Verschwörungsserie "Homecoming" Paranoides Denken kennt keinen Anfang und kein Ende

In der zweiten Staffel der gefeierten Verschwörungsserie "Homecoming" übernimmt Janelle Monáe von Julia Roberts. Auch sonst löst sich die Fortsetzung von ihren Vorlagen - meistens mit Gewinn.
Janelle Monáe in "Homecoming": Der wahre Name ihrer Figur wäre an dieser Stelle ein Spoiler

Janelle Monáe in "Homecoming": Der wahre Name ihrer Figur wäre an dieser Stelle ein Spoiler

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Für die verstörende Art von Menschen, die die erste Staffel von "Homecoming" bevölkerte, gibt es keinen passenden Ausdruck. Sie waren zwar eindeutig am Leben, aber etwas von diesem Leben, genauer gesagt: ein Teil ihrer Erinnerungen, war weg. Zurzeit nicht verfügbar, womöglich für immer gelöscht. Halbe Zombies.

Was dieser Zustand mit einem Wiedereingliederungsprogramm für Soldaten der U.S. Army, genannt "Homecoming", zu tun hatte, erforschte die erste Staffel der Hitserie von Amazon Prime. Als Therapeutin in einem Homecoming-Zentrum betreute Julia Roberts den Kriegsheimkehrer Walter Cruz (Stephan James), ihre Figur Heidi Bergman wurde von der Serie aber in einem parallel laufenden Erzählstrang gleichzeitig selbst als Therapiefall vorgestellt: Vier Jahre später konnte sie sich weder an Walter noch an ihre Arbeit bei Homecoming erinnern.

Der Reiz der Verschachtelung

Dass dem Ganzen eine Verschwörung zugrunde lag, war von Anfang an klar, weshalb die Serie von der Dynamik der Paranoia angetrieben war. Die läuft normalerweise so: Weiß ich, was ich weiß, und weiß der andere, was ich weiß? "Homecoming" variierte sie nun sehr schön zu: Weiß ich, was ich vergessen habe, und weiß der andere, was ich vergessen habe?

Paranoides Denken kennt keinen Anfang und kein Ende, denn man kann in beide Richtungen nie genug wissen: Immer kann die Vorgeschichte selbst noch eine Vorgeschichte haben, hinter dem Hintermann noch eine Hinterfrau stecken und hinter der sich noch mal ein unbekanntes Konglomerat verbergen. Für Filme und insbesondere Serien, die Verschwörungen zum Thema haben, stellt sich deshalb die Frage nach dem passenden Ende besonders dringlich. Potenziell könnten sie sich ewig weiter in sich selbst verschachteln. Wann also aufhören?

Am besten nach der ersten Staffel. Das war jedenfalls der Tenor der Kritik, als am Freitag die zweite Staffel von "Homecoming" erschien. Die Frage, wann es denn mal gut sei, lässt sich bei filmischen Verschwörungen anders als bei politischen Verschwörungen aber weniger intellektuell denn emotional beantworten: Schluss ist dann, wenn man persönlich die Schnauze voll hat von noch mehr Wendungen, Enthüllungen und wechselnden Loyalitäten.

Wer für sich nach der ersten Staffel "Homecoming" klar sagen konnte: "Ja, reicht!", sollte nun tatsächlich nicht weiterschauen (und sich danach erst recht nicht beschweren, dass es noch weitergegangen ist). Wer aber noch Lust auf ein paar Drehungen und Wendungen mehr hat, der ist mit Staffel zwei ziemlich gut bedient, denn die macht ein paar bemerkenswerte Dinge anders als ihre Vorläuferin. (Keine Spoiler-Warnung! Das folgende ist so abstrakt wie nur möglich gehalten.)

Die offensichtlichsten Änderungen sind eine vor der Kamera - Janelle Monáe ("Hidden Figures", "Moonlight") übernimmt die weibliche Hauptrolle von Julia Roberts - und eine dahinter: Kyle Patrick Alvarez führt statt Sam Esmail ("Mr. Robot") bei allen Folgen Regie. Die folgenreichste ist allerdings, dass die zweite Staffel nicht mehr wie die erste auf einem Podcast basiert.

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Zweite Staffel "Homecoming"

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Als Hörspieladaption tat sich die erste Staffel nämlich mitunter sehr schwer, verbales und visuelles Erzählen schlüssig zu verbinden. Während die Handlung vor allem in den Therapiegesprächen zwischen Roberts' Heidi und Walter sowie zwischen Heidi und ihrem Chef Colin vorankam, musste Esmail auf der Bildebene einiges an Budenzauber (veränderte Bildausschnitte, ständige Nahaufnahmen, Perücken) veranstalten, um Schritt mit den Entwicklungen zu halten.

Von diesem Ballast hat sich Staffel zwei erfolgreich befreien können: Sie beginnt mit einem starken Bild - Monáes Figur wacht unvermittelt allein in einem Boot auf, mit dem sie wohl auf einem See ausgesetzt wurde - und schafft sich von da aus eine Rampe, immer wieder auf einzelne Bilder und Szenen zurückzukommen, um diese in einem veränderten Kontext in eine völlig andere Bedeutung kippen zu lassen.

Das wirkt mitunter effekthascherisch, zumal der neuen Geschichte die emotionale Grundierung fehlt, die die Sympathieträger Roberts und James in die erste Staffel brachten. Hier gibt es definitiv keine Heiligen. Aber die Schurken, die nun im Mittelpunkt stehen, und die Schauspieler, die diese mit spürbarem Gusto verkörpern, machen vieles wett. Auch so verdreht die zweite Staffel nämlich die Logiken der ersten: Verstörend sind bei ihr die Menschen nicht nach dem Vergessen, sondern davor.

Die zweite Staffel "Homecoming" ist bei Amazon Prime Video verfügbar.

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