HBO-Serie "Euphoria" High Freaks

Krass, in der neuen HBO-Teen-Serie "Euphoria" werden viele Drogen genommen und viele Penisse gezeigt. Richtig schockieren kann das jedoch nur die, die zu lange in der "Gossip Girl"-Blase gekuschelt haben.

HBO/ Sky

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Der Titel ist natürlich blanker Hohn. Zum letzten Mal wirklich glücklich sei sie im Bauch ihrer Mutter gewesen, schnarrt einem die 17-jährige Erzählerin Rue gleich in den ersten "Euphoria"-Momenten entgegen. Glücklich, bis "die grausame Gebärmutter" sie "zerquetscht" und ungebeten ins Leben gepresst habe, drei Tage vor 9/11, schönen Dank auch.

In einer skandalisierungsfrohen Teletext-Knappstbeschreibung könnte man "Euphoria" als finstere Highschool-Serie beschreiben, in der es reichlich grobe Sex- und Drogenszenen gibt. Hedonismus pur, eigentlich, aber es sieht hier nie so aus, als ob er Spaß macht. Von "Seinfeld" wird ja gern behauptet, eine "Serie über 'nichts' zu sein" - "Euphoria" erfüllt diesen Claim mit zappendusterer Schönheit und in Form von acht schillernd-schlierigen Episodenblasen, denen man jeweils eine Stunde lang gern beim Platzen zusieht. Und danach weiß man dann auch nicht so richtig.

Am besten hängt man sich an Rue Bennett, mit nachfühlbar müder Abgezocktheit gespielt vom früheren Disney-Serien-Sauber-Girl Zendaya. Rue kommt aus dem Sommerferien-Drogenentzug zurück in eine Vorstadt von Los Angeles und hat nicht die geringste Absicht, clean zu bleiben.

Was soll daran schockieren?

Als Kind wurde sie mit allen möglichen psychischen Störungen diagnostiziert. Der Versuch ihrer Mutter, ihr die Diagnose in Glitterpapier einzupacken, ist einer der raren bitterlustigen Momente der ersten Folge: "Viele interessante, intelligente, witzige und kreative Menschen haben die gleichen Probleme wie du: Nimm nur Vincent van Gogh, Sylvia Plath und deinen Liebling, Britney Spears!" Weil die Pillen nicht helfen, versucht es Rue mit wilder Selbstmedikation.

Schwer kontrovers sei "Euphoria" in den USA aufgenommen worden, heißt es in raunenden Artikeln, wegen all der gleichgültig weggeschnupften Drogen, dem semi-explizit gezeigten Sex. Aber wenn man den Film "Kids", die Serie "Skins" oder eine der anderen juvenilen Finstersagen gesehen hat, die es immer schon als Alternativerzählung neben der geglossten "Gossip Girl"-Serienjugend gab, ist dieses angebliche Schockpotenzial kaum zu verstehen. Schaut man "Euphoria" als Erwachsene, ist das vorherrschende Gefühl eher die Erleichterung, dass man selbst schon groß ist.

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HBO-Serie "Euphoria": Rette mich, wer kann

Lediglich ermüdend wirkt im Lauf der ersten Staffel die Masse an nackten Gliedern, die einem allenthalben entgegenflappen: Als Dick Pics auf Handys (Rue erklärt in einem eingeblockten Lehrfilm, wie man das perfekte knipst), in geleakten Sextapes, und schließlich kulminierend in einer Umkleideraumszene, in der es aus allen Ecken untenrum wabbelt. 30 Penisse sind in dieser Szene zu sehen. Geplant waren eigentlich 80, das war dem Sender HBO, der die Serie in den USA ausstrahlte, dann aber doch zu viel.

Vielschichtig vergrimmt

Die ewige Schwänzelei nervt, bis man kapiert: Sie ist nur eine bildliche Umsetzung der Sexwelt, wie sie die jungen weiblichen Figuren erleben - komplett männlich dominiert, durch männliche Fantasien und Perspektiven. Obwohl es eine hoffnungsvolle Szene gibt, in der ein Junge tatsächlich aufhört, das Mädchen beim Sex zu würgen, als sie ihn darum bittet. So etwas fällt einem inzwischen schon als unerwartet und positiv auf, was wahrscheinlich der tristeste Aspekt von allen ist.

Serien-Newcomer Sam Levinson ("Assassination Nation") hat "Euphoria" als Adaption einer gleichnamigen israelischen Serie, die in den Neunzigern spielt, geschrieben und sie unter anderem zusammen mit dem Rapsuperstar Drake produziert. Gelungen ist ihm vor allem die Neujustierung altbekannter Klischeefiguren aus der Standardbesetzung jedes Highschool-Dramas.

In "Euphoria" trifft man alle wieder, nur vielschichtig vergrimmt: Der brüllend männliche Quarterback muss seit Kindertagen das verstörende und missbräuchliche Doppelleben seines Vaters mittragen. Das mopsige Nerdgirl wird dieses Mal nicht erlöst, indem es endlich einen süßen Boy findet, sondern macht Karriere als softdominante Online-Sexerin, die Sugardaddys ausnimmt. Die Cheerleaderin leidet darunter, dass sie sich schon zu sehr daran gewöhnt hat, andere über ihren Körper verfügen zu lassen - in einer ihrer Szenen spielt im Hintergrund das Lied "My Body Is a Cage" von Arcade Fire.

