HBO/Sky-Serie "Chernobyl" Die Luft glüht, die Wunden glitzern

Die Miniserie "Chernobyl" rekonstruiert das Reaktorunglück von 1986 als Kampf zwischen unabhängigen Experten und Politikern, die die Katastrophe verleugnen. Parallelen zur Gegenwart? Natürlich erwünscht.

HBO/ Sky

Von Till Kadritzke


Die paar Bewohner von Prypjat, die sich noch in der Nacht des großen Unglücks am Stadtrand versammelt haben, sehen in der Ferne nur das Feuer, den Rauch und einen blauen Lichtkegel über dem Kernkraftwerk von Tschernobyl. Fasziniert starren sie an den Horizont, und in diesen Momenten zeigt sich auch die fünfteilige HBO/Sky-Serie "Chernobyl" ganz ergriffen. In Zeitlupe sieht man Kinder spielen, Ascheflocken flirren im Laternenlicht umher. "Die Luft glüht", sagt jemand, und die Bilder wollen dieses Versprechen einlösen.

Es sind Momente des grausigen Glücks, weil von diesen Leuten noch niemand weiß, was ein paar Kraftwerkmitarbeiter zuvor mit eigenen Augen gesehen haben: dass die Grenze zwischen Reaktorkern und Atmosphäre gesprengt ist, dass dieser Sternenstaub tödlich sein kann. Es ist eine Wissenslücke, die Regisseur Johan Renck hier für wenige Momente mit filmischer Poesie füllt, die dramaturgisch aber die Serie als Ganzes antreibt.

Schon zu Beginn der ersten Episode von "Chernobyl", in Deutschland ab Dienstag auf dem Bezahlsender Sky zu sehen, gehen im Kontrollraum des Kernkraftwerks die Reaktionen auseinander. Während ein Mitarbeiter angesichts des im Reaktors ausgebrochenen Feuers kurz vor der Panikattacke steht, verbreitet Chefingenieur Anatoli Dyatlow (Paul Ritter) Zweckoptimismus. Ein Tank könne immer mal explodieren, aber ein Atomkern selbst? Unmöglich. Es geht in "Chernobyl" auch um die Auswirkungen dieser (Selbst-)Täuschung.

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Miniserie "Chernobyl": Tödliche Täuschungen

Der Anfang der Serie folgt zunächst der Ikonografie des klassischen Katastrophenfilms. Um das Ausmaß des Unglücks zu eruieren, starten Mitarbeiter des Kraftwerks zu gefährlichen Missionen im Inneren des Reaktors. Es gibt Verletzungen und Verätzungen, Menschen wähnen sich im Sterben und verlangen letzte Zigaretten.

Und immer wieder beutet die Serie (Regie: Johan Renck) voyeuristisch die für uns Laien fast übernatürliche Faszination des Nuklearen aus: das geheimnisvolle Grafit, das auf gar kein Fall an die Außenwelt gelangen darf, die spontanen Kotzanfälle all derer, die der Strahlung ausgesetzt waren, überhaupt die so wenig durchschaubaren chemisch-physikalischen Gesetze der Kernkraft, die sich hier in glitzernde Wunden und glühende Luft übersetzen.

Dann aber wechselt "Chernobyl" von der Front in die Hinterzimmer und nimmt das Krisenmanagement in den Blick. Gorbatschow (David Dencik) lädt zur Sondersitzung, ein paar staatstreue Bürokraten spielen die Sache runter, nur ein Wissenschaftler wagt Einspruch, erkennt allein an einem Nebensatz im vorliegenden Bericht, dass hier nicht nur ein Tank explodiert ist. Er empfiehlt die sofortige Evakuierung der nahe liegenden Stadt Prypjat, die wegen der Angst vor einer Massenpanik bislang nicht in die Wege geleitet wurde.

Showdown über der Ruine

Waleri Legassow (Jared Harris) heißt dieser Held der Wissenschaft. Zwei Jahre lang war er Chef einer Untersuchungskommission, dann sprach er seine gesammelten Anschuldigungen und Erkenntnisse auf ein Tonband und erhängte sich - eine Szene, die "Chernobyl" als Prolog nutzt.

Zusammen mit dem arroganten Energieminister Boris Shcherbina (Stellan Skarsgard) reist Legassow in der zweiten Episode mit dem Hubschrauber zum Kraftwerk, und der Dialog über den Wolken ist ein erster Showdown zwischen unabhängigem Experten und staatlichem Leugner, zwischen einem der Wahrheit verpflichteten moralischen Gewissen und einem auf Fake News basierenden totalitären Regime.

Auch wenn die Apparatschicks in "Chernobyl" zum Teil bis ins Alberne überzeichnet sind, Wiedergänger aus der Mottenkiste des Kalter-Krieg-Films US-amerikanischer Prägung, ergibt die Verengung des historischen Ereignisses auf den Kampf zwischen ignoranter Regierung und warnender Wissenschaft durchaus Sinn. Es geht Autor Craig Mazin wohl weniger um eine akkurate Rekonstruktion des historischen Ereignisses (die verhindert schon die Besetzung mit überwiegend britischen Darstellern) als um dessen Indienstnahme für gegenwärtige Debatten.

