Helmut Dietl Ein Münchner im Himmel

Helmut Dietl ist präsent wie lange nicht: Seine Memoiren liegen vor, eine Ausstellung läuft, und heute zeigt das Bayerische Fernsehen einen langen Dietl-Abend mit Dokumentation und Werkschau. Da merkt man erst wieder, wie sehr er fehlt.

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Über dem Eingang ist ein rot leuchtender Schriftzug angebracht, den Schwung der Schrift erkennt man gleich, aber da steht nicht "Rossini", wie über dem Lokal aus dem gleichnamigen Film Helmut Dietls. Da steht "Monaco". Das ist schon die erste schöne Idee der wunderbaren, von dem Journalisten Claudius Seidl kuratierten Ausstellung über Helmut Dietl im Münchner Literaturhaus, in dieser Idee steckt schon alles drin, was die Ausstellung ausmacht und in gewisser Weise auch das Schaffen des im März 2015 viel zu früh verstorbenen Regisseurs: Es ist eine genau durchdachte Konstruktion. Die Wirklichkeit wird auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt, so dass etwas Neues, vielleicht nichts Wirkliches, aber Wahres entsteht.

Drinnen kann man sich dann tatsächlich hinsetzen, an einen der Tische, auf denen Kerzenständer stehen, mit Kerzen drin, aus denen elektrische Flammen lodern. Gleich könnte ein Kellner kommen und die Bestellung aufnehmen, aber der Kellner ist noch nicht da, da kann man also noch ein wenig plaudern, und wenn man Glück hat, dann darf man plaudern mit Tamara Dietl, geborene Duve, der letzten Ehefrau Dietls, Begleiterin seiner letzten 15 Lebensjahre.

"Der Künstler durfte nicht so stehen bleiben"

182 Kisten Nachlass hat sie gesichtet, den ganzen letzten Herbst und noch das Frühjahr über, befreundete Schlossbesitzer im Fränkischen haben ihr zwei Säle zur Verfügung gestellt, um alles ausbreiten und sortieren zu können. Dabei wurde ihr klar, dass es diese Ausstellung geben sollte. Aus zwei Gründen.

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Helmut Dietls Erfolge: Stenz, Schtonk und Stars

Der eine: Sie brauchte bei dieser traurigen Aufgabe ein schönes Ziel, etwas, worauf sie hinarbeiten und sich freuen konnte. Und der zweite, der "tiefere seelische Grund": "Weil ich finde, dass dieses Zettl-Desaster und die Krankheit nicht das letzte Bild Helmut Dietls in der Öffentlichkeit bestimmen sollten. Der Künstler durfte nicht so stehen bleiben. Ich wollte, dass er die Anerkennung als Künstler bekommt, die er verdient. Dann noch das Buch dazu, die Straße, die Dokumentation - jetzt wird's rund."

Über das Zettl-Desaster reden wir hier nicht weiter, es war halt ein Desaster. Das Buch: "A bissel was geht immer", die wunderbar sympathisch erzählten, aber leider unvollendeten und daher mit nur 352 Seiten viel zu kurzen Memoiren Helmut Dietls, jüngst bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und uneingeschränkt zu empfehlen. Die nach ihm benannte Straße im Werksviertel am Ostbahnhof. Und die Dokumentation: Ein langes autobiografisches Interview, das Dietl wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag dem Fernsehautor Lars Friedrich gegeben hat, schon deutlich gezeichnet vom Krebs, aber lebendig und lustig und herzlich. Das Bayerische Fernsehen zeigt den Film heute im Rahmen eines "großen Helmut Dietl-Abends", nach Dietls Erfolgsfilm "Schtonk!" und vor der achten Episode seiner TV-Serie "Monaco Franze", der fünften von "Kir Royal", der ersten der "Münchner Geschichten" und, dann schon ziemlich tief in der Nacht, der zweiten Episode von "Der ganz normale Wahnsinn".

"Das hab' ich alles schon künstlerisch verwertet"

Eigentlich braucht man das Buch nicht zu lesen und die Ausstellung nicht zu besuchen, man sollte es zwar unbedingt tun, denn beide sind sehr gelungen, aber es reicht wahrscheinlich dieser Abend, um sehr viel zu erfahren über Helmut Dietl, der einmal gesagt hat: "Wer etwas über mein Leben wissen will, der soll sich meine Filme und Serien anschauen." Irgendwie ging es da immer um ihn, seine Kunst war die Überhöhung der eigenen Realität. Für die Menschen um ihn konnte das irritierend sein, für Tamara Dietl war es das jedenfalls zunächst.