Keine muss die Stärkere sein

Die Neue an der Schule, ein für dieses Genre unverzichtbarer Dramaturgie-Dominostein, ist Transmädchen Jules - die diesen Umstand nicht erklären muss, sondern einfach dabei gezeigt wird, wie sie sich eine Hormonspritze in den Oberschenkel jagt. Jules (Hunter Schafer) hat eine selbstzerstörerische Neigung zu älteren Männern, und es ist ein großer Pluspunkt der Serie, dass sie die Begründung dafür nicht aus ihrem Trans-Hintergrund herbeischwurbelt, sondern in der Trennung ihrer Eltern ankern lässt.

Das Repertoire an Taumelfiguren ist damit noch lange nicht erschöpft, und gelegentlich sind all diese erklärungsbedürftigen Gefühlsblessuren auch zu viel für acht Einstünder. Denn dann muss auch noch die Geschichte von Rue und Jules erzählt werden, der Rührungsplot, der all die Wachstumsschmerzen drumherum überhaupt erst erträglich macht. Die beiden Mädchen finden sich und werden Verbündete, und das schöne an dieser einfach hingenommenen, nicht verpsychologisierten Freundschaft ist, dass keine von ihnen die stärkere sein muss.

Das Rohe und das Zarte, diese Balance klappt in der ersten "Euphoria"-Staffel noch nicht immer. Manchmal zerfusselt die Serie, als wäre sie selbst ein Teenager, leicht ablenkbar und trudelig. Schön und besonders ist aber, wie viel Raum sie ihren Figuren lässt, trotz der knappen Zeit, die ihnen für ihre persönliche Geschichte bleibt. Dafür lässt ihnen die Erzählweise ihre Geheimnisse. Welche tiefere Bedeutung ein zeltähnlicher, weinroter Hoodie hat, in den sich Rue immer wieder wickelt, versteht man beispielsweise erst am Staffelende.

"Euphoria" bemüht sich erst gar nicht, so zu tun, als kapiere es selbst seine Figuren komplett. Vielleicht ist es das Respektvollste, das eine Highschool-Serie tun kann.


"Euphoria". Ab 16.10., 20.15 Uhr auf Sky verfügbar.

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Lord Chandos 16.10.2019
1. Typischer Fall von Selbstzweck
Diesem Artikel hätte es gut getan, wenn die Autorin sich mal etwas weniger an ihrer total-pfiffig-originellen Wortschöpfungssprache gelabt und dem Gegenstand mehr Raum gegeben hätte.
e_pericoloso_sporgersi 16.10.2019
2. Re. "Selbstzweck..."
Mimimi. Rützelartikel sind immer primär Rützelformulierungsfeste, sekundär "korrekt sachbezogen". Ist ja genau ihr Alleinstellungsmerkmal. Ich werde mir Euphoria jedenfalls ansehen, danke für den Hinweis.
Hudson, Jane 17.10.2019
3. Swing the heartache
Wer noch nie auf einer Ketamin-Party war, muss streamen. Swing the heartache! Dragtexte illustrieren da nur das Außenvor.
Lord Chandos 17.10.2019
4. @e_pericoloso_sporgersi
Sie sagen, die Sprache sei Frau Rützels Alleinstellungsmerkmal. Damit benennen Sie präzise das Problem, auf das ich hinaus wollte. Wer seinen Sprachstolz tatsächlich immer über den Gegenstand stellt, der feiert am Ende nur sich selbst. Das ist dann ein sehr trauriges Alleinstellungsmerkmal. Aber SPON neigt bei der Auswahl seiner Autor:innen zu diesen Typen, die in der Hauptsache sich selbst toll finden und erst in zweiter Linie ihren Gegenstand (noch sind wir ja offiziell im Journalismus, hoffe ich). Ich denke da an Lobo, Stöcker & zu oft leider auch auch an Stokowski.
Stefan1Sonic 18.10.2019
5. Da haben Sie zugebenermaßen recht
Zitat von Lord ChandosSie sagen, die Sprache sei Frau Rützels Alleinstellungsmerkmal. Damit benennen Sie präzise das Problem, auf das ich hinaus wollte. Wer seinen Sprachstolz tatsächlich immer über den Gegenstand stellt, der feiert am Ende nur sich selbst. Das ist dann ein sehr trauriges Alleinstellungsmerkmal. Aber SPON neigt bei der Auswahl seiner Autor:innen zu diesen Typen, die in der Hauptsache sich selbst toll finden und erst in zweiter Linie ihren Gegenstand (noch sind wir ja offiziell im Journalismus, hoffe ich). Ich denke da an Lobo, Stöcker & zu oft leider auch auch an Stokowski.
man könnte die Aufzählung noch mindestens um Herrn Borcholte erweitern, allerdings unterscheidet sich Frau Rützel von den genannten Autoren durch eine Besonderheit, nennen wir es ruhig Alleinstellungsmerkmal: Ihre Beiträge sind in höchstem Maße unterhaltsam!
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