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Serie über Auschwitz: Auf dem Weg zum Erinnerungskonsens

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TV-Meilenstein "Holocaust" Der Wendepunkt in der Erinnerungskultur

Die US-Serie "Holocaust", vor 40 Jahren erstmals in Deutschland zu sehen, wird wieder in den dritten Programmen gezeigt. Die Erzähltechnik mag antiquiert wirken, aber damals prägte dieses Epos das Gedenken an die Vernichtung der Juden.

Ab Montag können ältere Zuschauer ein Déjà-vu erleben. Vierzig Jahre nach der Erstausstrahlung im bundesdeutschen Fernsehen wird die US-Serie "Holocaust" erneut gezeigt. Die fiktive Geschichte erzählt auf der einen Seite am Beispiel der deutsch-jüdischen Arztfamilie Weiss alle Phasen des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungsprozesses von der sozialen Ausgrenzung bis zum Tod in der Gaskammer in Auschwitz - und auf der anderen Seite vom Aufstieg des jungen Erik Dorf vom Arbeitslosen zum einflussreichen SS-Mann.

Im Januar 1979 war die Serie mit Einschaltquoten von bis zu 40 Prozent und mehr als 20 Millionen Zuschauern ein Straßenfeger. Und sie öffnete der bundesdeutschen Gesellschaft die Augen. Die hatte sich bis dato, wenn überhaupt, nur mit den Tätern, aber wenig mit den Opfern des Judenmordes beschäftigt. Ein beispielloser "Geschichtssturm" (Günter Anders) brach los. Tausende Menschen wandten sich in Briefen an die Sender oder meldeten sich telefonisch bei eigens eingerichteten Zuschauertelefonen. Die meisten äußerten Scham und Entsetzen; andere dagegen Antisemitismus, Revisionismus und Leugnung des Geschehenen.

"Holocaust" war 1978 und 1979 ein internationaler Erfolg, auch über die USA und Deutschland hinaus. Die Filmrechte wurden in mehrere Dutzend Länder verkauft, darunter Frankreich, die Niederlande und Israel. Auch wenn der Film nicht in den Ländern des Ostblocks lief, so beeinflusste seine indirekte Rezeption selbst deren Erinnerungskultur.

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Serie über Auschwitz: Auf dem Weg zum Erinnerungskonsens

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Der Historiker Frank Bösch deutet die weltweite Verbreitung der Serie als "globalen Wendepunkt", der die Gegenwart noch immer prägt. Heute gilt die Vernichtung des europäischen Judentums als die Zentraltatsache der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Der Holocaust ist weltweit die Chiffre des Zivilisationsbruchs in der Moderne; er steht im Mittelpunkt einer globalisierten Erinnerungskultur.

All das hat auch mit der Katalysatorwirkung der Serie zu tun. Schon die zeitgenössischen Beobachter sahen "Holocaust" als Einschnitt - auch für die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft. Der Serientitel etablierte damals den schon zuvor gebräuchlichen, aber nicht konkurrenzlosen englischen Begriff "Holocaust" für die Vernichtung des europäischen Judentums in den Jahren 1933 bis 1945.

BR war gegen "Holocaust"-Ausstrahlung

Die Serie war bei ihrer Erstausstrahlung 1979 umstritten. Politiker fürchteten einen Ansehensverlust für die Bundesrepublik im Ausland, wenn Deutsche als Massenmörder weltweit auf den Bildschirmen erschienen. Deutsche Sendeanstalten zögerten mit dem Erwerb der Filmrechte, lediglich der WDR zeigte Interesse. Insbesondere der BR wehrte sich erfolgreich gegen eine Ausstrahlung der Serie im Ersten.

Nun verpasst das öffentliche-rechtliche Fernsehen der Bundesrepublik die Chance zur nachträglichen Korrektur einer 40 Jahre alten Fehlentscheidung. Wie 1979 läuft "Holocaust" zu wenig attraktiven Zeiten lediglich auf Sendern des dritten Programms, aber nicht zur Primetime im Hauptprogramm der ARD. So lobenswert die Ausstrahlung durch WDR, NDR und SWR ab diesen Montag ist, so wenig wird sie gegen Mitternacht ein großes Publikum erreichen.

Für eine ausbleibende Resonanz sprechen aber auch noch andere Gründe. Die inzwischen 40 Jahre alte Serie erzählt heute weniger über den Holocaust als darüber, wie man das Mordgeschehen Ende Siebzigerjahre in ein fernsehtaugliches Unterhaltungsformat brachte. Sie ist also selber historisch, ein Relikt auf dem langen Weg der Bundesrepublik zu einem (heute brüchig gewordenen) Erinnerungskonsens, in dessen Mittelpunkt die Opfer stehen.

Gegenläufig zu heutigen Sehgewohnheiten

Ein jüngeres Publikum wird die Serie kaum ansprechen: Ihre Erzähltechnik ist antiquiert, Kameraführung, Schnitttechnik sowie Dramaturgie entsprechen nicht mehr den modernen Sehgewohnheiten.

Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel hatte "Holocaust" sofort nach der Ausstrahlung scharf als "Soap-Opera" kritisiert. Tatsächlich kommen einige Filmszenen arg melodramatisch und kitschig daher. Zudem ist die deutsche TV- oder besser Streamingzuschauerschaft heute weitaus weniger homogen als 1979. Das Schicksal einer bürgerlichen deutsch-jüdischen Familie richtete sich vor allem an ein bürgerliches Publikum in der Mittelstandsgesellschaft. Ob es einer diversifizierten Einwanderungsgesellschaft im Jahr 2019 noch zur Identifikation dienen kann, ist zumindest zweifelhaft.

Leider haben weder kommerzielle Produzenten noch öffentlich-rechtliche Sender den Mut, eine aktualisierte "Holocaust"-Serie oder einen Remake des Klassikers zu drehen. Sie müsste ein inzwischen heterogenes Publikum ansprechen und zugleich auf der Höhe der Holocaustforschung sein. Diese hat die strenge Täter-Opfer-Dichotomie überwunden, bezieht die Mitläufer und Zuschauer des Judenmordes mit ein, erforscht die vielfältigen sozialen Beziehungen im von den Deutschen besetzten Osteuropa.

Es gibt mit "Babylon Berlin" eine aufwendige Serie über die Weimarer Republik, in der Antisemitismus nur am Rand vorkommt, und kontrafaktische Serien über einen Sieg der Nazis, wie "The Man in the High Castle". Doch eine zeitgemäße filmische Erzählung über den Holocaust fehlt. Dabei gäbe es gute Vorlagen für Drehbücher: die erhellende Mikrostudie des US-amerikanischen Historikers Omer Bartov über den galizischen Ort Butschatsch etwa oder die virtuos erzählte rumänisch-jüdische Familiengeschichte "Oxenberg & Bernstein" von Catalin Mihuleac. Der Stoff wäre da.