Helmut Schmidt bei Maischberger "Trost im Jenseits? Nee, brauche ich nicht"

Schmidt-Audienz bei Maischberger: Wieder einmal ließ sich der Deutschen Lieblingskanzler von seiner Lieblingsmoderatorin befragen - und gab sich dabei besonders entspannt.

DPA

Er kam aus dem Urlaub, nicht vom Brahmsee wie einst in all den Jahrzehnten, sondern aus Mallorca. Das offenbarte er erst ganz gegen Schluss, bei der neunten Zigarette, aber dass diesmal besonders gut reden war mit ihm, war von Beginn an zu merken.

Richtig entspannt saß da bei Sandra Maischberger ein freundlicher alter Herr im Anzug und offenem rosa Hemd, ein bisschen altersmilde fast, und das, obschon er gerade einmal 96 Jahre alt ist und Helmut Schmidt heißt. Dass er aber immer noch der typische Allzeit-Lieblingskanzler der Deutschen ist, wurde ebenfalls gleich klar, als die für derlei seltene TV-Auftritte allein zuständige Moderatorin von ihm wissen wollte, wie es ihm, dem Land und der Welt gehe - Auftakt zu einer globalen wie auch biographischen Tour d'Horizon.

Der Welt gehe es nicht gut angesichts drohender Überbevölkerung und der Krisen, lautete die Antwort, Deutschland hingegen "im Prinzip unglaublich gut". Ja, er sei sogar "ein bisschen besorgt, dass es ihm ein bisschen zu gut geht", ergänzte er später bei Zigarette Nummer sechs mit Blick auf Berlins Position in Europa. Und ihm selbst gehe es "einigermaßen". Maischberger: "Was heißt einigermaßen?" Schmidt: "Einigermaßen heißt einigermaßen."

Es war erfrischend, Schmidt zuzuhören

Bevor es noch etwas persönlicher wurde, hatte aber zunächst der Welt-Ökonom und Politiker das wägende und immer wieder auch sehr deutliche Wort - außer Diensten zwar längst, aber nach wie vor urteilsstark und gerade wegen seines Abstandes zu den gegenwärtigen Problemen von solch pointierter Präsenz, dass es erfrischend war, ihm zuzuhören.

Das Werben der EU um die Ukraine mit "idiotischen Angeboten" etwa nannte er "geopolitische Kinderei." Und zur Frage, ob Putin gefährlich sei, fiel ihm ein, dass er sich nicht so sicher sei, ob die USA wirklich ungefährlicher seien als Russland. Ein Kriegstreiber sei Putin jedenfalls nicht.

Immer dann, wenn möglichst kurze Antworten gewünscht waren, wurde es besonders unterhaltsam. Und gelegentlich ließ er sich auch anmerken, dass er diese Art von Plauderei mit genau dieser Moderatorin wohl ein klein bisschen genoss.

Ob er die FDP vermisse? "Nicht sonderlich."

Die AfD? "Unangenehm", aber schließlich gebe es überall rechts- wie auch linksextreme Parteien.

Der künftige SPD-Kanzlerkandidat? "Nicht aktuell."

Obama ein großer Präsident? "Das würde ich so nicht unterschreiben."

Ob Merkels Griechenland-Politik gut sei? "Weiß ich nicht. Sie macht sie so, wie sie denkt, dass sie richtig ist. Sie macht kleine Schritte, das ist mir sympathisch."

Überhaupt die Griechen mit ihrer "schwierigen" Regierung: Ein Schuldenschnitt sei unumgänglich. Und was Athens Reparationsforderungen anbelange, so müsse man diese "jedenfalls zur Kenntnis nehmen." Die bisherige deutsche Position hierzu sei "unhaltbar".

Als man an diesem Punkt angelangt war und Schmidt bei seiner achten Zigarette, war das Thema der deutschen Vergangenheit bereits in anderem Zusammenhang zur Sprache gekommen - als ernstester und heikelster Teil des Gesprächs, bei dem nicht verborgen blieb, wie schwer sich hier jemand immer noch mit der eigenen Vergangenheit in Krieg und Nazi-Zeit tat, mit bleibenden Narben und Erfahrungen, die bei dieser Generation nie mehr zu überwindende Traumata hinterließen.