Auch das Setting der Klimakatastrophe besteht schließlich aus verschiedenen Fronten und Hinterzimmern, ihr dramaturgisches Gerüst aus leidenschaftlichem Aktivismus, wissenschaftlicher Expertise und politischen Interessen. So versteht "Chernobyl" den Rückblick auf den bekanntesten Super-GAU der Weltgeschichte auch als Warnung vor dem globalen Super-GAU, der längst begonnen hat.

Im Video: Der Trailer zu "Chernobyl"

HBO / Sky

In diesem Lichte nimmt auch die eingangs erwähnte Zeitlupensequenz nochmals einen bittereren Geschmack an. Schließlich leben anderswo auf der Welt Menschen, die dieser laufenden Katastrophe schon so nah sind wie die Bewohner von Prypjat einst dem brennenden Reaktor.


"Chernobyl" ist ab dem 14. Mai auf Sky abrufbar.

insgesamt 14 Beiträge
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In Kognito 14.05.2019
1. Tschernobyl? - Fukushima! Regierungsversagen und Vertuschung pur!
Tschernobyl war gegen Fukushima ein "Klacks". Bis jetzt gibt es noch spontane Kernschmelze in Fukushima, die Mengen - ein zigfaches von Tschernobyl. Japan hatte 48 h Zeit, im Gegensatz zu Tschernobyl. Was machte die Regierung? NICHTS! Betrachtete das als "private Havarie", statt den nationalen Notstand auszurufen und zu versuchen, mit ALLEN Mitteln eine Notstromversorgung für die auf Batterie laufende Notkühlung zu etablieren. Anschließend wird alles, bis jetzt verharmlost und das Meer verseucht, verdünnt sich ja. Und zu Tschernobyl/Ukraine aktuell - dort stehen nach wie vor die größten Atomkraftwerke Europas, die jetzt mit unzertifizierten Brennstäben (für diese Reaktor-Typen) aus den USA betrieben werden und die verbrauchten Brennstäbe nimmt die USA nicht zurück, wie Russland, sonder die sollen in einem noch zu bauenden "Endlager" bei Tschernobyl gelagert werden. Wer die Ukraine kennt, weiß, wie so ein "Endlager" aussehen wird, wenn der "Westen" es nicht selbst baut.
dr_gb 14.05.2019
2. imdb.com [/title/tt7366338] Rating : 9.5
das ist schon beachtlich, mit aktuell Episode 3 erst am 21. Mai (E04, die letzte, am 2. Juni). Zitat aus überschwenglichen Kommentaren und Rezensionen : ' I felt like I was contaminated by radiation. Although that might sound silly, I really felt unwell after watching "Chernobyl"! '
maipiu 14.05.2019
3. Guter Ansatz
Wenn die Zuschauer kapieren, dass wir nur den einen Planeten haben, den wir weder atomar verseuchen, noch durch Klimawandel und Artensterben beschädigen können, ohne selber daran zu verrecken, dann ist Chernobyl eine gute Serie.
Daniel_Sonntag 14.05.2019
4. Was ich bisher gesehen habe - ganz große Klasse
Konnte bisher nur die erste Folge sehen und war begeistert. Kann mich noch sehr gut erinnern, als die Nachricht (mit Verzögerung) im deutschen Fernsehen kam und meine Eltern richtig besorgt waren. Tschernobyl war ein einschneidendes Erlebnis – Milch sollte nicht mehr getrunken werden, bei Lebensmitteln herrschte große Sorge und die Spielplätze blieben aus Angst vor Kontamination leer. Die gruselige Stimmung von damals nimmt auch die Serie gut auf. Das alle Russen englisch sprechen irritiert etwas, aber die besten Schauspieler und Regisseure sind nun mal englischsprachig. Besonders Jared Harris sticht hierbei, wie schon bei "The Terror", heraus. Kann die Miniserie aufgrund des bisher Gesehenen absolut empfehlen und bin sehr gespannt auf die weiteren Folgen.
baronin 14.05.2019
5. Die Katastrophe ist der Mensch
Der Wirt unserer Stammkneipe machte damals keine Zuchtchampignons mehr auf die Pizza. "Wegen Tschernobyl" meinte er. Dabei glaube ich, der war einfach nur faul. Aber das war echt das Schlimmste an Tschernobyl! Spaß beiseite: Wir haben heute, saisonal bedingt, belastetes Wild und belastete Waldpilze (v.a. Maronen), dass sich jeder Konsum davon verbietet. Wo? In unserem schönen Bayernland. Kümmert keine (Wild-)Sau! Im Umgang mit der Kernenergie zeigt sich, zu welchen unmenschlichen Machenschaften der Mensch fähig ist, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und wie wenig er zu lernen oder zu verstehen oder zu erinnern er in der Lage ist. Was die bösen unter uns anrichten, können die guten in Millionen von Jahren nicht mehr in Ordnung bringen. Wir sind als Rasse nicht auf Dauer angelegt.
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