Starke 2. Staffel von "Hindafing" Das Sturmgewehr der deutschen Demokratie ist wieder da

Er schießt wie das G36 um die Ecke und trifft doch irgendwie ins Schwarze: Maximilian Brückner gibt erneut die Koksnase. "Hindafing" ist eine Analogie auf den Wahnwitz des Politikbetriebs.

Arvid Uhlig/ BR

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Von der Vollpleite zum politischen Coup und wieder zurück zur Vollpleite sind es oft nur ein paar Nasen Koks oder Crystal Meth. Der Ex-Bürgermeister Anton Zischl (Maximilian Brückner), der schon so ziemlich breit von seiner eigenen Wichtigkeit ist, aber mit den illegalen Substanzen seine natürliche Machtbesoffenheit noch einmal zu potenzieren weiß, führt diese Aufwind-und-Absturz-Bewegungen in der krassesten Form auf.

Jetzt geht "Hindafing", die um ihn herum gebaute Satireserie, in die zweite Staffel. Zischl ist inzwischen von der Kommunal- in die Landespolitik aufgestiegen, und gleich am Anfang der neuen sechs Folgen legt er wieder einen typischen Zischl-Stunt hin.

Weil ihn bislang niemand in seinem neuen Münchner Wahlkreis kennt, läuft er bei einer Protestveranstaltung in einer dort ansässigen Fabrik auf, um Reden gegen die anstehende Abwicklung zu halten. Zischl spielt den Kümmerer, großer Auftritt, die Presse ist auch da. Problem: Er vergaß, sich zuvor darüber zu informieren, was die Fabrik eigentlich produziert. Dass das vor allem schadhafte Sturmgewehre sind, schmälert die Publicity doch erheblich.

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Satire-Serie: Drück die Hand, Waffenfabrikant!

Doch ein Zischl gibt nicht auf. Ohne Einladung schummelt er sich im Anschluss auf die Jagdgesellschaft der Ministerpräsidentin, und auf einmal steht da direkt vor ihm ein kapitaler Hirsch, auf den er anlegt - um dann aus Versehen die Ministerpräsidentin schwer anzuschießen. Zischl kann seine Täterschaft verschleiern, man geht von einem terroristischen Anschlag aus. Auf einmal wird in Bayern, wo man eigentlich gerade voll auf Digitalisierung und Bio-Wirtschaft gesetzt hat, wieder die olle innere Sicherheit zum großen Thema. Und Zischl mit seiner maroden Waffenbutze zum Mann der Stunde.

Zeitgeist, begraben unter anarchischer Komik

Die vom Bayerischen Fernsehen produzierte Serie "Hindafing" (in der Arte-Mediathek und ab Donnerstag im linearen Programm) funktioniert in ihren besten Momenten wie Billy Wilders Satire "Eins Zwei Drei": Es ist ein großer entfesselter Schabernack, der vor dem authentischen gesellschaftlichen Lauf der Zeit zum Funkeln gebracht wird. Die Brillanz der Serienschöpfer Rafael Parente, Niklas Hoffmann und Boris Kunz (waren zum Teil auch die Köpfe hinter der Sky-Serie "Acht Tage") liegt auch darin, wie sie es schaffen, den Zeitgeist aufblitzen zu lassen, um ihn dann unter dem anarchisch entfesselten Plot zu begraben.

In der ersten Staffel ging es darum, wie Zischl als Provinzbürgermeister von der "Metropolregion Hindafing" träumte und dann doch nur Ruinen von Biosupermärkten und Flüchtlingsheimen hinter sich ließ. In der zweiten geht es nun darum, wie sich der Ex-Provinzfürst mit seinen Unterstützern aus der Metzgerinnung in einem politischen Betrieb durchzusetzen versucht, wo alle nur noch von Neuen Medien, Biotechnologie und Diversity sprechen.