Von Auschwitz will er nichts gewusst haben

Dass er je in die Nähe der NS-Ideologie geraten sei, wie von einigen behauptet, sei "dummes Zeug". Er habe als Soldat seine Pflicht getan und zugleich doch dauernd nur gehofft, dass es vorbei sein möge. "Ich mache mir keine Vorwürfe, kein Held gewesen zu sein." Auschwitz? Davon habe er erst zwei Jahre nach dem Krieg gehört. Ob er nicht doch, wie so viele, etwas verdrängt habe? "Nein, nichts gewusst."

Ein Vorbild habe er ohnehin nie sein wollen, ließ er wissen, und das war dann auch die mehr oder minder elegante Überleitung zu jenem Thema, das landauf landab bereits ausgiebig für Gesprächsstoff gesorgt hat: der vermeintliche Mustergatte in der Rolle des Ehebrechers. Da wurde er vergleichsweise wortkarg, verriet aber, dass er seiner Tochter das entsprechende Kapitel in seinem zum Bestseller avancierten Buch vorher zu lesen gegeben habe. Ansonsten müsse einem das erst mal einer nachmachen, 68 Jahre verheiratet gewesen zu sein, und nie an Scheidung gedacht zu haben.

Gefragt, ob dies denn angesichts des programmatischen Titels "Was ich noch sagen wollte" sein letztes Buch gewesen sei, mochte er sich nicht festlegen. Allerdings war man damit nun tatsächlich bei den allerletzten Dingen angekommen und bei all den anderen, die schon starben, bei Bölling, Beitz, Lenz, Weizsäcker, Scholl-Latour. Schmidt probierte endlich auch ein paar widerwillige Züge mit der schon zu Anfang angebotenen E-Zigarette und räumte ein, ja, das Alter sei ziemlich lästig, aber er habe auch nichts dagegen, noch älter zu werden. Verhindern könne er es sowieso nicht.

Trost im Jenseits? "Nee, brauche ich nicht." Loki sei der Meinung gewesen, selbst wenn der Mensch verbrannt werde, blieben die Moleküle und Atome die gleichen. Vielleicht werde daraus mal eine Pflanze. "Da habe ich ihr zugestimmt."



