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ARD-Doku: Tanzen bis zum bitteren Ende

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Musik-Doku in der ARD Blut, Schweiß, Schlager

Frohsinn bis zum Umfallen: Die ARD-Dokumentation "Schlagerland" zeigt die harte Arbeit hinter der musikalischen Massenbespaßung durch Jürgen Drews oder Helene Fischer.

Deutscher Disco-Foxtrott ist Akkordarbeit. So lange die Maschinen pumpen, müssen die Beine folgen. In der ARD-Dokumentation "Schlagerland" gibt es eine Szene, da sieht man alterslose Pärchen aus dem Ruhrpott mit himmelwärts geföhnten Haaren wie aus Stahlwatte und mechanisch kreisenden Hüften wie aus Titan bis in den Morgengrauen ihre Pirouetten drehen.

Bumm-bumm, links herum, bumm-bumm, rechts herum. Die Stimme aus dem Off erläutert: "Schlager ist die Musik der Menschen, die in der Woche hart arbeiten und am Wochenende noch härter feiern."

Da hilft es natürlich, dass die Lieder auf der Tanzfläche, ob alt oder neu, inzwischen mit einem fast identischen Techno-Beat aufgerüstet sind. Im Dauerschichtbetrieb der Malocher-Disco im Ruhrpott wird sogar Juliane Werdings altehrwürdiges, halbakustisches Drogenlamento "Am Tag als Conny Kramer starb" mit dem immer gleichen antreibenden Stampfen unterlegt.

In Schlagergewittern

Einem Stampfen, das die gesamten 90 Minuten dieses Schlagergewitterfilms nicht wirklich verklingt. Egal, ob in neu abgemischten Versionen von Costa Cordalis' "Anita" und Jürgen Drews' "König von Mallorca" oder in aktuellen Liedern von Helene Fischer und Andrea Berg, sie alle wummern im Stechschritt. Kristina Bach, selber Sängerin, Komponistin und zudem Autorin von Fischers Mega-Hit "Atemlos durch die Nacht", sagt in einer Interviewpassage: "Deutscher Schlager ist technoid, und Techno ist Marschmusik."

Passenderweise wurde vom Filmemacher Arne Birkenstock eine Konzertszene mit Andrea Berg gegengeschnitten, in der diese gerade die Durchhalteparole "Ich werde tanzen bis zum Schluss" schmettert. Das bringt den deutschen Schlager gut auf den Punkt: Frohsinn bis zum Umfallen.

Filmemacher Birkenstock hat zuvor die hintersinnige Dokumentation "Beltracci - Die Kunst der Fälschung" ins Kino gebracht. Für seine Schlager-Odyssee, die am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, geht er nun mit grobem Strich zur Sache. Angetrieben vom genretypischen Bumm-Bumm-Trallala-Bumm-Bumm-Trallala rast er durch ein Land, das auf Schlager gebaut zu sein scheint. Manchmal bleiben die Exkurse an der Oberfläche; der Ostschlager mit Protagonisten wie Frank Schöbel und Ute Freudenberg ist sehr dünn angerissen, die Olympia-Stadion-Superlative von Helene Fischer sind inzwischen reichlich abgenudelt.

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ARD-Doku: Tanzen bis zum bitteren Ende

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Am spannendsten ist die Dokumentation, wo sie den Schlagerbetrieb an der Schnittstelle zwischen populär und prekär zeigt. Arbeit gibt's reichlich im Schlagerland, reich werden nur sehr wenige. Malocher bespaßen Malocher.

Deutschland einig Schlagerland

So wie Jürgen Drews, 71, der am Morgen mit trübem Blick und schreiend bunter Jacke das Haus verlässt, um mittags ein Open Air in Oberhausen zu bespielen, abends die Waldbühne in Berlin und nachts das Spargelfest von Görlitz. Man weiß nicht recht, ob die jungen, blonden, vollbusigen Frauen, von denen er sich auf die Bühne eskortieren lässt, Tänzerinnen oder Pflegerinnen sind. Egal, hoch die Plastikbierbecher.

Deutschland ist im Sommer eine einzige Schlagerparty. Eine weitere Station des Films stellt eine Autobahnbrücke im deutschen Nirgendwo dar, unter der Roland Kaiser, 64, ein kleines Open-Air-Konzert spielt. Auf der Bühne liefert er redliche Arbeit ab, "Dich zu lieben" und "Lieb mich ein letztes Mal" mit Stahltimbre, am Bühnenrand wird er im Fernsehinterview philosophisch: "Was mir am deutschen Schlager fehlt, ist Zeitgeist. Jean-Paul Sartre hat mal gesagt, Kunst sei reflektierte Gegenwart. In den Fünfziger- und Sechzigerjahre war der Schlager das."

Schon wahr, aber wer kann es den heutigen Schlagersternchen verdenken, dass sie jenen tristen Teil der Welt, dem sie gerade erst durch die bescheidene Musikkarriere entronnen sind, aus ihren Liedern ausklammern. So ist es auch bei der jungen Sängerin Franziska Wiese, die der Film bei ihren wechselhaften Etappen auf dem Weg zum überschaubaren Ruhm begleitet. Früher hat sie in einem, wie sie sagt, "Hartz-IV-Center" gearbeitet. "Man macht die Menschen damit nicht glücklich. Habe nicht mehr geschlafen, habe viel geweint."

Jetzt singt sie, zum Beispiel so was: "Hier laufe ich mit der Flut, gehe über heiße Glut, für einen Atemzug Glück." Dazu geigt sie, es ist ihr Markenzeichen, dadurch will sie erkennbar sein. Ansonsten ist sie optisch flexibel. Mal sitzt Wiese für ein Shooting mit Wickellocken, lasziver Schminke und hohen Hacken auf einer Schaukel, beim nächsten Auftritt sind die Haare glatt und die Füße ohne Schuhe.

Letzteres wollte der mächtigste Mann im Schlagergeschäft so. Der heißt Michael Jürgens und ist Produzent der ARD-Samstagabend-Fernsehshow "Das große Schlagerfest". Wer da keinen Auftritt bekommt, kann seine Karriere knicken. Jürgens sagt: "Schlager wird nicht mehr übers Radio verkauft, Schlager wird übers Fernsehen verkauft. Und im Fernsehen braucht man Bilder. Wem es gelingt, seine Musiker sichtbar zu machen, dem geht es gut." Deshalb lässt er den Nachwuchsstar Franziska Wiese in seiner Sendung barfuß über die Bühne tanzen, so sieht Natürlichkeit in einer gänzlich durchkalkulierten Welt aus.

Zur Belohnung darf Blumenmädchen Wiese nach ihrem Lied sogar mit dem Moderator Florian Silbereisen auftreten: Der Schlagerköniginnen-Macher stemmt dabei das Akkordeon als wäre es eine Hantel, Wiese geigt dazu wie Vanessa-Mae im Cola-Rausch. Nach der Show erklärt Silbereisen, dass der Schlager gegen mannigfaltige Konkurrenz anstinken müsse, Sport, Musical, Großevents aller Art: "Der Schlager heute ist nicht mehr der Schlager 1970. Da muss man ran, da muss man abliefern." Sonst, klar, Schluss mit lustig.

Dieses Gefühl fängt die Blut-Schweiß-Schlager-Doku gut ein: Man muss nicht über Hartz-IV-Center singen, um Hartz-IV-Center in seinen Liedern präsent zu haben.


"Schlagerland", Mittwoch, 23.00 Uhr, ARD

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