Helmut Schmidt bei "Beckmann" Ausnüchterung mit Mentholrauch

Altbundeskanzler Helmut Schmidt sitzt bei "Beckmann" und liest den Sozialstaats-Kritikern die Leviten. Statt Geschrei empfiehlt er Gelassenheit. Die Atmosphäre der Altersweisheit wird nicht mal dann gestört, wenn Schmidt Barack Obama mit Hitler vergleicht.
Von Reinhard Mohr
Helmut Schmidt mit Fritz Stern bei "Beckmann": Seine Botschaft ist die große Ernüchterung

Helmut Schmidt mit Fritz Stern bei "Beckmann": Seine Botschaft ist die große Ernüchterung

Foto: DPA

Diese Ruhe plötzlich. Keiner schreit durch die Gegend: "Hartz IV". "Schneeschippen". "Schamlos". "Zynisch". Stattdessen sagt Helmut Schmidt über seinen verstorbenen langjährigen Freund, den ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: "Gerry Ford war ein typischer Amerikaner. Ein Patriot, und sehr zuverlässig als Person."

Zum wievielten Mal der ehemalige deutsche Bundeskanzler am Fernseh-Schreibtisch von Reinhold Beckmann sitzt, weiß kein Mensch mehr. Neben ihm hat jetzt sein Freund, der Historiker Fritz Stern, Platz genommen - in Deutschland geboren und wegen Hitler nach Amerika ausgewandert. Gemeinsam haben sie gerade das Gesprächsbuch "Unser Jahrhundert" veröffentlicht.

Es geht um das 20. Jahrhundert, "ihr" Jahrhundert. Schmidt, 91, wurde 1918 geboren, einem deutschen Schicksalsjahr zwischen Kriegsende und Revolution; Stern, 84, ein paar Jahre später, mitten in die Weimarer Republik hinein, die Hitler den Weg bahnte.

Natürlich dauert es nicht lange, bis Beckmann zur aktuellen Debatte um den Sozialstaat kommt, sofern man das eine Debatte nennen will. Ältere Zeitgenossen wissen, dass das alles überhaupt nicht neu ist, aber Schmidt sagt es noch mal fürs Protokoll: Die dramatisch gewachsene Lebenszeit muss auch zu einer längeren Lebensarbeitszeit führen. Wohlverstanden, nach hinten und nach vorne. Will sagen und auf Hamburgisch: "Nich so lang herumstudieren!" Aber auch: Mit 47 noch mal einen anderen Beruf erlernen. Und später vielleicht wieder etwas anderes machen. Das Warten auf die gesetzliche Rente wird sich sowieso immer weniger lohnen, egal, wann sie kommt - selbst wenn sie in Zukunft mehr durch Steuern finanziert werden sollte.

Fritz Stern, ein Anhänger Barack Obamas, kann es noch kürzer machen: "Social Security ist in Amerika Sozialismus".

"Westerwelle hat nicht recht"

Das war das Stichwort. Spätrömische Verhältnisse, Dekadenz, Westerwelle. Schmidt holt seinen Schnupftabak heraus und zündet sich eine jener Mentholzigaretten an, von denen er keine Minute lassen kann. Dann sagt er: "Westerwelle hat nicht recht. Keiner verspricht anstrengungslosen Wohlstand." Soll heißen: Da hat er sich zu Zwecken der politischen Kampfrhetorik einen netten Pappkameraden aufgebaut. So lässt man Luft aus dem aufgepumpten Ballon.

"Ein Meister der Wichtigtuerei" sei Westerwelle, und schon bei der nächsten Zigarette nennt der sozialdemokratische Bundeskanzler a.D. den Wohlfahrtsstaat "die größte kulturelle Leistung Europas" nach dem Zweiten Weltkrieg. Er glaube sogar, dass Amerika den Europäern auf diesem Wege, gewiss nur allmählich und zögerlich, folgen werde.

Allerdings hat Schmidt das Glück, als emeritierter Politiker zu sprechen, der nicht mehr handeln muss. So ist es auch nicht mehr seine Aufgabe, den Bürgern zu erklären, warum Jahr für Jahr immer mehr Geld für jenen Sozialstaat aufgewendet wird, dessen "Abbau" zugleich landauf landab wortreich beklagt wird. Kurz: Er muss sich nicht um die Reform jener Verhältnisse kümmern, die Außenminister Westerwelle im polemischen Ton eines taktisch denkenden Oppositionspolitikers anprangert.

