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TV-Show von Schlagerstar: Zu Gast bei Frau Fischer

Foto: ZDF/ Sandra Ludewig

Helene Fischers Weihnachtsshow Duselei mit Schockmoment

Die Weihnachtsshow von Helene Fischer folgte auch in diesem Jahr dem bewährten Rezept: Fischer singt mit bizarren Gästen alle Lieder, die es auf der Welt gibt. Nur ein paar Mal zuckte man aus dem wohligen Dusel - fünf Überraschungsmomente.

1. Ein-Sekunden-Todesschreck gleich zu Beginn: Nach einem gemeinsamen Medley mit Pur und einem Schrammelduett mit Bryan Adams, als man also bereits ALLES für möglich hält, kündigt Helene Fischer eine junge Frau an, die "ein echtes Multitalent" sei: "Willkommen, Larissa!" Schocker! Macht La Marolt etwa auch mit beim Promi-promiskuitiven Budenzauber? Et tu, Dschungelprinzessin?

Aber nein, zum Glück ist mit "Larissa" nur ein verhaltensauffällig grienendes Kind gemeint, das rhythmisch mit Trinkbechern hantiert. Ansonsten aber treten von Haarknödelgeiger David Garrett über Lena Meyer-Landrut bis Andrea Bocelli alle nur denkbaren Gäste zum Fischer-Duett an. Die meisten von ihnen hatten überraschenderweise etwas zu verkaufen, ein neues Album oder eine Tour im neuen Jahr.

Bizarrster Auftritt: Fischer und Mike Krüger singen zusammen "Mein Gott, Helene", "Der Nippel" und eine angepasste Version von "Bode mit dem Bagger" - "Baggerbaggerbaggerbagger-Baggerloch". Wunschduettgäste fürs nächste Jahr: AC/DC mit "Highway to Helene" und Scooter mit "How much is the fish(er)?"

2. Die beste Botschaft übermittelt paradoxerweise die Berliner Sängerin Oonagh, obwohl sie ihre Lieder in unverständlichem Elbisch präsentiert. Auf die Frage von Fischer, warum diese Musik so viele Menschen fasziniere, sagt sie: "Ich denke, dass man in unserer Zeit immer funktionieren muss, und man sucht dann nach einem Ventil." Die Gastgeberin nickt seufzend - und schürte doch selbst unaufhörlich diesen Höher-schneller-weiter-Funktionierzwang, indem sie bei jedem Gast betonte, wie überaus erfolgreich er oder sie im letzten Jahr gewesen sei, welche großen Stadien sie gefüllt, welche Chartplätze sie belegt und welche Castingshow sie gewonnen hätten.

3. Viel, sehr viel wird gesungen, "Halleluja" und "The Power of Love" hatte man als routinierter Fischer-Allesseher schon in ihrem Weihnachtskonzert in der ARD gehört - doch eine der schönsten Zeilen aus ihrem Oeuvre bleibt trotz 1a-Gelegenheit leider ungeträllert: "Meine Leidenschaft / brennt heißer noch als Gulaschsaft" aus einem frühen Duett mit Florian Silbereisen. Bei einer Art Diashow quer durch ihre Karriere kommentiert die Fischer in der Sendung zwar auch ein Foto just diesen Auftritts, doch eben leider ohne angesungene Soßenstelle. Ein Versäumnis.

4. Dafür gab es andere schöne Textzeilen. "Ihr seid ein Phänomen", dichtet Fischer gleich zu Beginn einen ihrer Hits auf das Publikum um, und tatsächlich kann man ihre Anhängerschaft bei den Kameraschwenks in die Halle kaum anders beschreiben. Schmerzhaft ruft sie im Duett mit Hartmut Engler die Pur-Zeile "ich lieb mich in dir fest" ins Gedächtnis, die ja immer sehr ungut medizinisch-krampfartig oder mindestens nach Blutegel klingt.

Und wenn man sich trotz Feiertagsaufweichung ein schnippisches Gemüt bewahrt hatte, konnte man auch in einem "Halleluja"-Vers, mit dem Rea Garvey die Gastgeberin ansang, ein wenig Ironie erkennen: "But you don't really care for music, do you?" Nach einem Dreistunden-Schweinsgalopp durch Schmalzrock, Pop, Fifties-Tanzmusik, Musical, Rat-Pack-Tribut, Country und irischer Folklore wird man ja wohl noch einmal fragen dürfen.

5. Nach gut einem halben Dutzend Outfit-Wechseln (Favorit: Das kurze Kleid mit Goldschnurapplikationen, das aussieht, als hätten sie unzufriedene Gäste eines Nudellokals mit Spaghetti beworfen), kann Helene Fischer zum Finale tatsächlich noch einmal mit einem Kostüm überraschen: Es ist eine Mischung aus Weihnachtsbaum und Hochzeitstorte, das die Gastgeberin in sanfter Metaphorik ganz langsam immer weiter himmelwärts emporschraubt. Ganz zum Schluss sprüht sie dann auch noch Funken.

Es ist wahr, was sie sagen: Helene Fischer kann einfach alles.

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL u.a. im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.