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ZDF-Märchen: Aufgebrezeltes Märchen

Foto: ZDF/ Boris Laewen

Märchenmodernisierung im ZDF Romantikporno pur

Was die Gebrüder Grimm wohl dazu sagen würden? Das ZDF karamellisiert jetzt ihre Märchen. In "Scheeweißchen und Rosenrot" macht der Sender die Heldinnen zu blitzverliebten Modedesignerinnen. Schamlos.

Die Augen starr, der Blick leicht kalbsmäßig glasiert, das Schnütchen selbstvergessen offen klaffend: So sieht es also aus, wenn die Liebe im Herzen einschlägt, dann weiß man das jetzt auch mal.

Zwar lieferten Rosamunde Pilcher, Inga Lindström und weitere Schmalzmalerinnen in der ZDF-Reihe "Herzkino" schon reichlich plastisches Emo-Anschauungsmaterial in dieser Richtung, das neue Subgenre des Romanikporn-Formats am Sonntagabend kitscht aber noch eine Spur hemmungsloser drauflos. Schließlich kann man bei eventuellen Anmerkungen, das sei nun aber alles arg realitätsfeindlich geklöppelt, stets entwaffnend antworten: Ist halt ein Märchen.

Zwei klassische Märchenstoffe der Gebrüder Grimm zeigt das ZDF am dritten und vierten Adventssonntag (mit dem neuen Label "Herzkino - Märchen" versehen) als zeitgenössische Coverversionen. Die Schneewittchen-Verulkung "7 Zwerge - Männer allein im Wald" und die "Märchenstunde" von ProSieben drehten das Originalmaterial durch den Klamaukwolf, schickte Rotkäppchen zu einer Castingshow und ließen den gestiefelten Kater als Catman für Recht und Ordnung sorgen. Die ZDF-Variante stellt aus den stellenweise ja recht brutalen Vorlagen durch konsequentes Karamellisieren das bislang ungeahnt in ihnen verborgene Hach!-Material heraus.

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ZDF-Märchen: Aufgebrezeltes Märchen

Foto: ZDF/ Boris Laewen

Den Anfang macht "Schneeweißchen und Rosenrot", und das Märchen, das gegen den Abschied von Matthias Brandt an diesem Sonntag programmiert wurde, klang bislang nicht unbedingt nach einer lupenreinen Romanze: Zwei Schwestern befreunden sich mit einem Bären und werden von einem garstigen Zwerg gepiesackt, bis der Bär ihn schließlich totschlägt. Natürlich folgt am Ende die obligatorische Doppelhochzeit, aber so muss das ja schließlich im Märchen.

Ist halt ein Märchen

Im Drehbuch von Sarah Esser sind Rosalie (Zoe Moore) und Bianca (Jeanne Goursaud) zwei junge, verwaiste Modedesignerinnen in Geldnöten - das Grimmsche Muttchen, das bis ins hohe Alter glücklich bei ihren Kindern lebte, wurde der Dramatik wegen gekillt. Sie treten für den als Fiesbock geltenden, im Rollstuhl sitzenden Modezar Paul Petit (Martin Umbach) beim Designwettbewerb einer großen Modekette an - er übernimmt in der modernden Übertragung die Rolle des Zwerges, der einen Prinzen um seinen Reichtum gebracht und in den Bären verwandelt hat.

An die Stelle eines echten Pelztiers tritt der notorisch kneiferotisch dreinschauende Modedesigner Leon Bär (Kerem Can), den Petit für seinen Unfall verantwortlich macht, der in Rosalie sogleich den eingangs beschriebenen Liebesstupor auslöst und der ebenfalls die 30.000 Euro Preisgeld gewinnen möchte, die rein zufällig exakt der Summe entsprechen, die die beiden Schwestern einem fiesen Kredithai schulden. Unrealistisch? Ist halt ein Märchen.

Wer sich dieser Prämisse beim Zuschauen völlig ergibt, wird zwar nicht vom naturgemäß vorhersehbaren Handlungsablauf überrascht, aber doch von ein paar eingestreuten netten Details und Übertragungen des Ausgangsstoffes. Viel wird sich im Verlauf der Geschichte täppisch hinter Bäume und Schlossmauervorsprünge gedrückt und versteckt, um ungestört lauschen und beobachten zu können.

Bedauerlich ist allerdings, dass die Schimpftiraden des bösen Zwerges in der modernisierten Fassung deutlich fantasieloser ausfallen - es ist gar zu schön, wie er die Schwestern bei Grimm als "Lurche" beschimpft.


"Schneeweißchen und Rosenrot", Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF. Schon am 15.12. in der ZDF-Mediathek verfügbar

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