Zur Ausgabe
Artikel 49 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Serie "I May Destroy You" Die Rächerin

Eine junge Frau wird vergewaltigt – und outet den Täter auf einem Literaturfest vor Publikum: "I May Destroy You" ist eine furiose Serie über Sex, Schmerz und Vergeltung.
aus DER SPIEGEL 43/2020
Michaela Coel als Arabella

Michaela Coel als Arabella

Foto:

HBO / Sky

Das schöne, wilde Leben in den WG-Zimmern, Lofts und Klubs einer Großstadt ist selten so beneidenswert glamourös vorgeführt worden wie in dieser Serie, die in London spielt und mindestens so viel von menschlicher Gemeinheit handelt wie vom Glück. In "I May Destroy You" sieht man Jungerwachsene um die dreißig zu Elektrobeats auf der Tanzfläche toben. Man sieht sie beim Arbeiten in Penthousebüros und beim Trinken, beim Drogenkonsum und beim Sex. Manchmal sitzen sie einsam in der U-Bahn herum. Manchmal brüllen sie sich an. Manchmal fallen sie sich heulend um den Hals. Aber immer scheinen diese Menschen von dem strahlenden Bewusstsein erfüllt, dass ihnen an diesem Ort und in diesem Augenblick die Welt gehört.

Arabella (Michaela Coel) und Terry (Weruche Opia)

Arabella (Michaela Coel) und Terry (Weruche Opia)

Foto: HBO / Sky

Die Drehbuchautorin und Schauspielerin Michaela Coel  spielt in "I May Destroy You" eine Schriftstellerin namens Arabella. Arabellas Eltern sind einst aus Ghana nach London gezogen, ihre besten Freunde sind die aufstrebende Schauspielerin Terry (Weruche Opia) und der smarte Tanztrainer Kwame (Paapa Essiedu). Arabella hat einen Bestseller veröffentlicht. Er basiert auf ihren Twitter-Tagebuchnotizen über den Liebes- und Lebensstress einer jungen Frau. Eines Abends tritt sie vor dem Publikum eines Literaturfests ans Mikrofon und berichtet, dass sie vor ein paar Tagen missbraucht worden sei – von einem Mann im Saal, den sie wütend als Täter outet. Panisch flüchtet der Kerl, während das Publikum ihn filmt und ausbuht.

Ähnlich hat es die 32-jährige Coel in der Realität im Jahr 2018 am Rednerpult eines Festivals in Edinburgh gemacht. Sie sprach öffentlich darüber, dass ihr vor einigen Jahren ein Unbekannter Betäubungsmittel in den Drink geschüttet und sie vergewaltigt habe – ohne dass die Öffentlichkeit erfahren hätte, wer der Täter war.

Empörung, Angst und absurde Schuldgefühle

In "I May Destroy You" verarbeitet Coel, die als Comedian anfing und mit der Serie "Chewing Gum" vor ein paar Jahren vor allem in Großbritannien und den USA einen ersten Erfolg hatte, ihr eigenes Trauma. Sie tut es auf äußerst kluge, psychologisch gewitzte Weise, die in jeder der zwölf Episoden aufs Neue überrascht. Arabella wird innerhalb weniger Wochen von zwei verschiedenen Männern auf unterschiedliche Weise misshandelt, beide Taten wertet sie selbst als Vergewaltigung. Und natürlich handelt die Serie, in der Coel selbst die Hauptrolle spielt und in den meisten Folgen auch Co-Regie führte, unter anderem von der Empörung, der Angst und den absurden Schuldgefühlen der Heldin. Als ihr ein italienischer Ex-Liebhaber sagt, dass sie in Zukunft in Bars und Klubs einfach besser auf das Glas mit ihrem Drink aufpassen solle, bricht sie vor Zorn in Tränen aus.

Und doch sind die Verbrechen der Männer in "I May Destroy You" nicht das Zentrum des Dramas, sondern der Ausgangspunkt für die grundsätzliche Frage, wo unter paarungswilligen jüngeren Metropolenmenschen heutzutage überhaupt der Übergriff beginnt. In vielen Varianten erforscht die Serie, wie genau absolute Ehrlichkeit beim Sex funktionieren könnte, was zwischen Männern und Männern, Frauen und Frauen, Frauen und Männern zum Zweck der Lustbefriedigung gesagt werden muss und was verschwiegen werden darf – und wann der Tatbestand der sexuellen Gewalt erfüllt ist.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

In pointierten, genau beobachteten Szenen erweist sich Coels Serie als herausragendes Epos über die Sitten und Beischlafgebräuche unserer Zeit. Arabellas Freund Kwame ist schwul und verabredet sich per Aufreiß-App oft mehrmals täglich mit fremden Männern zum Sex, bis ihn einer seiner Lover brutal misshandelt. Erst schweigt er aus Scham, dann geht er zur Polizei, wo man ihn achselzuckend abweist. Auch Arabella zeigt den mutmaßlichen Vergewaltiger an, der ihr Drogen ins Glas geschüttet hat und über sie hergefallen ist. Sie trifft auf zwei freundliche, engagierte Polizistinnen – doch weil die Heldin nur undeutliche Erinnerungsflashbacks hat und im Klub keine Überwachungskameras installiert waren, werden die Ermittlungen eingestellt.

Nicht den Spaß am Dasein vermiesen

Hätte die Polizei anders nachgeforscht, wenn der Täter ein Schwarzer und das Opfer eine Weiße gewesen wären und nicht wie in der Serie umgekehrt? Die Figuren in "I May Destroy You" sprechen zwar aufmerksam und aufgeregt über den Rassismus ihrer Mitmenschen, die Ausgrenzung von Frauen, das gehässige Gerede der Heterosexuellen über Schwule und Transpersonen. Aber sie sind entschlossen, sich nicht den Spaß am Dasein vermiesen zu lassen.

Angetrieben wird die Serie von der phänomenalen Intensität, der Komik und der Verletzlichkeit der Darstellerin Coel – und von Arabellas Anstrengungen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. In oft ruppiger Manier versucht sie, sich mithilfe ihrer Freunde und einer Frauenselbsthilfegruppe aufzurappeln, und zettelt einen feministischen Aufruhr in den sozialen Medien an. Plötzlich beginnt sie, ihren Nächsten selbstgerecht deren Fehler vorzuhalten. An Halloween läuft Arabella in einem Kostüm mit schwarzen Engelsflügeln durch Londons Straßen, als wäre sie eine Rachegöttin.

Von wessen Zerstörungskraft ist in dem merkwürdigen Serientitel "I May Destroy You" die Rede? Vielleicht kann man ihn so deuten: Am Ende des Krisenjahres, von dem hier erzählt wird, hat die furiose Heldin derart viel an Stärke gewonnen, dass ihr nicht nur im Guten, sondern auch im Bösen nahezu alles zuzutrauen ist.

"I may destroy you", ab 19. Oktober auf Sky

Zur Ausgabe
Artikel 49 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.