Hoeneß-Talk bei Jauch Das Spekulationstribunal

Muss Uli Hoeneß in Haft? Das soll eigentlich ein Gericht ab heute klären, doch bei Günther Jauch versuchten sich die Talkgäste schon einmal an einer Diagnose. In den weiteren Rollen: zwei Phantome und ein Störenfried.
Talkmaster Jauch: "Schlinge um den Hals gespürt"?

Talkmaster Jauch: "Schlinge um den Hals gespürt"?

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Es gibt Fragen, die sind so schicksalhaft und schwer, dass man kaum glauben mag, wie leicht sie sich in in fünf knappe Worte fassen lassen. Jene, die aktuell wenn schon nicht die ganze Menschheit, so doch erhebliche Teile von ihr beschäftigt, lautet: "Muss Uli Hoeneß ins Gefängnis?" Für eine zügige Antwort wird von diesem Montag an von Gerichts wegen gesorgt, aber damit ist es in einem solchen Fall natürlich nicht getan, auch wenn dazu fast alles schon geschrieben und gesagt wurde. Deshalb war es nur logisch, dass diese Steuerstrafsache am Vorabend des Prozessbeginns bei Günther Jauch noch einmal ausführlich zur Sprache kam - wobei nicht nur die Anwesenden, sondern auch zwei, nun ja, Phantome eine gewisse Rolle spielten.

Das erste war ein ungebetener Gast, der randalierend aufs Podium drängte, von Ordnern fortgeschafft wurde und von dem sich später herausstellte, dass es sich weder um einen Bayern-Hasser noch einen Hoeneß-Fan handelte, sondern um einen Mann mit privaten Problemen. Irgendwie passte das also letztlich schon, auch wenn die Probleme des geständigen Steuerhinterziehers aus München wohl noch etwas anders dimensioniert sein dürften und eben nicht nur privater Natur sind.

Um auch die moralische Relevanz deutlich werden zu lassen, hatte sich der Gastgeber sogar geistlichen Beistands versichert und Bischof Wolfgang Huber eingeladen, den früheren EKD-Ratsvorsitzenden. Der sagte dann auch tatsächlich etwas zur unverbrüchlichen Würde der Person einerseits sowie andererseits zur Steuerehrlichkeit und empfahl im Übrigen: "Lasst den Rechtsstaat Rechtsstaat sein."

Wäre es strikt nach dieser Devise gegangen, hätte indes Moderator Jauch seine Sendung gar nicht stattfinden lassen dürfen, die im Grunde auf nichts anderes als eine Art Spekulationstribunal hinauslief. Zunächst wurde Rückschau gehalten in jene denkwürdigen Tage vor rund einem Jahr, da im Zuge journalistischer Investigation aus dem grandiosen Saubermann an der Spitze des enorm erfolgreichen Fußballvereins ein schnöder Zocker und Steuersünder wurde.

Johannes Röhrig vom "Stern" und Georg Mascolo, Ex-SPIEGEL-Chef und heute Leiter eines crossmedialen Rechercheteams, referierten ausführlich den Gang der Dinge, nannten Daten und Summen und erklärungsbedürftige Abläufe, und alsbald und immer wieder ging es um die Kernfrage, ob die Selbstanzeige denn nun vollständig und fristgerecht, also vor Aufdeckung der Tat, gestellt und damit strafbefreiend gewesen sei oder nicht. Als Jauch meinte, Hoeneß habe doch bereits "die Schlinge um den Hals gespürt", gab es Beifall aus dem Publikum.

An dieser Stelle kamen nun erstens Simone Kämpfer ins Spiel sowie das zweite Phantom. Frau Kämpfer war früher Staatsanwältin und ist heute Anwältin für Steuerstrafrecht mit entsprechend zweckdienlicher Vorbildung aufgrund ihres Seitenwechsels. Für sie stellte sich die Lage so dar, dass eine strafbefreiende Wirkung sehr wohl gegeben sein könnte - und das trotz der Mitwirkung eines ominösen Finanzbeamten bei Erstellung der Selbstanzeige. Der Mann sei doch schließlich bereits in Altersteilzeit gewesen und mithin kein Staatsbediensteter mehr mit amtlicher Berichtspflicht, lautete die Erklärung der Anwältin für diese recht obskure Konstellation, was Bekundungen von Unverständnis und Unmut zur Folge hatte. Überhaupt war die Stimmung unter den Zuschauern im Berliner Gasometer vernehmbar nicht eben probayerisch.

Der einsame Stoiber

Mithin war es um Edmund Stoiber, Aufsichtsratsmitglied beim FC und Ex-Chef von ganz Bayern, ein bisschen einsam. Er musste mitanhören, wie die Advokatin auf Drängen des Moderators diverse Szenarien entwickelte, den etwaigen Freigang oder die vorzeitige Entlassung dank guter Führung eines Häftlings namens Hoeneß betreffend. Er musste einen aus heutiger Sicht ziemlich peinlich anmutenden Einspieler mitansehen: Der Bayern-Boss kurz vor dem eigenen Denkmalsturz in einer Jauch-Talkshow als Musterpromi und derart eindrucksvoller Streiter für soziale Gerechtigkeit, dass anschließend in Boulevard-Schlagzeilen ernsthaft gefragt wurde, ob wir nicht "mehr Hoeneß in der Politik brauchen".

Inzwischen könnte es hier in ganz anderer Hinsicht um öffentliche Angelegenheiten gehen. Mascolo fand, dass der Fall Hoeneß durchaus das Potential für Rechtsgeschichte aufweise, weil sich durch ihn womöglich abschließend klären lasse, wie in Fällen von missglückter Selbstanzeige grundsätzlich zu verfahren sei. Vor allem aber geht es für jemanden wie Stoiber um die Frage, was denn der FC Bayern eigentlich machen würde ohne seinen Hoeneß, diese "Säule" des Vereins, den seinen Worten nach "90, ja 92 Prozent" der Fans wollen - in Bayern, in Deutschland und im Rest der Welt. Das mochte der einstige Ober-Bayer sich lieber gar nicht ausmalen.

Eines allerdings steht außer Frage: dass der Edmund dem Uli weiterhin ein treuer Freund bleibt, trotz des "Donnerschlags", der seinerzeit ihn, den Nichtsahnenden, ereilt habe, als die Sache ruchbar wurde, trotz des "schweren Fehlers", dessen Hoeneß sich jedoch bewusst sei, was ihn ja dann auch zur Selbstanzeige veranlasst habe. Eigentlich sei diese juristisch doch irgendwie dem Institut der tätigen Reue zuzuordnen.

Hilfsweise musste auch noch die Philosophie herhalten. Also sprach Stoiber, es zeige sich hier, "welche Widersprüchlichkeit im Menschen liegt."

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