Als sie im Frühjahr 2000 bei ihm eingezogen ist, zum ersten Mal mit einem Mann zusammengezogen, da war die Wohnung voll. Dietl war sammelwütig, es war kein Tisch, kein Stuhl, kein Regal mehr frei. Sie ist eine ordnungsliebende Frau, sie hat das nicht ausgehalten und ihm das auch gesagt. Darauf Dietl: "Liebling, des brauch ich jetzt gar nicht, diese Auseinandersetzung, das hab' ich alles schon künstlerisch verwertet." Ging ans Regal, holte eine VHS-Kassette, "Der ganz normale Wahnsinn", vielleicht die Folge drei, packte sie in den Videorekorder, spulte vor, und sie dachte, das kann nicht wahr sein: "Da steht der Glanz, die Hauptfigur, in genau diesem Chaos, und auch die Dialoge dieselben."

Ihre Bedingung für den Einzug war dann, dass sie aufräumen darf. Das habe er noch nie einer Frau erlaubt, sagte Dietl, aber ihr würde er es jetzt erlauben. 69 Müllsäcke hat sie damals aus der Wohnung herausgetragen. Der Schriftsteller und Freund Patrick Süskind, der im selben Haus wohnte, kam ab und zu vorbei und sagte, Mauserl, mach ein Foto, so schön ordentlich wird's nicht lange bleiben.

Einige Jahre später arbeitete Dietl am Drehbuch seines Filmes "Vom Suchen und Finden der Liebe", er gab es ihr zur Lektüre. Und wieder konnte sie es nicht glauben: Ein Teil des Drehbuchs bestand aus realen, auch intimen Dialogen des Paares. Sie: "Ja spinnst du?" Er: "Ja, wieso nicht, Liebling? Es geht doch nicht um die Wirklichkeit. Es geht um die Wahrheit." Wenn es nur um seine Realität gegangen wäre, die hätte ja niemanden interessiert, sagt Tamara Dietl. Aber es ist ihm gelungen, auf der Metaebene die allgemeingültige Wahrheit zu erzählen, und die betrifft viele.

Kein gewürfelter Leberkäs ohne Dietl

Tamara Dietl ist 1964 geboren, sie ist Hamburgerin, sie kannte seine ersten Serien nicht, als sie ihn kennen lernte, und ahnte nicht die Dimension seiner Popularität: "Ich habe das erst 2005 begriffen, als die Tochter in den Kindergarten gekommen ist. Wir haben das im Hintergrund gehalten, dass sie die Tochter von Helmut Dietl ist, aber irgendwann war das nicht mehr zu verheimlichen, weil er sie auch mal abgeholt hat. Da fingen dann andere Väter an, mir zwischen Tür und Angel ganze Dietl-Szenen auswendig vorzuspielen, da habe ich zum ersten Mal verstanden, welche Bedeutung er für viele Menschen hat. Gerade Männer."

Stimmt schon. Und es bleibt ja längst nicht dabei, dass man als einer, der das alles schon als Kind und dann immer wieder gesehen hat, diese Szenen auswendig kann. Es ist ja sogar so, dass man als Dietl-Verehrer nicht einmal in der Lage ist, einen gewürfelten Leberkäs als Brotzeit zu verzehren, ohne an die Szene aus Folge 8 des "Monaco Franze" denken zu müssen, in der Ruth Maria Kubitschek als Antiquitätenhändlerin Annette von Soettingen gemeinsam mit ihrer Freundin und Angestellten Olga (Christine Kaufmann) genauso eine Mahlzeit einnimmt, weil sie sich wegen der schlechten Wirtschaftslage nichts Teureres mehr leisten kann, während gleichzeitig der treulose Gatte Franz (Helmut Fischer) im Englischen Garten ein Gourmet-Picknick für eine ganze Gruppe reizender Studentinnen ausgibt.

Der Monaco Franze (Helmut Fischer) beim Picknick
DPA

Der Monaco Franze (Helmut Fischer) beim Picknick

Und wenn man ganz ehrlich ist, dann muss man sich eingestehen, dass man den Leberkäs von Anfang an und wahrscheinlich sowieso nur deshalb gewürfelt hat, weil man sich einmal wieder heiter an diese Szene erinnern wollte, da schmeckt er dann nämlich gleich noch besser, der Leberkäs.

Was also eine weitere und sich hoffentlich ewig fortsetzende Wirkung des Dietl'schen Schaffens ist: Nicht nur hat er sich an der eigenen Realität bedient und aus dieser eine neue, allgemeingültige Wahrheit geschaffen, es ist auch so, dass seine imaginierte Welt so prägend war und ist, dass sie fortwirkt in die ganz konkrete Realität seines Publikums, das bewusst oder unbewusst Redensarten, Dialoge, Manierismen, ja die ganze Lebenseinstellung und Weltsicht der Dietl-Figuren ins eigene Leben übernommen hat.

