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10. Januar 2014, 07:21 Uhr

Hitzlsperger-Talk bei Illner

Nicht überall so liberal

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Was verrät das riesige Echo auf das Coming-out von Thomas Hitzlsperger über das Verhältnis der Deutschen zum Thema Homosexualität? Die Talk-Runde bei Maybrit Illner legte den Verdacht nahe, dass wir alle ganz schön neurotisch sind.

Pofalla? Schumacher? CSU-Klausur? Ungewiss, welches Thema Maybrit Illner unter normalen Umständen gewählt hätte. Doch Wildbad Kreuth interessiert niemanden mehr, wenn ein Fußballspieler aus dem 80 Kilometer entfernten Forstinning publik macht, dass er schwul ist. Dass ihre Talk-Runde zum Coming-out von Thomas Hitzlsperger so unterhaltsam war, lag vor allem an dem Journalisten Manni Breuckmann.

Noch beim Gang ins Studio scheint er sich gefragt zu haben, worüber da überhaupt gesprochen werden soll. "Hitzlsperger bricht ein Tabu?" - er sieht das ganz anders. Ihm erscheint es absurd, dass leibhaftige Regierungssprecher und DFB-Präsidenten das Outing eines ehemaligen Nationalspielers kommentieren. Die mediale Bugwelle sowieso. Zeugt alles von einem "hochneurotischen Verhältnis zu Homosexualität." Und wenn er sich überlege, woher die Menschen das wohl hätten, falle ihm als erstes die katholische Kirche ein.

Der ehemalige Werder-Manager Willi Lemke orakelt gar von 46 weiteren Talkshows zum Thema Hitzlsperger, die dieser noch folgen werden - kein gutes Zeichen. Er könnte schließlich recht behalten.

Merkwürdige Verhaltensweisen

Aber mal ehrlich: Welcher Journalist, der halbwegs bei Trost ist, würde seine Talkshow nur einen Tag nach einer solchen Story mit einem anderen Thema besetzen? Das sieht auch der ehemalige Erfurter Jugendspieler Marcus Urban so, der wie Wowereit ("Ist nicht überall so liberal wie in Berlin, Köln oder Hamburg") von den merkwürdigsten Verhaltensweisen zu berichten weiß. Nach seinem Outing sei er von ehemaligen Mitspielern gefragt worden, ob er sie denn unter der Dusche begafft habe.

Vielleicht sollte sich die Hetero-Welt nicht allzu früh gelangweilt zurücklehnen, solange Schwule wie Urban ("Ich musste mich erst mal hinsetzen") auf Hitzlspergers Outing so glücklich reagieren wie ältere Sizilianerinnen nach einer Marien-Erscheinung auf dem Marmeladenbrötchen.

Solange homosexuelle Sportler Monate vorher darüber nachdenken müssen, wie sie bei den Olympischen Spielen in Sotschi ein kleines Zeichen des Protests gegen einen Staat aussenden können, der Homosexuelle wie Verbrecher behandelt, solange gibt es da draußen also offenbar ein Problem.

Als Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds, den Kuschelkurs gegenüber Putin rechtfertigt und die Olympia-Vergabe nach Peking oder Sotschi (bei aller Kritik an den Zuständen dort, versteht sich) allen Ernstes mit der Ostpolitik Willy Brandts vergleicht, lacht Breuckmann auf: "In China ist seit Olympia ja alles besser geworden."

Frau Illner und das Böse in der Fan-Kurve

Maybrit Illner hat jedenfalls ein unverrückbar negatives Bild vom Fußball als solchem - was verwunderlich ist, wo doch in jedem Redaktionsteam Menschen sitzen dürften, die schon einmal ein Stadion von innen gesehen haben.

Als jemand versucht, die Furcht vor den vermeintlichen Wüterichen auf den Stehplatzrängen zu zerstreuen ("Angst vor der Kurve ist unbegründet"), interveniert Illner sofort und zitiert, um das zu "konterkarieren", einige indiskutable Forumseinträge unter Online-Texten. Breuckmanns verdutzter Einwand ("Und, was beweist das?") ficht sie nicht an.

Für Illner ist offenbar klar, dass die Beschimpfungen nur von Fußballfans kommen können. Die Idee, dass nicht alle Idioten dieser Welt eine Stehplatzdauerkarte haben, scheint der Moderatorin völlig fremd zu sein.

Schwamm drüber, Illner trägt schließlich maßgeblich zu einer doch eher kurzweiligen Stunde bei, findet schnell den Rhythmus und lässt reden, wo Interessantes folgen könnte - und manchmal dann auch folgt. Schließlich kann Klaus Wowereit durchaus unterhaltsam über die Dinge des Lebens plaudern, für die es keinen Bebauungsplan braucht. Alles gut also. Die nächsten 46 "Tabu"-Talkshows können kommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Illner habe Ultras einmal die "Taliban unter den Fans" genannt. Das ist falsch, das Zitat stammt von Sandra Maischberger. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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