Islam gehört" und die Religion ein Integrationshindernis bilde, entfuhr es Spahn.

Metaphorisches: Der Pass bedeute "eine Art Ehe mit einem Staat", sinnierte Schwennicke. Und da müsse man sich erst mal scheiden lassen, bevor man sich an einen neuen Partner binde.

Überflüssiges: Vereint, aber nicht eben überzeugend, versuchte das türkisch-deutsche Doppel Yeneroglu/Elles, "den deutschen Medien" die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass hierzulande ein so negatives Bild von der Türkei verbreitet werde. Und das, obwohl es "niemanden gibt, der mehr arbeitet als Präsident Erdogan", wie die Staats-TV-Schauspielerin wissen ließ.

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