Neue Casting-Show auf Vox Scheitern als Show

VOX/Boris Breuer

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In Deutschland gibt es zu wenig Gründer. Vox will das ändern. Wer eine Geschäftsidee hat, kann sich in "Die Höhle der Löwen" wagen und eine Anschubhilfe für sein Unternehmen ergattern - oder sich bis auf die Knochen blamieren.

200.000 Euro hat Michael Brümmer bereits in seine Idee investiert. Eigenes Geld und bei der Bank geliehenes Geld. Für einen überdimensionalen Schürhaken, mit dem sich die Türgriffe von Autos innen verriegeln lassen und der damit Dieben das tückische Handwerk legen soll. Zuletzt hat er einen Umsatz von 32.000 und damit einen Verlust von 170.000 Euro eingefahren. Den langhaarigen Sachsen ficht das nicht an: "Noch lacht der Gründer Michael Brümmer", raunt die Stimme aus dem Off. "Doch das wird sich gleich ändern, denn es geht um seine Existenz." Es geht in die Höhle der Löwen, die er von seinem Konzept überzeugen muss.

Die "Löwen" sind unterschiedliche Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen. Judith Williams verdient ihr Geld mit Teleshopping und Kosmetik, der eher nerdige Frank Thelen mit Apps und Start-ups, die fesche Lencke Wischhusen mit der Verpackungsfirma ihrer Eltern, Patriarch Vural Öger mit Pauschaltourismus und der dynamische Jochen Schweizer mit buchbaren Abenteuern aller Art. Alle eint ein gewisser Instinkt für Erfolg und ein nicht unbeträchtliches Vermögen, von dem sie einen Bruchteil als Starthilfe zu investieren bereit sind - sofern eine Idee sie überzeugt.

Eine Casting-Show, bei der nicht das künstlerische Kapital zählt

Bei Brümmer ist das nicht der Fall. Kaum hat er seine Autokralle angebracht, wird sie von Judith Williams mit Intuition und ein wenig Körpereinsatz umgehend ausgehebelt - und Brümmer wird zerlegt: "Ich würde ihnen empfehlen", empfiehlt Jochen Schweizer, "sich selbst zu schützen und kein Geld mehr zu investieren!" Sein Wort hat Gewicht, sieht der Mann doch Walter White aus "Breaking Bad" gefährlich ähnlich. Brümmer indes, man ahnt es, ist erledigt.

In Großbritannien, den USA und 22 anderen Ländern läuft das ursprünglich japanische Format als "Dragon's Den" oder "Shark Tank" seit Jahren recht erfolgreich. Kein Wunder, popularisiert es doch auf den ersten Blick den Schritt in die Selbstständigkeit und fördert, auf den zweiten Blick, die nationale Innovationsfreude. Eine Castingshow, bei der ausnahmsweise mal nicht das künstlerische Kapital eine Rolle spielt, sondern nur dieses andere Kapital, über das Karl Marx ein dickes Buch geschrieben hat. Die einen haben es, die anderen wollen es. Und so lassen sich die "Löwen" gönnerhaft Idee auf Idee vorführen.

"Da glänzt man ja wie'n Affenarsch"

Geldbeutel aus recyceltem Kunststoff, ein Cateringservice für handgemachte Süßigkeiten, besonders laut ploppende Flaschenöffner, besonders scharfe Soßen. Was den Leuten halt so einfällt. Eine Biologin beispielsweise vertreibt bereits Bekleidung auf der Basis von Kuhmilch, jetzt will sie mit der Hautcreme "Qmilk" auf den Markt. Ihre Präsentation - im Geschäftssprech der "Pitch" - läuft aber spätestens dann aus dem Ruder, als die "Löwen" das Produkt testen: "Ich habe mir die Hände eingeschmiert, da glänzt man ja wie'n Affenarsch", protestiert Schweizer. Darauf die Gründerin: "Man darf nicht so viel nehmen, ich nehme 50 Euro pro Milliliter!" - "Dann habe ich mir hier ja 20 Euro auf die Hände geschmiert." Anschließend erstickt Williams die verblieben Hoffnung im Keim: "Das Thema Milch ist so alt wie'n alter Strumpf!" Die Biologin protestiert, mobilisiert die letzte Reserve: "Mein Dekolleté war voller schwerer Akne...", macht damit aber alles noch schlimmer: "Da muss ich sie wirklich stoppen!", tadelt Williams vehement, man dürfe doch keine medizinischen Heilsversprechen machen.

