Historien-TV Auf der Suche nach dem Wurzel-Zapp

Wer ist eigentlich dieser nach nationalen Wurzeln suchende Zuschauer, der da durchs Fernsehprogramm surft? Im ZDF versucht Guido Knopp mit "Die Deutschen II" Antwort zu geben. Und Sat.1 bietet ihm den Ken-Follett-Schinken "Säulen der Erde": Sinn? Egal! Nur schön muss es sein.

Tandem Productions/ Pillars Productions

Von Nikolaus von Festenberg


Da raunt sie wieder, die ächzende Stimme des TV-Sprechers Hans Mittermüller, und versucht, die schwellende Filmmusik mit pathetischen Sätzen zu überschwallen: "Wie wir wurden, was wir sind". Au weh, wie viele W's. Au weh, schon wieder Festspiele unter der Ägide des ZDF-Chefhistorikers Guido Knopp, auch wenn die jetzt unter dem Titel "Die Deutschen II" zu sehen sind und mit neuen Hauptdarstellern antreten: Von Samstag an in fünf Doppelfolgen um 20.15 Uhr und 21.00 Uhr auf ZDFNeo, in Einzelausstrahlung sonntags um 19.30 Uhr und dienstags um 20.15 Uhr im ZDF. Starring jetzt: Karl der Große, Friedrich II., Hildegard von Bingen, Karl IV., Thomas Müntzer, August der Starke, Karl Marx, Ludwig II., Rosa Luxemburg, Gustav Stresemann.

Neue Besetzung, alte Skepsis. Wer ist eigentlich der Wir, der zu Beginn jeder Folge mit dem Lasso eingefangen werden soll? Dieser Identitätsfreak, dieser nationale Wurzeln suchende Wurzelsepp, der längst ein durch die Programme surfender Zap(per) geworden ist?

Der erfahren hat, dass Geschichte im Fernsehen eine rechte Spaßbremse sein kann. Ach, wie oft wird im Gestern gestorben, wird gescheitert, ist alles schwer vergänglich, besonders der Ruhm. Dazu kommt im historisch seriösen Genre die Absicht der Autoren, der Zuschauer solle etwas aus der Geschichte lernen. Bloß was? Zerknirschung über frevelhafte Ahnen oder Stolz auf Tradition? Dankbarkeit, in besseren Zeiten zu leben, oder Trauer angesichts vertaner Chancen? Unterhaltungsverweigerung scheint programmiert, wenn das historische Fernsehen nicht so seicht wie möglich serviert.

Freies Baden in gestrigen Bildern

Wieder einmal führt die unsichtbare Hand des konkurrierenden Fernsehmarktes zu einer zeitnahen Konfrontation der Historienanbieter. Da gibt es die Guido-Knopp-Powerpoint-Beschulung im Leistungskurssound: Achte darauf, welchen Beitrag Karl der Große für die deutsche Identität geleistet hat! Nachher wird abgefragt.

Etwas später lockt das freie Baden in gestrigen Bildern. Sinn ist egal, nur schön muss es sein. Vom 15. November an lässt Sat. 1 mit der 18-Millionen-Dollar Verfilmung des Ken-Follett-Schmökers "Die Säulen der Erde" Ritter, Tod und Kirchenteufel auf den Bildschirm los. Dazu vier lange Teile lang Schwerterklirren, Kathedralenbauen, Foltern, lecker Hexen (Natalia Wörner pinkelt vom Tisch herab wider fiese Priester). Mittelalter als Mittel zum Selbstzweck. Nichts ist zu lernen, es kann einem erkenntnismäßig angenehm wurst ums Herz werden. Was, wieso, welcher König und welcher Graf Mitte des 13. Jahrhunderts Ritterräuber und Edelmanngendarm spielte - ziemlich egal und absolut identitätsirrelevant. Hauptsache, des modernen Menschen Fernsehklischees werden ins Mittelalter gespiegelt, wozu der Biedersinn der Soapwelt gehört, dass nur die Liebe zählt und der Optimismus des Fortschritts Grundlage des Lebens in allen Epochen gewesen sei.

