Dritte Staffel "Haus des Geldes" Jetzt wird's politisch

Nach dem großen Erfolg von "Haus des Geldes" muss ein neuer Coup her: Die dritte Staffel der Netflix-Serie bedient mal wieder die Publikumsschwäche für sympathische Gauner - und macht doch vieles anders.

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Passanten eilen aus den U-Bahn-Ausgängen zu ihrem Arbeitsplatz, Autos schieben sich durch die Straßen der Innenstadt. Es scheint ein ganz normaler Tag in Madrid. Doch plötzlich kann niemand mehr seine Augen vom Himmel abwenden: Die Lücken zwischen den mehrstöckigen Gebäuden geben den Blick auf mehrere Zeppeline frei. Die Luken öffnen sich - und es regnet Geldscheine. Die Millionen fliegen wie Konfetti durch die Luft. Von jetzt auf gleich ist die spanische Hauptstadt, deren Rush Hour bisher in geregelten Bahnen verlief, ins Chaos gestürzt.

Die Gauner aus der spanischen Serie "Haus des Geldes" waren schon immer stark auf das eigene Image in der Öffentlichkeit bedacht. Zu Anfang der neuen Staffel pflegen sie es ganz direkt mit einem Geldregen - der Dauerurlaub im Paradies fernab von Europol ist eindeutig vorbei. Eigentlich schien die Geschichte der Verbrecherbande in der Serie "Haus des Geldes" (Originaltitel: "La Casa de Papel") um einen Überfall auf die spanische Banknotendruckerei mit anschließender Geiselnahme auserzählt, am Ende setzten sich die Verbrecher mit Millionen ab. Doch wegen des Erfolgs startete Netflix die Produktion weiterer Folgen. Und ja: Auch weiterhin wird Binge-Watching dringend empfohlen.

Schon in den ersten beiden Staffeln funktionierte der Reiz der Reihe stark darüber, dass das Publikum mit den selbsternannten Robin Hoods immer stark sympathisierte - weil man ihrem Selbstbild zwischen Helden und Widerständlern natürlich allzu gern auf den Leim ging.

Ikonen einer politischen Bewegung

Dieses Prinzip setzt sich auch in der dritten Staffel fort. Ganz in der Manier eines Heist-Movies fällt es auch in dieser Staffel nicht schwer, sich auf die Seite der Verbrecher zu schlagen. Und doch hat sich einiges verändert: Die schillernde Zweischneidigkeit der Hauptfiguren zwischen Terroristen und Helden wird eine Nummer größer gedacht.

Denn die Serie bekommt jetzt einen viel politischeren Anstrich. Schon Ende der zweiten Staffel wies der "Professor", der Kopf der Bande, auf die Verquickungen zwischen Politik und Wirtschaft hin: Die Europäische Zentralbank würde immer wieder Geld aus dem Nichts an die Allerreichsten geben, die Banken. Die Bande tue nichts anderes - nur dass es hier Diebstahl genannt werde, nicht Liquiditätsspritze. Jetzt wird er noch expliziter: "Wir trotzen dem System. Wir sagen: 'Genug ist genug'."

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Haus des Geldes Staffel drei: Helden - oder Terroristen?

Der Grund für die Rückkehr der Bande aus dem Exil ist so auch explizit persönlich und politisch zugleich: Der stets verschmitzt grinsende Sonnyboy "Rio" - wie fast alle Mitglieder der Bande trägt auch er als Pseudonym den Namen einer globalen Großstadt - ist gefasst worden, die Behörden verschweigen die Gefangennahme. Offenbar wird er an einem unbekannten Ort gefoltert, einem Richter wird er nicht vorgeführt.

Der Rest der Bande stellt sich mit einem Befreiungsplan so auch gegen einen Staat, in dem offenbar rechtsfreie Räume existieren. Der Gauner-Größenwahn ist hier dringend nötig, um sich gegen ein Unrechtssystem aufzulehnen - und erschöpft sich so, im Gegensatz zu den ersten Staffeln, auch weniger in einer Pose, hinter der häufig gar nicht so viel steckte. Die Robin-Hood-Rechtfertigung des Verbrechens hatte damals bei allen Sympathien auch immer einen faden Beigeschmack, weil es dem Professor und seiner Bande zunächst in erster Linie doch vor allem um die eigene Bereicherung ging.

Am eindrücklichsten spiegelt sich diese Verschiebung in den Salvador-Dalí-Masken, die die Räuber schon immer bei ihren Aktionen trugen. Früher taugten sie nur zur Maskierung, die offensichtliche Anlehnung an die Maske des Terroristen Guy Fawkes - die heute durch die Hacker-Aktivisten von Anonymous in der Öffentlichkeit bekannt ist - erschöpfte sich im Popzitat. Jetzt scheint es, als seien diese Symbole wirklich mit Inhalt gefüllt: Rios Verhaftung sei eine Kriegserklärung, sagt der Professor irgendwann in der neuen Staffel. "Und wir sind der Widerstand." Dieses Mal geht es wirklich ums große Ganze.


Auf Netflix abrufbar.



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