Er kann sich sogar erlauben, auf Beckmanns Frage nach einem gesetzlichen Mindestlohn zu antworten: "Darüber habe ich noch nicht genug nachgedacht." Dafür weiß er empirisch genau und aus eigener Erfahrung, dass sich "der Lebensstandard der kleinen Leute" seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, trotz und wegen des Reichtums der oberen Zehntausend, massiv verbessert hat. "Damals wohnten in einer Hamburger Vierzimmerwohnung nicht vier Menschen, sondern vier Familien, jede in einem einzigen Zimmer."

Obama, Afghanistan, China, Holocaust, Israel

Doch Beckmanns Abfrageliste lässt keine weitere Vertiefung zu. Schnurstracks geht es weiter: Obama, Afghanistan, China, Holocaust, Israel. Und noch einmal schärft sich das klassische Schmidt-Profil. Er mag keine "charismatischen Idealisten" wie Barack Obama, die immer mehr versprechen, als sie halten können und zugleich "mehr Unheil" anrichten, als sie selber glauben. Als Beispiele nennt er Hitler, Stalin und Mao Tse-tung.

Wenn Westerwelle das sagen würde, gäbe es Rücktrittsforderungen, eine atlantische Krise und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Wenn Schmidt Obama mit Hitler vergleicht, braucht man sich nicht aufzuregen. Man weiß, wie er es meint. Er ist ein gebranntes Kind des 20. Jahrhunderts, er war, bei aller familiären Nazi-Gegnerschaft, Leutnant in der Nazi-Wehrmacht, eben auch ein Verführter mit deutschem Pflichtgefühl, der beinah bis zum Ende des "Dritten Reichs" nichts von den Konzentrations- und Vernichtungslagern gewusst habe, was ihm der deutsch-jüdische Emigrant nur unter freundschaftlichen Mühen glauben will.

Schmidts Botschaft ist also die große Ernüchterung: Nie wieder glauben, schon gar nicht an irgendeine innerweltliche Erlösung. Selbst die Sehnsucht danach macht ihn misstrauisch. Wer Visionen hat, soll zum Augenarzt gehen.

Und immer noch hält Schmidt die Deutschen für "verführbarer" als andere Völker. Sein Gegenmittel trägt den Namen eines römischen Kaisers, Marcus Aurelius, in dessen "Selbstbetrachtungen" sich das Leben zwischen zwei Polen bewege: Pflichtgefühl und Gelassenheit.

Altersweisheit ist eine schöne Sache, erst recht, wenn man ihre Früchte schon ein paar Jahrzehnte lang genießen kann. Leider hilft sie im konkreten Fall auch nicht immer. So kann Schmidt auf dem Hintergrund seiner Kenntnisse über die Geschichte Afghanistans zwar die Klugheit Alexanders des Großen loben, der vor über 2000 Jahren dem Land am Hindukusch nur eine Stippvisite abgestattet hatte, um sich dann rasch wieder aus dem Staube zu machen, doch im Angesicht von Taliban, al-Qaida und weltweitem Terror heute hilft das nicht sehr viel weiter. So äußert er sich einerseits sehr skeptisch zum Krieg in Afghanistan, warnt zugleich aber vor jeder Isolierung Deutschlands, also vor einem einseitigen Rückzug der deutschen Truppen.

Auch sein notorisches Plädoyer für "mehr Respekt gegenüber China" wäre glaubwürdiger, wenn er zugleich mehr Respekt Chinas gegenüber den universellen Menschenrechten fordern würde. Nicht nur sein Freund Fritz Stern würde sich darüber freuen.

"I have promises to keep/ And miles to go before I sleep" - die Zeilen aus einem Gedicht von Robert Frost stehen am Ende des Buches "Unser Jahrhundert".

Helmut Schmidt hat seine Pflicht erfüllt. Jetzt müssen andere weitermachen.

Sie müssen dabei ja nicht immer so laut schreien wie im Augenblick.

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