Nur nebenbei gesagt: Optimismus war nicht das Zeitgefühl des Mittelalters. Man fühlte sich als Epoche des Niedergangs und hielt die Zeit eines Endes der Geschichte für nah. Die Liebe, vor allem solche, die Standesgrenzen überwindet und in der Ehe endet, war weitgehend unbekannt. Nur in der Sphäre beamteter Minnesänger experimentierten literarische Feingeister mit den poetischen Folgen eines die Sozialgrenzen sprengenden Gefühls. Ein Dienst am Wort, nicht an der Wirklichkeit.

Der Zuschauer mag das nicht so gerne sehen. Er fremdelt. Das Andersseins einer anderen Zeit macht Erschrecken, keine Selbstsicherheit.

Friedrich Nietzsche hat erkannt, dass alle Geschichte mit dem Leben und den Gefühlen der die Vergangenheit Beobachtenden zu tun hat. Schwächlinge, schrieb er in seinem Essay "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", würden sich am Antiquarischen berauschen, Einsame sich in der Vergangenheit Denkmäler suchen, weil die Gegenwart ihre Größe nicht abbilden könne. Nur das Kritische sei richtig: Her mit dem, was man für die Bewältigung der Gegenwart braucht, den Rest in die Tonne.

Gemeißeltheit in Geschichtsmarmor

"Die Deutschen II" ist zum Vergleich mit dem Schmökerverwerten eine ziemlich altmodische Form. Wer zusieht, wie andächtig Karl der Große als Karl der Kleine sich vom Herrn Papst auf die Idee einer Einheit von weltlicher und geistlicher Macht den Ring küssend verpflichten lässt, kann in Werner Biermanns Film eine moderne Sehnsucht nach Gradlinigkeit und Wertebefolgung vermuten. Selbst Karls brutaler Kampf gegen die Sachsen erscheint in dem Beitrag nicht nur als blinde Eroberungssucht, sondern als Befolgung eines inneren Auftrags, das Christentum auszubreiten.

Auch dem sächsischen Widerstand gegen die Auslöschung des Germanenstamms durch Karl, die mit der erzwungenen Taufe des Obersachsen Widukinds 785 endet, gewinnt der Film weiterführende tröstende Aspekte ab als Vorraussetzung für das Zusammenkommen in einer späteren deutschen Nation. Zufall, Verzweiflung, Erfahrung von Sinnlosigkeit und Willkür lässt der Film selten zu. Es ist in dieser Art der TV-Geschichtsschreibung die (Alt-)Klugheit der Spätergeborenen zu spüren, die wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Solche Ex-Post-Sicherheit führt nicht wirklich hinein in die Untiefen der Geschichte, in das Live-Erlebnis Historie, wo insbesondere eine junge Generation die Offenheit einer Epoche erfahren will. Schließlich ist ihr Leben in der Gegenwart nicht von Sinn überflutet, sondern von Unüberschaubarkeit.

An der ersten Staffel der "Deutschen" wurde bereits das Pathos der Machart kritisiert. Die Versessenheit auf erlesene Bilder im Fackelschein, auf technisch ziemlich perfekte Simulationen von Landschaft und alter Stadtkulisse mit einer besonderen Leidenschaft für Vögel, die computeranimiert auffliegen. Die pointenbewusste und gepflegte Sprache des Kommentars resultiert hörbar aus der Sehnsucht, dem heutigen Talk-Gequassel zu entkommen. Sie liebt lakonische Kürze, die Gemeißeltheit in Geschichtsmarmor, auch die wissenschaftlichen Fachleute müssen sich kurz fassen. Die Knopp-Geschichtswelt tendiert zu einer Art unwandelbarer Geschichtsklassik. Zweifel sind unerwünscht, Quellenunsicherheit auch oder gar das Referieren unterschiedlicher historischer Sichtweisen. Es würde, so denken wohl die Macher, den Zuschauer wichtige Zeit kosten, ihn auf Umwege schicken und Verdacht schöpfen lassen, es könnte alles auch anders gewesen sein als dargestellt.