Ein letzter Film mit Josef Hader und Katja Riemann

Für Tamara Dietl ist der Abschluss der Arbeit an der Ausstellung ein Schlusspunkt - und eine Entäußerung: "Dieser Künstler gehört mir nicht, er gehört den Fans, der Öffentlichkeit. Ich möchte auch nicht die Dietl-Witwe bleiben. Ich möchte mein eigenes Leben weiterleben." Ihr bleibt der Ehemann, der Vater ihrer Tochter, die gemeinsamen Jahre. Und der allerletzte Film, den sie unter Verschluss hält: Die Geschichte eines todkranken Regisseurs mit seiner liebenden, pragmatischen Frau, die ihn am Ende rettet. Davon gab es nur ein Exposé und ein paar fragmentarische Szenen. Josef Hader und Katja Riemann hätten die Hauptrollen gespielt, es war schon alles abgemacht. Der Titel: "Ich freue mich, wenn es regnet…...", eine Anlehnung an das Karl-Valentin-Zitat: "Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch."

"Das wäre der letzte Film gewesen. Aber das ist unsere Geschichte. Die bleibt bei mir", sagt Tamara Dietl, und weil immer noch kein Kellner kommt, darf man sich vielleicht selbst noch etwas zusammenspinnen, am Tisch dieses wahren falschen Restaurants "Monaco", und sich fragen: Was für einen Film würde er wohl heute machen, der Dietl, wenn er noch leben würde, wenn er die Zettl-Schmach hinter sich gelassen hätte, was würde ihn heute interessieren?

"Dann hätte er, vergleichbar mit "Schtonk", noch mal angefangen, sich mit der politischen Situation zu beschäftigen", sagt Tamara Dietl, "das hätte er mit Sicherheit gemacht. Für Politik und Geschichte hat er sich sehr interessiert."

Als sie kürzlich in der Zeitung ein Streitgespräch von Frauke Petry und Sahra Wagenknecht gesehen hat, da hat sie sich gedacht, das wäre es gewesen, ich hätte die Zeitung mitgebracht, er hätte sie sich hingelegt, und dann hätte er gesagt: Das ist der nächste Stoff.

Die beiden Populistinnen von den entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums, in ihrer verbissenen Humorlosigkeit erstaunlich ähnliche Figuren - diese sowieso schon komische Konstellation dann noch auseinandergenommen, überhöht und wieder zusammengesetzt von Helmut Dietl, diese Wahrheit hätte man schon sehr gerne noch gesehen. Die elektrischen Kerzen flackern munter weiter, aber der Kellner kommt jetzt wohl doch nicht mehr. Schon a bissel schad.


Ausstellung "Der ewige Stenz - Helmut Dietl und sein München", Literaturhaus München, noch bis 26. Februar 2017.

Dietl-Abend im Bayerischen Fernsehen, 22.10.: "Schtonk!" (20.15 Uhr), "Schwermut und Leichtigkeit. Dietls Reise" (22.20 Uhr), "Monaco Franze - Der ewige Stenz" (23.05 Uhr), "Kir Royal" (23.50 Uhr), "Münchner Geschichten" (23.10., 0.50 Uhr)

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
kjartan75 22.10.2016
1. Interessant...
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass Dietl für viele in Deutschland so einen Einfluss hat. Ich persönlich konnte mit seinem Werk absolut nichts anfangen und habe auch nie wirklich Zugang zu seinen Themen im Film/TV gehabt. Von daher kann ich diesen Kultstatus nicht ganz nachvollziehen und was ihn insbesondere ausgezeichnet hat. Vielleicht rührt ja dieser Kultstatus auch daher, weil an sich die deutsche Film-/TV-Landschaft in der Sparte Fiktion qualitativ im internationalen Maßstab ziemlich unterdurchschnittlich ist (auch wenn es durchaus Lichtblicke gibt wie etwa "Weißensee").
competa1 22.10.2016
2. Die Gnade der frühen Geburt..
..hat es mir ermöglicht,solche TV Perlen wie Monaco Franze und Kir Royal sehen zu dürfen.Wiederholungen?Fehlanzeige.Dafür 20 mal den gleichen Tatort:-(
thomas.d. 22.10.2016
3.
Machs besser du Depp
haimer 22.10.2016
4. Bei Dietl's Filmen
hilft es, ein bayerisches Innenleben zu haben. Niemand konnte die Münchner Seele so auf den Punkt bringen wie er. Pfiat di Helmut!
hrlange 22.10.2016
5. Lobhudelei
Man soll ja über Verstorbene nichts Schlechtes sagen, aber die Lobhudelei über die Filme von Dietl ist hier (und wie neulich auf 3sat "Kulturzeit") sehr übertrieben und unangemessen. Kein kritisches Wort ist zu vernehmen. Meiner Ansicht nach sind seine Filme sehr mittelmässig und unbedeutend. Bemerkenswert ist, dass keiner meiner französischen Filmfreunde den Namen Dietl jemals gehört hat, geschweige denn einen Film von ihm gesehen hat.
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