Al Pacino in Amazon-Serie Wie Pulp Fiction im KZ

Egal, wie groß die Star-Power der Amazon-Serie "Hunters" ist: Auf geschmacklosere Weise ist der ­Holocaust noch nie zu Unterhaltungsware verwurstet worden.
Al Pacino in "Hunters": Nahe an der Persiflage gespielt

Al Pacino in "Hunters": Nahe an der Persiflage gespielt

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Christopher Saunders/ Amazon

Es dauert keine fünf Minuten, bis in der Amazon-Serie "Hunters" die Worte "Heil, mein Führer! Sieg Heil!" über eine mit Blut besprenkelte Wiese gellen; heiser, irre, im Original mit deutlichem amerikanischem Akzent. Der Zuschauer ahnt da noch nicht, wohin diese Serie sich entwickeln wird, ist vielleicht ernsthaft schockiert von der Wirkung der Worte und dem monströsen Blutbad, das sie begleitet.

Am Ende der Pilotfolge, die immerhin Spielfilmlänge hat, ist nicht klarer, was "Hunters" eigentlich will. Und damit beginnt der Ärger, den diese Serie mit ihrer Mischung aus Selbstjustizthriller und von ­Comics inspiriertem Infantilismus bereitet. ­Eines lässt sich nach 90 Minuten jedenfalls festhal­ten: Auf geschmacklosere Weise ist der ­Holocaust noch nicht zu Unterhaltungsware verwurstet worden. Und die nachfolgenden Episoden mindern diesen Eindruck nicht, im Gegenteil.

Dabei ist die Geschichte um eine Gruppe Kämpfer, die im New York der Siebzigerjahre gegen untergetauchte Nazis vorgehen, vor und hinter der Kamera äußerst prominent besetzt. Der Produzent Jordan Peele sorgte mit seinen Horrorfilmen "Get Out" und "Us" für Furore. Er war es auch, der diesen Kreativunfall bei Amazon unterbrachte.

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"Hunters": Nazi-Jagd mit Zwinkerzwinker-Gestus

Foto: Christopher Saunders/ Amazon

Eine Hauptrolle spielt Al Pacino, mit 79 Jahren und nach seinem großen Auftritt als Jimmy Hoffa in Martin Scorseses "The Irishman" derzeit mehr Schauspiellegende denn je, er wurde für seine Rolle für den Oscar nominiert. Retten kann er "Hunters" allerdings nicht, im Gegenteil: Pacino spielt seine Figur, einen betuchten jüdischen Holocaust-Überlebenden, nahe an der Persiflage - was die unangenehmen Effekte dieser an unangenehmen Effekten nicht eben armen Produktion noch beträchtlich ­verstärkt.

Nun haben fiktionalisierte Nazi-Verbrecher schon in hinreichend vielen Spielfilmen Auftritte als dämonische Deppen hingelegt. Die Palette reicht von Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" bis zum Klamauk der Haudrauf-Satire "Iron Sky". Aber "Hunters" erreicht nie auch nur annähernd das stilistische Niveau des ersten Beispiels und nimmt sich selbst zu ernst, um die Harmlosigkeit des zweiten für sich in Anspruch nehmen zu können.

Der Serienerfinder David Weil sagt, er sei von den Geschichten seiner eigenen jüdischen Großmutter zu "Hunters" inspiriert worden. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg hätten sich in seinem Kopf mit den Gut-gegen-Böse-Geschichten seiner Lieblingscomics verbunden. Unschwer ist Weil in der Hauptfigur des Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) zu erkennen: ein Siebzigerjahre-Teenager, der mit seinen Nerd-Freunden ausgiebig über den Film "Star Wars" fachsimpelt und zum Zeugen wird, als seine Großmutter umgebracht wird. In seinem Rachedurst gerät er an den von Al Pacino gespielten Meyer Offerman, der eine geheime Kampftruppe anführt. Die wird dringend gebraucht, denn, so will es das Drehbuch, gut vernetzte Nazis haben die amerikanische ­Politik infiltriert und planen, in den USA ein "Viertes Reich" zu errichten.

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Erzählt wird diese Geschichte mit kaum kaschierten ­Stimmungsbrüchen. In "Hunters" stehen Szenen, die den Schmerz von Überlebenden des Holocausts und ihren Angehörigen spürbar machen, unvermittelt zwischen harmlosen stilistischen Spielereien. Die Mitglieder von Offermans Team paradieren ein wie Stars aus Trashfilmen, "Batman" und ­andere Superhelden sind offensichtliche Reverenzen. Neben einer comichaft übersteigerten Sequenz, in der ein ehemaliger SS-Mann aus Buchenwald gefoltert und getötet wird, steht eine wie angeklebt wirkende Reflexion über die Rechtmäßig­keit von Selbstjustiz.

Am schwersten zu ertragen sind allerdings die Rückblenden nach Auschwitz oder Buchenwald, die zur Grundierung der lustig-harmlosen Hatz der Erzählgegenwart herhalten müssen. Als würde das Grauen des industriellen Massen­mordes von Millionen Menschen nicht ausreichen, versuchen die Macher sogar hier noch, das Geschehen mit Pulp-Fic­tion-Elementen aufzupimpen. In einer selten widerlichen Sequenz zwingt ein sadistischer Lagerkommandant Häftlinge, als ­lebendige Figuren eines Schachspiels zu agieren und sich gegenseitig die Kehle durchzuschneiden.

Die Debatte darüber, ob der Holocaust und seine Folgen darstellbar sind, ist alt und wird aus gutem Grund immer wieder neu geführt, weil ihre Fragen abschließend ja nie beantwortbar sind. "Hunters" will gleichzeitig mit Zwinkerzwinker-Gestus lustige Action-Anekdoten aneinanderreihen und eine relevante Geschichte über Opfer erzählen, die ihre Traumata überwinden, indem sie selbst zu Tätern werden. Aber wer Trash-Ästhestik und den Holocaust zusammen­führen will, muss schon sehr gute Argumente dafür vorbringen können. Die Macher von "Hunters" vermitteln nicht den Eindruck, sich darüber große Gedanken gemacht zu ­haben. Dieser lapidare Umgang der Serie mit einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist fahrlässig.

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