Die mediale Projektion dieser Art Fernsehen besteht in selbsterzeugtem Rhythmus, in der Sorge, bloß nicht aus dem Takt des Mediums zu kommen, aus dem, was alles Fernsehen prägt und von Sankt Niklas Luhmann, dem Großsoziologen, Selbstreferentialität getauft wurde: Das Liebste, was das Fernsehen tut, ist das Sich-selbst-angucken und alles dunkel zu lassen, was nicht zu Fernsehen gemacht werden kann.

Doch auch das Knoppsystem ist lernfähig. "Die Deutschen II" verabschiedet sich vom strikten Kurs der alle Porträts überwölbenden Gesamterzählung: Deutschland entsteht irgendwie in allen historischen Helden. Der Bauernrebell Thomas Müntzer (Autor: Martin Carazo Mendez) zum Beispiel endet in der TV-Darstellung als tragische Gestalt, als allen Lebenskontakt verlierender theologischer Außenseiter und man weiß als Zuschauer nicht, ob hier eine Gnade der Geschichte geschah oder eine Gemeinheit. Die gleiche Ambivalenz gilt auch für Ricarda Schlosshans Darstellung der Biografie von Rosa Luxemburg: 1919 wird eine Revolutionärin erschossen, die aus der Epoche zu fallen drohte. Da ist einem deutsche Identität egal, da kommt nichts wie Mitleid auf.

Und man sieht sich bestätigt. Geschichte ist Spaßbremse. Aber man kann sich nicht immer nur zu Tode amüsieren.



insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
elbröwer 13.11.2010
1. Murks
ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp ist ein grober Geschichtsknitterer. Wer sich das antut, sollte gewiß sein daß selbst die Geschichte für Banalitäten a la Knopp herhalten muß. Mit Napoleon gesprochen: "Geschichte ist immer Geschichte der Sieger." Aber ein klein wenig sollte es schon stimmen.
snooze1958 13.11.2010
2. Roots lesen !
Zitat von sysopWer ist eigentlich dieser nach nationalen Wurzeln suchende Zuschauer, der da durchs Fernsehprogramm surft? Im ZDF versucht Guido Knopp mit "Die Deutschen II" Antwort zu geben. Und Sat.1 bietet ihm den Ken-Follett-Schinken "Säulen der Erde": Sinn? Egal! Nur schön muss es sein. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,728784,00.html
... zumindest haben die germanischen Stämme Europa, ja die Geschichte der Welt stärker beeinflusst, als der Spiegel es je kann ! Ich empfehle etwas Ehrfurcht vor der Geschichte, notfalls mal Roots lesen ! Aber - Nation ist ja überholt, oder ? Und D ist das gemeinhin Böse, schon immer. Deswegen schämt man sich immer wieder, vor allem in linkesgrünen Kreisen und rettet jetzt die Welt mit deutscher Ökogründlichkeit. Am deutschen Ökowesen wird die Welt genesen - wir haben den Durchblick, die anderen Völker sind auf dem (atomaren) Holzweg. Alles (wieder mal ?) einfach. Und diese Idylle stört jeder, der nach Wurzeln sucht, die nicht aus derNazizeit stammen. Schlimm.
Fackus, 13.11.2010
3. der Autor ..
.. dieses Artikels ist wohl noch ein wenig jung und steht bevorzugt auf Hollywood-Idiotieschinken oder Seifenopern, wenn er meint, historische Inhalte als 'Spaßbremse' bezeichnen zu müssen. Wenn er die Machart der Knopp-Sendungen kritisiert - wie hätte er denn dann Geschichte gerne aufgearbeitet? Vermutlich am liebsten gar nicht. Und da liegt er durchaus im Trend der aktuellen Gesellschaft, die ihre Geschichte und Wurzeln missachtet und grade mal zwischen Karrieregeilheit und Shopping'event' dahinvegetiert. Auch ganz ohne nationales Pathos ist Geschichtsbewusstsein für eine Gesellschaft aber wichtig - m.E. wichtiger als das Gesabbere der'Zukunftsvisionäre', an deren Misserfolgen die Welt zunehmend leidet. Und selbst wenn bei der Beschäftigung mit Geschichte nichts anderes heraus kommt als die Hegel'sche Erkenntnis, daß: "die Geschichte uns noch nie etwas anderes gelehrt hat, als daß die Menschen aus ihr nichts gelernt haben" - dann sind es nützliche Medienbeiträge.
adsum 13.11.2010
4. Leben im MA ohne Polizei-, Richter- und Versicherungsschutz.
Zitat von sysopWer ist eigentlich dieser nach nationalen Wurzeln suchende Zuschauer, der da durchs Fernsehprogramm surft? Im ZDF versucht Guido Knopp mit "Die Deutschen II" Antwort zu geben. Und Sat.1 bietet ihm den Ken-Follett-Schinken "Säulen der Erde": Sinn? Egal! Nur schön muss es sein. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,728784,00.html
Also ich bin gespannt auf diese Filme. Ich habe das Buch gelesen und hoffe, dass der Film genausogut wird. Naja, er wäre halt schön, wenn ein solcher Film auch irgendwie bildet, also weitgehend auch echt die Lebensweise des Mittelalters wiedergibt. Ich erinnere mich auch an eine Stelle in diesem Buch als Tom Builder und seine Familie von einem oder waren es mehrere Weglager überfallen wurden. Sie töten den oder die Weglagerer und gingen weiter. Das wars! Kein juristisches Nachspiel. Es ging um Leben oder Tod. Damals gab es halt keine Polzei und Richter, wie in unserem modernen Rechtsstaat. Man musste sein Überleben selbst verteidigen. Heute hat man Gottseidank die Gewaltabwehr an die Exikutive abgegeben. Man hat aber vergessen, dass es in extremen Einzelfällen bei mehrfachen Gewalttätern und -taten gegen einem selbst auch noch notwendig ist, selbst wehrhaft zu bleiben. Da lässt man sich aus Angst vor den gerichtlichen Folgen lieber schwer verletzen oder gar umbringen, dabei ist unsere Justiz doch gar nicht so schlimm, aber das ist ein anderes sehr komplexes Parallel-Thema in diesem SPON-Forum. Interessant ist jene Zeit auch, in der es keine Versicherungen mit Rentenanspruch, Kranken- und Altenbetreuung, etc. gab. Es galt die Devise: Arbeit zu finden oder zu betteln, um zu leben oder zu verhungern. Gut, dass sich wenigstens die Klöster um die Armen, Kranken und Siechen kümmerten.
recardo, 13.11.2010
5. .
Zitat von snooze1958... zumindest haben die germanischen Stämme Europa, ja die Geschichte der Welt stärker beeinflusst, als der Spiegel es je kann ! Ich empfehle etwas Ehrfurcht vor der Geschichte, notfalls mal Roots lesen ! Aber - Nation ist ja überholt, oder ? Und D ist das gemeinhin Böse, schon immer. Deswegen schämt man sich immer wieder, vor allem in linkesgrünen Kreisen und rettet jetzt die Welt mit deutscher Ökogründlichkeit. Am deutschen Ökowesen wird die Welt genesen - wir haben den Durchblick, die anderen Völker sind auf dem (atomaren) Holzweg. Alles (wieder mal ?) einfach. Und diese Idylle stört jeder, der nach Wurzeln sucht, die nicht aus derNazizeit stammen. Schlimm.
Ehrfurcht vor der Geschichte? Warum nicht vor der Gegenwart? Was sollte mich zwingen "Ehrfurcht(was auch immer dieses Wort bedeutet)" zu haben, für wen, für was? Für sie vielleicht? Oder doch eher bloß Mitleid für so einen Quatsch mit Öko(an was sind die oder das wieder Schuld?)? Sie haben den Stolz vergessen, die Geschichte müsse irgendeinen Stolz auf uns übertragen, weil da irgendwas mal geschehen ist, vergangen halt und das muß ja Stolz erzeugen; Wozu ist Geschichte sonst auch gut? Najanajanaja!?:-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.