insgesamt 108 Beiträge
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Vergil 29.04.2015
1. Gebauchpinselt
Schmidt wird bei Maischberger und auch hier im Artikel unangemessen hofiert. Für mich liest sich der Artikel allerdings fast schon ein bißchen wie eine Satire; vielleicht ist er ja nicht ernstgemeint. "Immer dann", heißt es da, "wenn möglichst kurze Antworten gewünscht waren, wurde es besonders unterhaltsam." Aha. Belege für diese Unterhaltsamkeit: Ob er die FDP vermisse? "Nicht sonderlich." Die AfD? "Unangenehm", aber schließlich gebe es überall rechts- wie auch linksextreme Parteien. Der künftige SPD-Kanzlerkandidat? "Nicht aktuell." Obama ein großer Präsident? "Das würde ich so nicht unterschreiben." Sind das "unterhaltsame" oder nicht eher "vorhersehbare" Äußerungen? Auf die Frage etwa, ob er die FDP vermissen würde, was ja nicht weniger als eine Steilvorlage war, konnte er ja kaum anders antworten. Und wenn er auf die - zudem alberne - Frage, ob Obama ein "großer Präsident" (was ist das?) sei, weder mit ja noch mit nein antwortet, dann ist seine Antwort nicht unterhaltsam, sondern allenfalls vage und ausweichend. "Und zur Frage, ob Putin gefährlich sei, fiel ihm ein, dass er sich nicht so sicher sei, ob die USA wirklich ungefährlicher seien als Russland." - Das übliche antiamerikanische Gewäsch. "Ein Kriegstreiber sei Putin jedenfalls nicht." - Natürlich nicht. Dass Putin bereits mit der russischen Intervention auf der Krim beinahe einen Krieg ausgelöst hätte, welcher nur durch die zurückhaltende Reaktion der ukrainischen Soldaten verhindert wurde, kommt Schmidt nicht in den Sinn.
Vanagas 29.04.2015
2. Völlig überflüssige, teilweise peinliche Befragerei eines Mannes . . .
. . . der glaubt das Recht+ die Weisheit gepachtet zu haben. Schmidt gab fast ausschließlich stereotype Phrasen zur Antworten. Er soll aufhören+ seine letzten Jahre weit weg von der Öffentlichkeit geniessen! Schmidt erinnert mich irgendwie an die Rolling Stones- den Absprung für einen würdig Abschied total verpasst. Und besser werden die Stones+ Schmidt im Alter auch nicht mehr!
cherrypicker 29.04.2015
3.
Deutschland geht es mitnichten "unglaublich gut". Die Anzahl der Kinder, die von Hartz IV leben müssen, ist so hoch wie nie. Und trotz Mindestlohn haben wir einen der größten Niedriglohnsektoren in Westeuropa. Menschen müssen Sozialhilfe beziehen, weil in Großstädten das Geld trotz Vollzeitjob nicht zum Leben reicht. Dafür sind die Spitzensteuersätze im Nachkriegsvergleich historisch niedrig und die Umsatzsteuer historisch hoch -- man gibt also den Reichen und nimmt denen, die eh schon wenig haben. Und die Rentenansprüche wurden so verstümmelt, dass eine gewaltige Welle von Altersarmut auf uns zurollt. Gewiss, in Spanien müssen die Menschen zu den Tafeln der Wohlfahrtsverbänden, weil sie sich nichts mehr zu essen kaufen können und in Griechenland gehen Menschen nicht mehr zum Arzt, weil sie keine Krankenversicherung mehr haben. Und von den armen Teufeln, die sich in Nussschalen setzen, um übers Mittelmeer vor dem Flächenbrand in der arabischen Welt zu fliehen, wollen wir mal gar nicht reden. Aber nur weil es uns relativ zu diesen anderen Menschen gut geht, geht es uns nicht "unglaublich gut". Herr Schmidt, sind sie sicher, dass da nur Tabak in Ihrer Zigarette ist? Mal im Ernst, was haben Sie geraucht?
PatrickBe 29.04.2015
4. Putin kein Kriegstreiber?
Wenn man Tausende russische Kämpfer, hunderte Panzer und Artillerie in die Ukraine schickt ist man kein Kriegstreiber? Wenn man wie in Debaltseve oder Ilovaisk reguläre russische Truppen gegen ein souveränes Nachbarland einsetzt ist man kein Kriegstreiber? Wenn man Teile des Nachbarlands annektiert und ein gefaktes Referendum mit vorgehaltener Waffe veranstaltet? Schmidt verharmlost die russische Aggression gegen die Ukraine, wahrscheinlich weil er noch von rational agierenden Personen in Russland ausgeht, wie er sie aus seiner Regierungszeit kannte. Daher kann man es ihm nicht wirklich übelnehmen, aber ich denke er blickt mit der Brille aus seiner Zeit auf die aktuellen Geschehnisse. Die USA unter Bush waren sicher Kriegstreiber, aber für Obama gilt das sicher nicht. Obama tut eher zu wenig, beispielsweise um der Ukraine bei Ihrer Selbstverteidigung zu helfen. Insofern ist die Gleichsetzung von Obama und Putin ziemlich realitätsfern.
bonngoldbaer 29.04.2015
5. Nichts gewusst?
Das hängt immer von der Fragestellung ab. Dass H. Schmidt während des Krieges nie etwas von Auschwitz gehört hat, glaube ich ihm aufs Wort. Die meisten, die in Auschwitz ermordet wurden, hatten vor ihrer Ankunft diesen Namen auch noch nie gehört. Dass der 19jährige Helmut Schmidt nichts davon mitbekommen hat, dass in einer einzigen Nacht die meisten Synagogen im Reich abbrannten, halte ich für unmöglich. Und wenn er damals schon so intelligent war wie heute, konnte er sich denken, was mit den Juden an Orten geschah, wo es keine Zuschauer gab. Die Zahl der Wehrmachtsangehörigen, die nie etwas von Massenerschiessungen gehört hatten, dürfte nur geringfügig über Null gelegen haben. Es wäre ein merkwürdiger Zufall, wenn ausgerechnet der spätere Bundesverteidigungsminister zu diesen wenigen gehört hätte.
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