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ZDF-Serie "Heldt": Ballermann-TV statt "Bella Block"

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ZDF-Krimi Der wirklich allerletzte Bulle

Nüsse futtern, Skater-Cap tragen, Granaten werfen: So stellt sich das ZDF coole junge Cops vor. Doch die neue Krimiserie "Heldt" ist nur Ballermann-TV, das Zweite hat private Erfolgsserien schlecht kopiert. Für so etwas muss die große "Bella Block" abtreten? Eine Schande.

Er sieht aus, als würde er in einer Boutique für Sportmoden jobben. Und leider spricht er auch so. Zu laut, zu gestanzt, als wollte er etwas verkaufen. Der Schauspieler Kai Schumann verkörpert als Titelheld der neuen ZDF-Serie "Heldt" wohl genau das, was man beim Zweiten für einen jungen, coolen Ermittler hält. Er trägt auch in geschlossenen Räumen eine übertrieben große Skater-Mütze, schaufelt sich Nüsse in den Mund, während er Gangster überführt, und selbst in traurigen Momenten legt er selten sein Grinsen ab.

Ja, dieses Grinsen ist das Schlimmste. Denn dadurch setzt sich der Spund am stärksten von all den Ermittlerinnen-Damen ab, die das ZDF jetzt nach und nach in Rente schickt. "Das Duo" wurde schon Mitte letzten Jahres abgesetzt, das Ende von "Rosa Roth" hat das ZDF vor ein paar Monaten verkündet, und wie vor kurzem bekannt wurde, soll es auch nur noch wenige Folgen "Bella Block" geben. Man kann gegen die Krimi-Veteraninnen sagen, was man will, aber haben Sie Charlotte Schwab, Iris Berben oder Hannelore Hoger schon mal blöde grinsen sehen, wenn sie einen Container mit verschreckten verschleppten Ukrainerinnen öffnen? Empathie ist nicht die Stärke des Neuen.

Fingerspitzengefühl auch nicht. Als Heldt in der ersten Folge die Osteuropäerinnen aus ihrer Gefangenschaft befreien will, zündet der Spaßvogel erstmal eine Handgranate. Und wenn ein Kidnapper nicht auspacken will, dann wird er eben so lange kopfüber vom Balkon gehalten, bis er den Mund aufmacht. Polizeiarbeit ist in der Neudeutung durchs ZDF nichts anderes als eine riesige Party mit Feuerwerk. Irgendwie muss man ja die jungen Leute kriegen. Vor allem, nachdem Joko und Klaas nach einigen Gastspielen beim Zweiten auch wieder ganz bei ProSieben sind.

Dann lieber gleich die Sat.1-Dogge

Apropos Privatfernsehen: Das Unangenehme ist, dass sich das ZDF bei seinen Modernisierungsversuchen im Krimibereich nicht von neuen amerikanischen Serien inspirieren lässt, sondern lieber auf die private deutsche Konkurrenz schielt. Gerade hat Sat.1 wieder mit "Der letzte Bulle" Traumquoten eingefahren. 4,6 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 13,3) haben am Montag den Anfang der neuen Staffel eingeschaltet. "Heldt" ist deutlich von der Erfolgsserie beeinflusst. Aber leider gibt es statt des charmant gebrochenem Machismo der Sat.1-Dogge bei der ZDF-Kopie nur dumpfes Mackertum.

Besonders traurig ist dieser Befund vor dem Hintergrund, dass das Zweite schon mal sehr viel weiter war im Serienbereich. Von 2007 bis 2009 sorgte die Krimiserie "KDD - Kriminaldauerdienst" für Furore, die sich in ihrem hohen Tempo und ihrer Figurendichte an US-Serien wie "The Wire" oder "Homicide" orientierte. Der Kritikerzuspruch war enorm, die Quote bescheiden, aber immerhin verirrten sich endlich auch mal ein paar Zuschauer unter 60 ins Freitagabendprogramm des Zweiten. Nach drei Staffeln war Schluss.

Der Sturzflug ins Ballermann-TV, den das Zweite bei seiner verzweifelten Jagd nach jungen Zuschauern mit "Heldt" auf dem 19.25-Uhr-Sendeplatz am Donnerstag unternimmt, verwundert umso mehr, da die Verantwortlichen eigentlich durch einen Blick auf den Vorabend der ARD gewarnt sein müssten. Da floppten fast alle auf jung geschraubten Krimi-Komödien, die unter der Marke "Heiter bis tödlich" ins Programm gehoben worden sind. Schauspieler unter 40 und bunte Kapuzenpullover machen eben noch keinen zweiten Frühling. Schon gar nicht für das als Dritte-Zähne- und Kukident-Sender belächelte ZDF.

Das Problem auf der Jagd nach der Jugend beim Zweiten: Immer wenn die Verantwortlichen denken, sie seien endlich auf der Höhe der Zeit, sind sie schon wieder ein oder zwei Dekaden hinterher. Im Fall von "Heldt" heißt das: Der Soundtrack klingt nach Neunziger-Jahre-Big-Beats, und die Darsteller waren zum Teil im letzten Jahrzehnt bei Sat.1 oder RTL große Nummern.

Okay, mit "Doctor's Diary"-Star Kai Schumann hat man sich jemanden als Hauptdarsteller geholt, dessen Privatfernsehruhm noch nicht völlig verblasst ist, Janine Kunze aber spielte von 1999 bis 2010 in der RTL-Comedy "Hausmeister Krause" mit. Danach kam nicht mehr so viel. Jetzt aber eben "Heldt", wo der blonde Proll-Bomber ausgerechnet eine strenge Staatsanwältin darstellen muss. Naja, so streng nun auch wieder nicht: Um sich ihr Studium zu verdienen, hat Kunzes Staatsanwältin als Unterwäsche-Model gejobbt, weshalb die Buben im Polizeirevier sich bald die ganze Zeit im Internet rumtreiben, um alte Bilder von ihr aufzustöbern. Und da ist es dann schon wieder auf dem Gesicht von Heldt, dieses dümmliche Grinsen.

Liebe gute alte Bella Block, lassen Sie uns bitte nicht allein mit diesen Krimi-Fratzen.


"Heldt", donnerstags, 19.25 Uhr, ZDF

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