HBO-Serien-Meisterwerk Vom Unglück des amerikanischen Traums

Ein Lichtblick im neuen Mittelmaß des Streaming-Überflusses: Mark Ruffalo spielt in "I Know This Much Is True" einen vom Schicksal geplagten Mittvierziger - und seinen schizophrenen Zwillingsbruder. Brillant.
Bohren in offenen Wunden: Mark Ruffalo in der großen Serien-Tragödie "I Know This Much Is True"

Bohren in offenen Wunden: Mark Ruffalo in der großen Serien-Tragödie "I Know This Much Is True"

Foto: HBO/ Sky

Im Moment herrscht ein Diktum mehr denn je: Filme und besonders Serien sollen bitteschön leicht unterhalten, dem Zuschauer ein paar schöne Stunden schenken, der Alltag ist doch wirklich anstrengend genug. Eskapismus bitte!

Der HBO-Sechsteiler "I Know This Much Is True" kommt gerade recht, um daran zu erinnern, dass eine Fernsehserie in erster Linie künstlerische Ausdrucksform ist und keine Wohlfühlbeschaffungsmaßnahme. Kunst darf wehtun, und "I Know This Much Is True" verschwendet keine Zeit, um in ein paar offenen Wunden zu bohren.

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"I Know This Much is True": Befreiungsschlag mit der Machete

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Gleich zu Beginn wird die Hauptfigur, der 40-jährige Dominick, ins Krankenhaus gerufen. Sein Zwillingsbruder Thomas (beide Mark Ruffalo) ist dort eingeliefert worden, er hat sich in einer öffentlichen Bücherei mit einer Machete die rechte Hand abgeschnitten. Die Ärzte könnten sie wieder annähen, aber Thomas protestiert und wehrt sich, er bittet Dominick inständig, die Operation zu verbieten. Der muss innerhalb von Minuten entscheiden, was er tun soll: seinem Fürsorgebedürfnis nachgeben - oder dem mit paranoider Schizophrenie diagnostizierten Bruder seinen Willen lassen?

Die US-Familie als Hort von Traumata

Ein moralisches Dilemma, das keine "richtige" Entscheidung zulässt, ist der angemessene Startpunkt für eine Familiensaga, die sich öffnet wie der gähnende Schlund der Hölle. Die Familie, neben der Tellerwäscher-Millionärs-Saga das Kronjuwel des amerikanischen Traums, ist hier Hort von Traumata.

Unglück bestimmt das Leben von Dominick von klein auf. Lange Rückblenden zeigen die Stationen: Der ungeliebte, brutale Stiefvater, der die Brüder verprügelt und demütigt; die liebevolle, aber hilflose Mutter (Melissa Leo), die an Krebs stirbt und das Geheimnis, wer der Vater der Jungen ist, mit ins Grab nimmt. Thomas' langer Weg in die Krankheit von anfänglicher Übersensibilität bis zu ausgewachsener Paranoia. Dominicks Ehe, die nach einem weiteren Schicksalsschlag scheitert.

Und jetzt, in der Erzählgegenwart angekommen - die Geschichte spielt Anfang der Neunzigerjahre - wird der verletzte und verletzliche Thomas direkt aus dem Krankenhaus in ein Gefängnis für psychisch Kranke eingeliefert, in dem sich seine Gesundheit dramatisch zu verschlechtern droht. Es ist wieder an Dominick, sich der Situation zu stellen und gegen Behörden und Bürokratie zu kämpfen.

Nachvollziehbar ist es schon, dass US-Kritiker den Mehrteiler angesichts dieser Verdichtung von Verzweiflung geradezu widerwillig preisen: als großes Erzählwerk, das aber schwer auszuhalten sei. Dabei ist "I Know This Much Is True" ungemein lohnenswert und trotz aller Düsternis ein wahrer Lichtblick im Gros von Serien, die es sich thematisch und handwerklich allzu bequem machen im neuen Mittelmaß des Streaming-Überflusses. Dass die sechs Teile definitiv nicht bingeable sind, darf durchaus als Auszeichnung gelten.

Genau genommen handelt es sich auch eher um einen mehr als sechsstündigen Autorenfilm, geschrieben und inszeniert von dem gefeierten Indie-Filmer Derek Cianfrance ("Blue Valentine"). Grundlage war der gleichnamige Roman von Wally Lamb von 1998, der unter dem Titel "Früh am Morgen beginnt die Nacht" auch auf Deutsch erschien.

Die Serie entpuppt sich hier wieder als einzig angemessene Form der Literaturverfilmung, weil sie im Gegensatz zum Film freier von zeitlichen Beschränkungen und den damit einhergehenden Beschneidungen ist; der Mehrteiler "Olive Kitteridge" hat vor ein paar Jahren vorgemacht, wie beglückend das Ergebnis sein kann.

Cianfrance nimmt sich mit "I Know This Much Is True" alle Freiheiten, die ihm das Format bietet. Der verwitterte Look schließt an US-Independentfilme an, die Dramaturgie entwickelt einen melancholischen Bewusstseinsstrom, der sich immer wieder zu hochemotionalen Sequenzen zusammenzieht. So formt Cianfrance die Geschichte zu einer großen amerikanischen Tragödie, die nie ins Seifige abrutscht.

Die Frage, die dabei im Mittelpunkt steht, lautet: Wie können wir in einer Welt glücklich werden, in der so viel Leid und Unglück herrscht? Wie gehen wir mit Verlust um, mit Lieblosigkeit, mit dem Gefühl des Alleinseins?

"I Know This Much Is True" nimmt zwar eine Familie in den Blick, die, wie Dominick glaubt, verflucht ist. Aber die Geschichte geht zurück bis zum aus Italien eingewanderten Großvater, einem Narzissten, der in den USA im uneingeschränkten Glauben an das Fortkommen des Individuums durch Selbstausbeutung den Rahmen und Freiraum für seelische Grausamkeiten findet. Insofern fungiert die Serie auch als Psychogramm eines kalten, unnachgiebigen Landes.

In der Doppelrolle der Zwillinge Dominick und Thomas brilliert Mark Ruffalo einmal mehr als bescheidener Großschauspieler, der sich zwar furchtlos in tiefste Abgründe versenkt, dabei aber immer menschlich greifbar bleibt. Eine Oscar-Nominierung wäre ihm sicher - wäre "I Know This Much Is True" ein sehr langer, sehr guter Film. Und nicht eine Serie.

"I Know This Much Is True", sechs Episoden verfügbar bei Sky.

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