Afrodeutsches Familiendrama Schwarzes Fernsehen zählt

Die ARD-Primetime war bislang die Selbstbespiegelungszone der weißen Mittelschicht – nun läuft dort mit »Herren« ein Drama, dessen Hauptdarsteller schwarz sind.
Szene aus »Herren« mit Tyron Ricketts und Dalila Abdallah

Szene aus »Herren« mit Tyron Ricketts und Dalila Abdallah

Foto: ARTE / BR

Es ist das bekannte Vater-Sohn-Programm: Der Alte schuftet, damit der Junge Abitur machen kann, um später zu studieren. Aber der Junge pfeift auf die Aufstiegspläne des Alten und will lieber nach seiner Façon glücklich werden, zum Beispiel Friseur werden. Es folgt die alte Du-sollst-es-doch-mal-besser-haben-als-ich-Leier, die man aus etlichen Familiendramen kennt.

Eines ist in dem mit den formatüblichen Familienkonflikten und Alltagskatastrophen ausgepflasterten Fernsehfilm »Herren« aber anders: Alle Hauptdarsteller sind schwarz.

Ezequiel (Tyron Ricketts), der ambitionierte Vater, kam einst aus Brasilien nach Berlin, um hier seine Urlaubsbekanntschaft Marta (Dalila Abdallah) zu heiraten. Er ging mit verschiedenen Geschäftsideen baden, der Traum von der eigenen Capoeira-Schule erfüllte sich auch nicht, jetzt putzt er nachts die öffentlichen Pissoirs zwischen Tierpark und Mitte. Deshalb soll sein Sohn Stevie (Pablo Grant) sich ins Zeug legen, denn hierzulande sei man ohne abgeschlossenes Studium ein Niemand. Gerade, wie der Alte nicht aufhört zu betonen, als Schwarzer.

Ezequiel mit seinem Kollegen Jason (Komi Mizrajim Togbonou)

Ezequiel mit seinem Kollegen Jason (Komi Mizrajim Togbonou)

Foto: ARTE / BR

Doch der in Deutschland geborene Sohn will dem Vater nicht folgen: Er hat diese Art der Ausschlusserfahrungen nicht gemacht. Oder wenn doch, dann haben sie ihn nicht so nachhaltig geprägt. Oder wenn sie ihn doch nachhaltig geprägt haben, dann will er sich das nicht anmerken lassen. Auf jeden Fall braucht der Sohn nicht ein Studium, auf das er keinen Bock hat, um sich von der Gesellschaft angenommen zu fühlen. Der Vater solle ihn mal schön in Ruhe lassen und endlich mit der eigenen Midlifecrisis klarkommen.

Stark und cool, jämmerlich und peinlich

Das ist das Tolle an »Herren«: Es ist ein afrodeutsches Familiendrama, in dem die Erfahrung von Rassismus nur eine von vielen Einwirkungen ist, die die Figuren prägen. Der Film ist frei von jedem Betroffenheitsgestus, dafür sind die Charaktere reich an Ambivalenzen, die einen dazu zwingen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie sind stark und cool, jämmerlich und peinlich. Manchmal in ein und derselben Szene.

So einen Reichtum an schwarzen Charakteren gibt es sonst nicht im deutschen Fernsehen. Erst recht nicht in der Primetime der Öffentlich-Rechtlichen, wo man zwar gern soziale Probleme erörtert, aber meist eben nur aus der Perspektive einer weißen Mittelschicht.

Allenfalls der Autor und Regisseur Lars Becker schafft es immer wieder, in seinen Kiez-Krimis der ZDF-Reihe »Nachtschicht« Geschichten zu erzählen, in denen ein rigoros diverses Ensemble rigoros diverse Rollen spielt, vom Gemüsehändler bis zum Polizeichef. Und immer wieder hat Becker für seine Filme afrodeutsche Schauspieltalente entdeckt – die sich dann aber meist doch nicht im deutschen TV-Mainstream durchsetzen konnten.

Auch Ricketts, der Hauptdarsteller in »Herren«, begann seine Karriere bei Becker, im Jahr 2000 spielte er in dessen Kinofilm »Kanak Attack« seine erste große Rolle. Zuletzt hatte Ricketts einen festen Part in der nicht gerade Herzrasen verursachenden Palmen-und-Kittel-Schnurre »Die Insel-Ärztin«. In dem Berliner Kiezdrama, einer Koproduktion des Bayerischen Rundfunks und Arte, die ab diesem Mittwoch in der ARD-Mediathek steht und eine Woche später lineare Ausstrahlung im Ersten hat, beweist er sich nun als fantastischer Charakterdarsteller.

Als Ezequiel ist Ricketts zugleich tragisch und komisch. Man kann seinen Trouble mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft nachvollziehen, man kann aber auch, wie Sohn Stevie, schwer genervt sein von seinem Beleidigtsein darüber, dass er angeblich zu kurz gekommen ist im Leben. Diese Mischung aus furioser Attitüde und spießigem Lebenskrisen-Selbstmitleid macht die Komplexität der Figur aus, die so viel mehr ist als ein gesellschaftspolitischer Funktionsträger in einem Themenfilm.

Der Film von Regisseur Dirk Kummer (Grimme-Preis für »Zuckersand«) war schon fertig, bevor die Black-Lives-Matter-Proteste im letzten Jahr von den USA auch in Deutschland die Menschen in Bewegung setzten, aber er löst auf seine Weise einen Teil der Forderungen ein. Es geht um Unversehrtheit, Teilhabe und Sichtbarkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Schwarzes Leben zählt, schwarzer Alltag zählt. Schwarzes Fernsehen erst recht.

»Herren« (Drehbuch: Stefanie Kremser nach Motiven eines Romans von Warwick Collins) berichtet auf sympathisch rustikale Weise von kleinbürgerlichen Sehnsüchten afrodeutscher Normalos, wie man es zuvor auf diesem Sendeplatz noch nicht gesehen hat. Ein kleiner Schritt für die deutsche Filmkunst, ein großer für die deutsche Fernsehprimetime.

»Herren«, Mittwoch, 10. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste. Schon jetzt in der Mediathek abrufbar.

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