Neuer Talk "Hier spricht Berlin" Wenn Sido und Jauch über Geschichte streiten

Sechs Gäste, jeweils 15 Minuten Redezeit: Die Talkshow "Hier spricht Berlin" feierte Premiere. Kurz vor Schluss haute Rapper Sido den teilweise entsetzten Anwesenden das erste kontroverse Thema um die Ohren.

Sido im Mai 2019 bei einem Auftritt in Berlin
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Sido im Mai 2019 bei einem Auftritt in Berlin


Janz Berlin is wohl doch keene Wolke. Der RBB hatte zu viel versprochen: Kein Rauchkringel weit und breit bei der Premiere des neuen Talkformats im Ersten, nicht mal von einer E-Kippe. Immerhin muss im Vorfeld gebechert worden sein. Oder Eva-Maria Lemke ist immer so.

Die "Kontraste"-Moderatorin präsentierte nämlich am Dienstagabend gemeinsam mit der Sportjournalistin Jessy Wellmer erstmals die Show "Hier spricht Berlin". Würde die Sendung "Hier schweigt Berlin" heißen, hätte keiner eingeschaltet. Und was bei "Hier raucht Berlin" passiert wäre - nicht auszudenken, angesichts des nikotinfreien Gegenwinds durch den Nichtraucherschutzverein "Pro Rauchfrei", der dem RBB im letzten Moment das Zugeständnis zur guten Luft abrang. Zum Schutz der Publikumslunge.

Sprechen ist also das Motto, und als Gäste bieten sich Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller, Moderator Günther Jauch, Autorin Else Buschheuer, Sänger Thomas Quasthoff, Tätowierer Daniel Krause und Rapper Sido an. Jeder und jede bekommt 15 paritätische Minuten, jeder und jede wird (auch) zum Thema "30 Jahre Mauerfall" befragt. Nach einem angemessenen Gesprächseinstig, versteht sich.

Zum Beispiel von Lemke, krachmandelig zu Petra Schmidt-Schaller, die auch in der Sendung war, weil am Mittwoch ihr Spionagekrimi "Wendezeit" in der ARD läuft: "Sie waren ja lange 'Tatort'-Kommissarin. Da hamse sich gedacht: Der Wotan Wilke Möhring kann jetzt ne andere knutschen, war das so?" Schaller: "Äh, nein." Lemke: "Und jetzt sindse im neuen Film RAF-Terroristin, ist das eher so ihr Ding?". Schmidt-Schaller: "Äh, nein." Man hört virtuell geklopfte Schenkel. Und ist zunächst etwas überfordert vom Lemkeschen Losgekumpel.

Aber das gibt sich rasch. Günther Jauch zieht den Talk, den er mit Wellmer führen darf, schnell auf Oberlehrer-Niveau, pustet Witze trocken, und lässt auf die wirklich interessierte Frage Wellmers nach etwaigen politischen Ambitionen durchblicken, dass ihm nichts ferner läge. "Sehen Sie mich bei irgendeiner Partei in der Nähe?" gegenfragt er, und lehnt sich bei der Antwort "Nein" zufrieden zurück in sein Dasein als Millionärsmacher und Gourmet. Dabei ist es eine schreckliche Vorstellung, mit keiner einzigen Partei auch nur im Entferntesten konform zu gehen - was bleibt denn da? Hilfe!

Bevor man sich über Jauchs Politikverdrossenheit sorgt, bekommt zum Glück Else Buschheuer den Talking Stick. Die ist eh schlau, trägt ein Grace-Jones-T-Shirt (sic!), kann (garantiert gleichzeitig) denken, reden, und beeindruckend schreiben, und erzählt ohne Umschweife, denn die macht sie nie, von ihrem neuen Buch über ihr "Helfersyndrom", und davon, dass sie sich selbst permanent kontrolliert, um nicht ins Sächseln zu verfallen. Und dass sie glaubt, darum so hart zu sich selbst zu sein. Was enorm spannend ist, denn, bleiben wir mal beim Thema Sprechen, Denken und Sprache sind ja verknüpft, wenn nicht sogar (laut einiger Thesen) identisch, und bilinguale Menschen haben es insofern schwerer und leichter gleichzeitig.

Doch wieder ist die Redezeit vorbei. Der nette Thomas Quasthoff ist dran und schafft es mit seiner Mischung aus Bescheidenheit und Stimmvolumen stante pede, alle zum Zuhören zu bringen. Sogar Quasselstrippe Lemke hält umstandslos den Rand, als er von einem zweijährigen Stimmverlust nach dem Tod seines Bruders erzählt, und davon, wie er die Stimme durch den Jazz wiederfand.

