Zum Tod Herbert Feuersteins Würg

Er kippte einer Generation Pubertierender Quatsch ins Gehirn, bereicherte die deutsche Sprache und erleichterte den Humor um jede Bedeutungsschwere. Dabei hatte Herbert Feuerstein immer Angst vor dem Schlimmsten.
Herbert Feuerstein (2012)

Herbert Feuerstein (2012)

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Stephanie Pilick / picture alliance / dpa

Das Schlimmste wäre ein Ehrentitel gewesen, Herbert Feuerstein schwebte da in ständiger Gefahr. Wäre er in Österreich geblieben, es hätte böse für ihn ausgehen können, als Festspielchef in Salzburg etwa oder gar als Kultusminister der Republik. "Es gibt da immer Warnsignale: Das könnte zu einem Orden führen, den man sich ersitzt, den man nicht erarbeitet. Und irgendwann ist man Hofrat und dann ist das Leben vorbei", hat er 2014 in einem Interview anlässlich des Erscheinens seiner Autobiografie erzählt. 

Diesem Schicksal ist Herbert Feuerstein entgangen, immer wieder hat er sich neu erfunden, wenn das Leben zu bequem zu werden drohte. Er war Schüler im Salzburger Mozarteum und sorgte mit einer respektlosen Zeitungskritik ausgerechnet an der Komposition des Festspiel-Präsidenten für einen abrupten Studienabbruch.

Er folgte seiner damaligen Liebe, einer Gaststudentin aus Hawaii, in die USA, wurde dort Mitarbeiter und später Chefredakteur der "New Yorker Staats-Zeitung", einem deutschsprachigen Einwandererblatt. Er kehrte nach der Scheidung zurück nach Europa, leitete einen siechenden Satire-Verlag, und wurde nach dessen Ende Chefredakteur der deutschen Ausgabe von "MAD". 

Alles kann, alles muss verarscht werden

Zwanzig Jahre lang kippte Feuerstein hemmungslosen Unsinn in die Köpfe pubertierender Jungs. "MAD" war die am meisten an Schulen beschlagnahmte Publikation, berichtete Feuerstein nicht ohne Stolz. Ob das stimmt und wie man das überhaupt messen können sollte, spielt keine Rolle, denn eines ist unbestritten: Hier übte Herbert Feuerstein kulturellen Einfluss aus, der bis heute nachwirkt.

Nicht nur bereicherte er mit seinen Übertragungen der amerikanischen Comics etwa Don Martins die deutsche Sprache um seither allgemeingebräuchliche Befindlichkeitsbekundungen wie "Würg!" für Missfallen und "Lechz!" für leidenschaftliche Sehnsucht, nicht nur prägten von ihm erdachte Wortspiele nachhaltig den Stil, in dem heute in Redaktionen Schlagzeilen und in Agenturen Werbeslogans formuliert werden. Feuerstein pflanzte darüber hinaus eine grundsätzliche Geisteshaltung in die Köpfe seiner jungen Leser: Alles kann, alles muss verarscht werden.

Während herkömmliche Satire (oder schlimmer noch Kabarett) stets eine wichtige und wuchtige Botschaft transportieren möchte, bei der einem das Lachen vor lauter Bedeutungsschwere in der Kehle stecken bleiben soll, ist Feuersteins Humor frei von jeglichem Anspruch auf moralische Ertüchtigung. 

Dieser Humor entsprang der ganz und gar nicht komischen Lebenseinstellung Feuersteins: Er war ein Mensch, der ständig mit Ängsten zu kämpfen hatte und stets mit dem Schlimmsten rechnete. Freundschaften pflegte er wenige, allzu große menschliche Nähe fiel ihm schwer. Warum? "Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust, das nachzuprüfen", sagte Feuerstein, nachdem er selbst ein wenig darüber gerätselt hatte.

Seine Komik, das kann man deshalb nur annehmen, war wohl der einzige Ausweg aus der als allgegenwärtig empfundenen Sinnlosigkeit: "Ich bin blöd, aber du auch - lass uns zusammen daraus Erkenntnisse ziehen." 

Diese humoristische Herangehensweise setzte er später mit Harald Schmidt im Fernsehen um. Die von Feuerstein konzipierte Sendung "Schmidteinander" gilt vielen noch heute als der Höhepunkt der Schmidtschen Karriere, alles danach war nur ein schwaches Echo dieser Zusammenarbeit. 

Noch lange war Herbert Feuerstein im deutschen Fernsehen präsent, hatte eine eigene Reise-Reihe, moderierte zwölf Stunden im WDR durch eine Nacht, wendete sich in den späten Jahren auch wieder der klassischen Musik zu - aber all das, sagte Feuerstein, war nur noch "Handwerk". 2014 beendete er sein öffentliches Schaffen.

Nun ist Herbert Feuerstein gestorben, 83 Jahre währte sein Leben. Es war voller Brüche - und hat sich wider Erwarten bestens gefügt. 

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