Wie es dem Neuen gegenüber mitleidig auf den Punkt gebracht wird: "Die Frau Ministerpräsidentin interessiert sich einfach nicht für Ihre Wurstwirtschaft. Barbara Obereder steht für Zukunftsthemen, Digitalisierung, Hightech, Internet, Twitter-Themen, verstehen's."

Der Mann hat keine Chance, aber er nutzt sie. Da darf man gerne noch mal auf die Sache mit dem schadhaften deutschen Waffenmaterial zurückkommen, mit dem die Serienmacher auf die realen Vorfälle um das HK G36 anspielen: Der Landtagsabgeordnete Zischl ist eine Art Sturmgewehr der deutschen Demokratie - er schießt unfreiwillig um die Ecke und trifft doch irgendwie ins Schwarze. So klamaukig die zweite Staffel von "Hindafing" daherkommt, so ist sie doch auch eine schöne Analogie auf den derzeitigen Parteienbetrieb im Land.

Weil gerade wieder so viel über die K-Frage diskutiert wird: Der superwendige Zischl wäre eigentlich auch ein guter Kanzlerkandidat in Zeiten, da Politik in der Wahrnehmung vieler Menschen nur noch als Mischung aus unwahrscheinlichen Zufällen und wahnwitzigem Macht-Ping-Pong wahrgenommen wird. Wir hoffen auf eine dritte Staffel, Zischl muss Kanzler werden.


"Hindafing": Bereits jetzt in der Arte-Mediathek, ab Donnerstag, 20.15 Uhr im linearen Programm von Arte, ab Ende November im Bayerischen Rundfunk



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
sarang he 07.11.2019
1. Tja
die Serie dürfte näher an der Realität sein, als sich das Politik und Verwaltung wünschen. Selbst bei den dramaturgischen Überspitzungen. ;)
Mentor 54 07.11.2019
2.
Obwohl ich nicht zu den Leuten gehöre, die grundsätzlich alle Produktionen des deutschen ÖR-TV schlecht finden, empfand ich schon die erste Staffel als ein eher mittelmäßiges Plagiat vergleichbarer Serien aus dem Ausland. Ich kann das auf die Schnelle auch nicht präziser analysieren, aber deutsche Filme und Serien haben - von wenigen Ausnahmen abgesehen - für mich immer so etwas "Gewolltes" und keinen natürlichen "Flow".
Mentor 54 07.11.2019
3.
Zitat von Mentor 54Obwohl ich nicht zu den Leuten gehöre, die grundsätzlich alle Produktionen des deutschen ÖR-TV schlecht finden, empfand ich schon die erste Staffel als ein eher mittelmäßiges Plagiat vergleichbarer Serien aus dem Ausland. Ich kann das auf die Schnelle auch nicht präziser analysieren, aber deutsche Filme und Serien haben - von wenigen Ausnahmen abgesehen - für mich immer so etwas "Gewolltes" und keinen natürlichen "Flow".
P.S. Die jazzige Filmmusik ist nicht schlecht!
Alpe 07.11.2019
4.
Ich freue mich drauf!
parhornung 07.11.2019
5. Genau!
Zitat von Mentor 54Obwohl ich nicht zu den Leuten gehöre, die grundsätzlich alle Produktionen des deutschen ÖR-TV schlecht finden, empfand ich schon die erste Staffel als ein eher mittelmäßiges Plagiat vergleichbarer Serien aus dem Ausland. Ich kann das auf die Schnelle auch nicht präziser analysieren, aber deutsche Filme und Serien haben - von wenigen Ausnahmen abgesehen - für mich immer so etwas "Gewolltes" und keinen natürlichen "Flow".
Genauso sehe ich das auch; was ich besonders abstoßend und enervierend finde, sind die intensiven Atemgeräusche bei den Dialogen - das "Schnaufen"... Schon deswegen kann ich mir deutsche Krimis/Serien nicht anschauen.
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