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"Honigfrauen": Dringend zu meidende Fabeltiere

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ZDF-Dreiteiler "Honigfrauen" Ein letzter Sehnsuchtssommer

Eine Coming-of-Age-Geschichte, viel Achtzigerjahre-Retroromantik und nur ein paar Brösel Ostalgie: Der Auftakt des ZDF-Dreiteilers "Honigfrauen" überrascht mit sonntagabendhafter Leichtigkeit.

Ratsch, runter mit den Wohnzimmervorhängen! Wenn die beiden Töchter überraschend die Genehmigung für Campingferien am ungarischen Balaton bekommen, aber leider keine Bikinis haben, muss die patente DDR-Mutti eben improvisieren und den Badefummel aus dem knallroten Fensterbehang nähen, denn "nackend ist da ja nicht".

Das sind die ersten Szenen von "Honigfrauen", prophylaktisch grummelnd befürchtet man für die nächsten knapp neunzig Minuten leicht stockige Ostalgie-Stimmung - und wird positiv überrascht, als sich die Auftaktfolge des Dreiteilers als unprätentiöse Coming-of-Age-Geschichte um zwei junge Frauen aufblättert, die 1986 zum ersten Mal ein paar Freiheitskrümel kosten dürfen.

Schon der Name des Urlaubsziels klingt für sie wie eine gemurmelte Verheißung: Balaton! Wieviel prosaischer und stumpfer ist da die westdeutsche Bezeichnung "Plattensee"! Schon beim Trampen an ihren Sehnsuchtsort lernen die Schwestern Catrin und Maja (überzeugend unbefangen verkörpert von Cornelia Gröschel und Sonja Gerhardt) zwei dieser bislang wie dringend zu meidende Fabeltiere beschriebenen Westler kennen. Die beiden Bayern erklären ihnen, warum die DDR-Frauen, die man beim Urlauben in Ungarn kennenlernen kann, im Westen einen besonderen Spitznamen hätten: "Ihr seids Honigfrauen, weil ihr so süß seid."

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"Honigfrauen": Dringend zu meidende Fabeltiere

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Am Balaton gerieren sich die meisten West-Urlauber dann auch tatsächlich wie die naturgegeben rechtmäßigen Verkoster dieser Honigwesen. Sie brausen protzig auf Motorbooten wie aus einem frühen Wham!-Video herum, ihr Hotel verklärt sich für die beiden Mädchen aus Erfurt zum dekadenten Märchenschloss, als ihnen der mildtätige Hotelleiter (Stipe Erceg) die Wunderkammer der zurückgelassenen Hotelfundsachen öffnet, aus der sie sich westlich einkleiden dürfen.

Brunftpaar auf dem Trabidach

Klingt alles nach einem aufregenden ersten Urlaub, wären da nicht die familiären Geheimnisse und politischen Scheußlichkeiten, die das Postkartenidyll wie lästige Mücken stören. Es gibt da nämlich noch Erik (Dominic Raacke), die Jugendliebe von Mutter Kirsten (Anja Kling), der sich beim Mauerbau in die Bundesrepublik abgesetzt hatte. Er ist Catrins Vater, was in der Familie bislang niemand weiß, doch jetzt ist er zum Plattensee gereist, um seine Tochter nach 25 Jahren endlich kennenzulernen. Und natürlich gibt es für die DDR-Bürger keinen Urlaub von Wanzen pflanzenden Stasi-Spitzeln, die selbst das Zelt der Schwestern abhören.

Der erste Teil der Trilogie wirkt an diesen Stellen, als baue man ohne Eile erst sorgfältig die Requisiten auf, die man in den weiteren Teilen für den spannungsgetriebenen Fortgang der Geschichte noch brauchen wird. Eine kluge Entscheidung, die Handlung hier noch nicht zu überfrachten.

Produzentin und Autorin Natalie Scharf und ihr Co-Autor Christoph Silber erzählen ihre "Honigfrauen"-Geschichte bemerkenswert unangestrengt und konsequent entlang am Erleben der beiden Schwestern, die in Ungarn zum ersten Mal die Grenzen ihrer bisherigen Welt aufbrechen - ein fein gezeichnetes Mosaik über Verrat im Großen und Kleinen, im Politischen und höchst Privaten.

Natürlich gibt es trotzdem die fast unvermeidliche komödiantische Bumsgeräusch-Szene eines auf seinem Trabidach zeltenden Brunftpaares, ja fast schon ein klamottiger Pflichttopos bei einem solchen Setting. Doch der wird wiedergutgemacht durch schöne Regie-Einfälle wie poetische Unterwasserszenen, einen Look, der sich authentisch anfühlt - und man hört im wohlig zeitgenössischen Soundtrack einmal kurz Sigue Sigue Sputnik, toll.


"Honigfrauen - Teil 1", Sonntag, 23.04.2017, 20.15 Uhr, ZDF. Ab 10 Uhr ist die erste Folge in der Mediathek verfügbar. Die weiteren Teile folgen am 30.04.und am 07.05.

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