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26. Dezember 2014, 08:11 Uhr

Helene-Fischer-Show

Asepto-Girl und der Gänsehautmoment

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Einmal alles, bitte! Helene Fischer singt in ihrer Show alles mit allen und gräbt dafür antike Showelemente aus. Schönster, ganz unzynischer Moment: Udo Jürgens letzter Fernsehauftritt.

Die Helene-Fischer-Show muss an Weihnachten erfunden worden sein. Spät am zweiten Feiertag, wenn der Magen brodelt wie ein Kessel brackiger Ursuppe, weil er in den letzten drei Tagen in beliebiger Reihenfolge und pausenlos mit Pralinen, Sülze, Glühwein, Gans, Kardinalsschnitten, Schweineschnauze und Buttercremetorte gefüllt wurde. Super Showkonzept, muss sich ein festtagsgedunsener Fernsehmensch gedacht haben, als er sich wampig und schlaflos im Bett wälzte: Einfach mal alles zusammenschütten, Pop und Operette und Schlager und Nonnengesang und Boxerballett und sprechende Schildkröten und grölende Wetteransager.

Immer rein damit! Verdaut wird dann morgen.

Je nach Geschmack des Betrachtenden war die jährliche Fischer-Leistungschau so auch in ihrer neuesten Auflage wahlweise eine von überzuckerten Showdesignern befüllte tolle Wundertüte - oder eine endlose Reihe von "Oh no, she didn't"-Momenten. Vermutlich ist die Fischer-Show das einzige TV-Reservat für die klassische Showtreppe und ölige Galane, die die Hauptperson des Abends von besagter Treppe auf die Bühne führen. Ganz in Weiß, mit kurzem Cape angetan, wirkt Helene Fischer zu Beginn ihrer Show ein wenig wie eine Superheldin: Asepto-Girl, übernehmen Sie!

In rasendem Tempo geht es dann quer durch die Genres, wie man es von ihren Shows kennt, die Fischer singt und playbackt mit allen, die bei drei nicht auf dem Weihnachtsbaum sind: Peter Maffay, Take That, diversen Musicalcasts, Queen, Andreas Bourani, Bauchrednerpuppen, laienmusikalischen TV-Metereologen. Einziges Bindeglied ist sie selbst, ein sonderbar ältliches Konzept wie bei der Peter-Alexander-Show.

Und dann Udo Jürgens

Alles perfekt einstudiert, perfekt gesungen, doch manches schwer auszuhalten, weil die Unschuld der Alexander-Fernsehjahre eben längst futsch ist, jene frisch gebadetete Salzstangenseligkeit, die zuletzt bei der Abschiedsausgabe von "Wetten, dass..?" so penetrant beschworen wurde, dass man zu Hause auf dem Sofa den Phantomfrottee auf der Haut zu spüren glaubte.

Erwachsene Menschen mit Mäuseohren und in Eselskostümen, völlig überraschende Auftritte von gänzlich ungeplanten Gästen, die die Moderatorin jetzt mal echt total unvorbereitet zur gemeinsamen Sangesnummer drängen, ein Mann, der einer Schildkrötenpuppe im Hochzeitskleid einen Antrag macht - staunend besieht man diese Showexponate aus vergangenen unzynischen Zeiten, und Helene Fischer reibt sanft ein bisschen Schmalzsalbe auf das aufgeraute Zuschauerherz. Das passt, denn ohne ihr inzwischen abgelegtes Cape sieht ihr weißes Outfit obenrum ein wenig nach slutty Karnevals-Krankenschwester aus.

Irgendwo mittendrin dann Udo Jürgens.

Übervorsichtig wird eingeblendet, dass die Show bereits vor zwei Wochen aufgezeichnet wurde, und dann packt es einen nach all der Asepto-Perfektion und dem Backgroundtänzergepuschele dann doch, wenn er ganz einfach am Klavier sitzt und Zeilen singt, von denen plötzlich jede fast absurd bedeutungsvoll klingt: "Und ich reiß' sicher auch keine Bäume mehr aus / Doch ich will und werde noch welche pflanzen." Dann singt Helene Fischer "Merci, Cherie", und Udo Jürgens kriegt nasse Augen.

Ein schöner, stiller Showmoment, tatsächlich, auch das ist mit drin im wilden Gemisch. Ebenso wie Fischers schnickschnackfreie "True Colours"-Duett mit Ordensschwester Cristina, die kürzlich den Gesangswettbewerb "The Voice of Italy" gewann.

Natürlich, das Überlied, sie muss es singen

Doch dann geht es schon wieder weiter im Ich-kann-alles-ich-kenn-alles-Programm, und tatsächlich kann und kennt Helene Fischer ja tatsächlich alles: Sie liebt die Band Evanescence und singt deren Hit "Wake me up", sie liebt Kampffilme wie "Bloodsport" und singt mit einem boxenden Kapuzenmänner-Ballett und einem Apollo-Creed-Darsteller mit Ratsch-und-weg-Trickhose ein bisschen was aus dem Musical "Rocky". Irgendwann im Showverlauf scheint dann tatsächlich ALLES möglich, und als Fischer die WM-Feier in Berlin erwähnt, ist man fast enttäuscht, dass nun nicht tatsächlich die Nationalmannschaft in Glitzertrikots und Sambaschritt hereintanzt, um die alte Tradition der singenden Fußballmannschaft wieder aufleben zu lassen.

Natürlich fällt irgendwann auch das liedgewordenen Damoklesschwert des Abends, "Atemlos durch die Nacht", sie muss es bringen, selbst wenn Helene Fischer ihr Überhit selbst schon zu den Ohren herauskommen sollte. Sie singt ihn in einem Medley aus 14 verschiedenen Musikstilen, Country, Latin, Rockabilly, Reggae und so weiter, im Prinzip fehlen am Ende nur noch eine Crazy-Frog-Version und eine von Seehunden gehupte Variante.

Nach ungefähr zwei Stunden seilt sich Helene Fischer dann von der Hallendecke ab, in einem roten Knalleng-Anzug, so etwa Britney Spears anno 2000. Das ist der Moment, in dem die Restfamilie geschlossen das Wohnzimmer verlässt (Vorwand: zweites Abendessen), doch man selbst hat jedes Sträuben da längst aufgegeben und wünscht sich inzwischen fast, die Show würde niemals aufhören, würde immer weitere absurde Gäste und Tanzeinlagen und Kostüme aus dem Hut zaubern.

TV-Meteorologen im autogetunten Playbackdebakel

Irgendwann gegen 23 Uhr - die abgängige Familie hatte gerade schuldbewusst ein Leberwurstbrot durch die spaltbreit geöffnete Wohnzimmertür gereicht - ist man dann glücklich vollends im Reich des Absurden angekommen: Fünf TV-Metereologen diverser Sender singen Lieder mit Wetterthematik. "I'm walking on sunshine", "She's like the wind", ein autogetuntes Playbackdebakel. Zuletzt sah man so etwas beim "Blauen Bock", wo ja auch stets Sportler oder Schauspieler zu sonderbaren selbstreferenziellen Gesangsnummern genötigt wurden.

Dann ist es zu Ende, nach Stunden, vielleicht auch Tagen, an Weihnachten verliert man ja gerne mal ein wenig das Zeitgefühl. Wie das Sättigungsgefühl ja auch. Am Ende eines langen Abends stehen die Hashtags "#HeleneFischerShow" und "#vollgefressen" zusammen ganz oben in den Twittertrends, ein schönes, stimmiges Bild.

Und der Magensaft blubbert leis' eine letzte "Atemlos"-Variante.

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