Daniel "Tattoo" Krause, der die Sendung bis dahin anscheinend gut analysieren konnte, nutzt im Anschluss eine wahrlich clevere Methode, um möglichst viel aus seiner knalligen Geschichte (DDR-Punk, Knast, Tätowieren, RTL II, weeß ick wat noch) in 15 Minuten unterzubringen: Er packt alles in einen langen Satz, ha.

Wellmer und Lemke trauen sich nicht dazwischen - und haben ein schlechtes Gewissen, weil Sido am Ende nicht mehr die kompletten 15 Minuten hat. Dafür haut der Rapper aus Ost- und West-Berlin endlich, fünf Minuten vor Schluss, den teilweise entsetzten Gästen das erste kontroverse Thema um die Ohren: Was denn daran schlimm wäre, fragt er Jauch (ausgerechnet!), wenn einer sich einfach nicht für Geschichte interessiere? Soll man den denn zwingen!?

Sido (2014 in Kopenhagen)
Joerg Carstensen/ DPA

Sido (2014 in Kopenhagen)

Jauch führt aus, der Besuch eines Konzentrationslagers gehöre auf jeden Stundenplan. Sido verneint mimisch, sämtliche Köpfe in und vor der Glotze werden angesichts der zu platzenden Bombe hastig eingezogen - und da, genau da, muss Wellmer abbrechen. Obwohl sie die Debatte führen möchte, sagt sie! Puh. Gerade noch mal die Kurve gekriegt. Oder auch nicht.

Also entweder muss die nächste Folge länger sein. Oder irgendeiner, oder irgendeine, muss weniger reden. Sonst ruft noch einer (Berliner) "Schnauze".

insgesamt 47 Beiträge
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thequickeningishappening 02.10.2019
1. Geschichte
Wir befassten uns gaaanz lange mit Den Alten Griechen, Den Roemern und Aegyptern. 1933 war Schluss. Danach passte "zeitlich" nicht mehr in Den Lehrplan. Im Lehrplan war allerdings Eine Klassenfahrt zur Zonengrenze zur Besichtigung Der Selbstschussanlagen und Der "boesen" NVA !
klaus. 02.10.2019
2. Geschichtsunterricht
wenn ich an mein Geschichtsunterricht (Realschule) denke hat es den Holocaust nicht gegeben. Wir haben in der Steinzeit angefangen und kamen nur bis zum Anfang der Weimarer Republik. Man kann niemand dazu zwingen sich für Geschichte zu interessieren, aber der Geschichtsunterricht muss zwingend den Holocaust beinhalten und aus meiner Sicht auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Europa-Realist 02.10.2019
3. Format sollte überdacht werden
Das Talk-Format sollte noch einmal überdacht werden. Dass die Vorstellung der Gäste nicht durch die Moderatorinnen selbst erfolgt, ist ja in Ordnung. Da würde sich ein kurzer Einspieler anbieten, aber hier gibt es eine Stimme aus dem Off in Form eines Sicherheitsberaters mit Berliner Slang. Das wirkt unpersönlich und anonym. Auch die eher sterile Studio-Ausstattung erinnert weniger an eine lockere und entspannte Talk-Runde als mehr an eine Politik-Diskussionsrunde in nüchterner Arbeitsatmosphäre. Es ist vom Ansatz sicher fair, jedem Gast die gleiche Diskussionszeit zuzubilligen. Aber in einer Diskussion ergeben sich eben manchmal Situationen, in denen man noch einmal nachbohren und einsteigen muss. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn die Moderatorinnen noch eine Pufferzeit pro Gast hätten. Wenn dann für den letzten Gast trotzdem nur noch 5 Minuten Zeit bleiben, wird einem klar, dass irgendwas nicht gestimmt hat. Wirklich dumm, dass es sich dabei auch noch um Bushido gehandelt hat, der noch dazu eine befremdliche Grundeinstellung zur Geschichte geäußert hatte. Man weiß nun nicht einmal, ob er das wirklich ernst gemeint hatte oder die Äußerung klalkuliert war, um Aufmerksamkeit zu erhalten...
BorisBombastic 02.10.2019
4. Überflüssig ...Gäähn
Langweilig... hatten wir doch schon Alles . Da sitzen jede Menge Typen über eine Stunde stumm aufgereiht bis sie sich dann kurz exponieren können. Das Niveau ist weit unter 3nach9 und selbst das verführt schnell zum Weiterzappen.
kopi4 02.10.2019
5.
Bei der WM 2018 war nicht nur das Ausscheiden in der Vorrunde ein Tiefschlag.Die schwülstigen Gespräche von Frau Wellmer mit Herrn Lahm waren wie das 0:2 gegen Südkorea.Das Wellmer jetzt eine eigene Talkshow kriegt: auf die Idee muß man erstmal kommen.Auch erstaunlich: die viele Freizeit von ARD-Sportmoderatoren die sie - Opdenhövel,Bommes,jetzt Wellmer- mit anderen Formaten füllen.
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