Eine "alleinerziehende Mutter" baut mobile Saunen und möchte sie nicht im Baumarkt verkaufen, sondern einen bundesweiten Verleih aufziehen. Da steigt Öger, anfangs begeistert, aus: "Sie sind eine sehr sympathische Frau. Ob sie eine gute Unternehmerin sind, das weiß ich nicht". Als nach und nach alle möglichen Investoren Abstand nehmen, klappt die Kanidatin zusammen: "Darf ich eine kurze Pause machen?" Der Kreislauf spielt nicht mit, sie setzt sich hin. Alles vorbei, entsetzlich. Danach sagt sie dennoch, was alle abgelehnten Bewerber sagen, auch wenn gerade ihr Lebenswerk zerbröselt ist: Es sei "alles okay", und sie hätten eben "viel gelernt" von den aasigen Gestalten mit all dem Geld und dem Erfolg, der ihnen fehlt und den sie doch auch sehr gerne hätten.

So übertragen sich die Qualen, die von den hoffnungsvollen Gründern bei ihrem präsentierenden Gehampel augenscheinlich ausgestanden werden, sehr rasch auf den Zuschauer. Dieses tapfere Lächeln, wenn die ersten "Löwen" abspringen, die hin- und herflitzenden Augen, ob nicht vielleicht doch noch ein "Investment" winkt, das Zittern, Schwitzen, Stottern und nervöse Zucken. Schrecklich. Und schrecklich unterhaltsam höchstens für ein Publikum, das Betriebswirtschaft für ein Naturgesetz und die Logik des Marktes für ein heiteres Gesellschaftsspiel hält.

Die Show produziert vor allem Verlierer in Serie

"Die Höhle der Löwen" produziert also, wie andere Castingshows auch, vor allem Verlierer in Serie. Ihr Scheitern scheint verdient, die Häme darüber macht den geheimen Unterhaltungswert der Sendung aus. Und selbst wenn man sich doch mal handelseinig wird, wirkt selbst der Sieger wie ein Verlierer. So wie der Kleinunternehmer mit der beheizbaren Matratze für Allergiker. Er will 95.000 Euro für 30 Prozent seiner Firma. Öger, Williams und Thelen bieten 90.000 und ihr Know-how - und 60 Prozent von der Firma. Der Mann schlägt ein, besser als nichts, und zu den traurigen Klängen von "Ein Hoch auf uns" fallen sich die Geschäftspartner in die Arme.

Am Ende fängt man sogar an, unwillkürlich den Werbeblock ganz aufmerksam nach investitionswürdigen Produkten zu scannen, vom Hornhautentferner bis zur Wimpernbürste. Das muss doch auch alles mal jemand erfunden haben! Oder hier, dieses Candlelight-Dinner und die Quad-Touren von - hoppla! - Jochen Schweizer. Ist dessen Unternehmen nicht eben in der Sendung erst ausgiebig vorgestellt worden? Und das aller anderen "Löwen" auch? In aufwendigen Einspielfilmchen? Hm. Eine Sendung, in der arme Schlucker um Kapital werben bei Unternehmern, die nebenbei selbst die Werbung für ihre Produkte geschenkt bekommen. Eigentlich eine sympathische Geschäftsidee.

insgesamt 55 Beiträge
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zimond 20.08.2014
1. Es geht immer ums Versagen.
Menschliches Versagen zu begaffen ist doch seit Jahren der einzige Antrieb für 90% der TV Konzepte. Egal ob Frauentausch, SuperNanny, Raus aus den Schulden, Der Restaurantester und der ganze andere Mist. Im Mittelpunkt steht das wirtschaftliche und vor allen Dingen soziale Versagen von Menschen das für andere Versager voyeuristisch dargeboten wird. Diede Konzepte und noch mehr deren Zielgruppe widern mich an!
plumley 20.08.2014
2. Eher schädlich
Ob diese "Fachleute" wirklich hilfreich sind ist fraglich! In den meisten Fällen haben dieser Typus Unternehmer nur Glück und vielleicht eine gute Idee gehabt und werden seit dem von echten Fachleuten darin unterstützt was der Unterschied zwischen Ideen und echtem nachhaltigem Wirtschaften ist. Natürlich sind viele Ideen die da vorgestellt wurden chancenlos aber das kann auch i. A. durch den Angestellten der finanzierenden Bank gesehen werden oder eine Klasse Grundschulkinder. Es braucht mit Sicherheit keine öffentliche Demontage von Menschen oder die Meinung dieser "Experte"!
mitch72 20.08.2014
3.
Naja, wer als angehender Unternehmer sich in eine solche Show setzt, mag zwar die mit einhergehende PR auf seiner Seite haben, aber niemals "Geldgeber", welche einem einreden, die Idee sei Schitt. Die haben ihr Geld und können gut reden, aber ein angehender Unternehmer muss einfach den Mut haben, eigenes Kapital einzusetzen. Oder glauben Sie, dass die Herren und Damen mit dem ersten Start gleich Erfolg hatten?
pfranksen 20.08.2014
4.
Die Sendung ist natürlich aus den USA übernommen. Die "Löwen" und die Kandidaten sind dort nicht so farblos wie gestern bei VOX. Beispiel: Ein Kandidat in den USA präsentierte ein Schnellreparaturset für Trockenbauwände. In einem Land, in dem fast jedes Haus solche Wände hat, ein todsicheres Geschäft. Da wurden bei VOX doch eher Nischenprodukte vorgestellt.
just_a_dude 20.08.2014
5.
Da ich die Englische Variante der Show gerne gesehen habe, habe ich mir das deutsche Pendant gestern auch angesehen. Ich finde, die Sendung kommt in ihrem Artikel zu schlecht weg. Wenn man sich zu Gemüte führt wieviel Schwachsinn im deutschen Fernsehen läuft, muss man ganz klar sagen, dass die Sendung doch noch einen Gewissen Mehrwert mit sich bringt. Wenn sie sagen, dass das Format mehr Verlierer als Gewinner hervorbringt, dann ist das zwar empirisch gesehen richtig, allerdings verleitet es mich zu der Gegenfrage, welches TV Format denn überhaupt Gewinner produziert. Sie liefern den Matratzen Hersteller als Beispiel für einen Gewinner, der eigentlich als Verlierer wirkt. Das macht mich stutzig. Ja, der Herr musste 30% seines Unternehmens mehr abgeben, als ursprünglich von ihm angedacht. Nun müssen sie allerdings auch sehen, dass er dafür einen zusätzlichen Vertriebskanal (Teleshopping... und ja, man mag es kaum glauben, aber es gibt tatsächlich genug Leute, die über dieses Medium einkaufen) gewonnen hat und einen Unternehmer, der wahrscheinlich besserim Tourismus vernetzt ist, als jeder andere Deutsche. 40 % von viel sind deutlich besser als 60% von nichts. Auch die englische Version hat genügend Beispiele geliefert, dass "Dragons Den" durchaus eine Möglichkeit sein kann, ein Investment einzufahren, und zusätzlich einen enormen Marketing Effekt zu erzielen. Levi Roots - Raggae Raggae Sauce wäre ein Beispiel. Der Mann ist mit seinem Produkt mittlerweile in fast jedem englischen Supermarkt vertreten, und sein Betrieb wird auf ca. 30 Millionen Pfund geschätzt. Nie im Leben wäre ihm diese Marktpenetration ohne die "Dragons" gelungen. Ich bleibe dabei. Das Format, und auch die deutsche Version davon, bietet beste Unterhaltung und ist mehr Segen als Fluch in Deutschlands öder TV Landschaft.
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