Illners Gretchenfrage Politiker, wie hältst du's mit der Wahrheit?

Ganz grundsätzlich und moralisch wurde es, als ZDF-Talkerin Maybrit Illner in ihrer Sendung die Frage stellte: Wie ehrlich sind Politiker? Zwei notorische Kampfquassler, ein ewiges Polit-Postergirl und ein gar nicht so langweiliger Professor fanden sehr unterschiedliche Antworten darauf.

Es war nicht unbedingt eine Werberunde für die etablierten Parteien, die Maybrit Illner da um sich versammelt hatte. Um darüber zu diskutieren, ob wir in einem "Land der leeren Versprechen" leben, hatte sie eine illustre Schar von Ausgestoßenen und Ausgebooteten, von Rebellen und Radikalinskis in ihr Berliner Studio gebeten.

Politikerin Pauli bei Illner: Ewig Aufbegehrende

Politikerin Pauli bei Illner: Ewig Aufbegehrende

Foto: ZDF

Radikalinskis? Ja nun. Zugegeben, der ehemalige Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie und ehemalige Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Werner Marnette, sieht nicht gerade aus wie ein Steinewerfer. Doch was er mit einer Miene stiller und aufrechter Besorgnis zu berichten hatte, besaß trotzdem Sprengkraft. So sprach er von der "Vertuschungspolitik des Ministerpräsidenten".

Gemeint war Schleswig Holsteins Landesvater Peter Harry Carstensen (CDU), der sich bei der Rettung der HSH Nordbank auf nur bedingt zuverlässige Zahlenzauberer verlassen und danach eine nur bedingt zuverlässige Informationskampagne gestartet hatte. Aus Empörung legte Marnette, der schon bei den Nordbankverhandlungen auf finanzielle Schräglagen hingewiesen hatte, Ende März das Amt des Wirtschaftsministers nieder. Auch für den verantwortlichen Kollegen aus einem anderen Ressort hatte der Mann bei Illner keine Höflichkeiten parat: "Als Finanzminister müssen sie Bilanzen lesen können."

Ernüchternde Worte in Wahlkampfzeiten, da sämtliche Parteien ihre Steuerjongleure und Aufschwungsgaukler auffahren. Da wird der Politbetrieb zur Kleinkunstbühne. Erstaunlich, was für Rettungskonzepte im Moment wie Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden: Hokuspokus - hier sind vier Millionen Arbeitsplätz!

Wenig erstaunlich ist, dass sich die Menschen von solch fabulösen Nummernspielchen, wie sie SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier zur Einleitung des heißen Wahlkampfes gebracht hat, keine wohligen Schauer mehr über den Rücken jagen lassen wollen: In den letzten Umfragen sind die Zustimmungswerte der SPD noch weiter in den Keller gegangen.

In solchen Wahlkampfstrategien sieht Publizist und "Aspekte"-Redaktionsleiter Wolfgang Herles, der am Donnerstag ebenfalls eingeladen war, die Ursache für die "massive Demokratieverdrossenheit". Die Parteien führen seiner Ansicht nach einen "Beschwichtigungswahlkampf", in dem man die Menschen nicht mehr bewegen, sondern nur beruhigen wolle.

Nun ja, FDP-Generalsekretär Dirk Niebel kann Herles damit nicht gemeint haben. Für ein bisschen Aufregung und Aufmerksamkeit poltert der sich vor den Kameras regelmäßig in gefährlich in die Nähe einer Verleumdungsklage. So zeigte Illner noch mal den schon legendären Ausschnitt eines Late-Night-Talks, in dem er und sein CDU-Gegenspieler Ronald Pofalla sich fünf Minuten lang keuchend und keifend das Wort abschnitten. Für die Illner-Runde hatte er sich auch ein paar schöne starke Worte zurechtgelegt, zum Beispiel diese: "Was mich wütend gemacht hat, war, wie Gerhard Schröder es geschafft hat, einen honorigen Wissenschaftler, einen Verfassungsrichter und redlichen Mann auf das medial wahrgenommene Niveau eines Kindermörders zu bringen."

Das von Niebel so selbstlos verteidigte Opfer war Paul Kirchhof, Polit-Quereinsteiger und Schattenfinanzminister des Merkel-Wahlkampfs 2005, den SPD-Kanzler Schröder seinerzeit despektierlich den "Professor aus Heidelberg" tituliert hatte und der nach der von der CDU knapp gewonnen Wahl ziemlich unsanft wieder aussortiert wurde.

Bei Illner war der Finanz- und Steuerrechtler über eine (aufgezeichnete) Schalte aus dem Urlaub in Süddeutschland präsent. Wie sonderbar fremd wirkte doch das entschleunigte und bedachtsame Sprechen von Kirchhof, der über die Enttäuschungen der Parteipolitik reflektierte und sich zum Abschied mit den selbstironischen Worten "er sei doch nur ein Professor aus Heidelberg" empfahl.

Gehört Kirchhof zur "fluiden Intelligenz", wie sie CDU-Aussteiger Marnette zuvor für die Politik gefordert hatte? Mehr Fachleute sollten seiner Meinung für mehr Kompetenz sorgen, dann würde es auch weniger leere Versprechen geben. Doch statt fluider Intelligenz ist vielleicht doch eher Geschmeidigkeit und Kritikresistenz gefragt.

So wie sie Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, bei Illner an den Tag legte. Für Steinmeier steht er als möglicher Innenminister in den Startlöchern - im Talk aber stand er rhetorisch erstmal dem FDP-Kampfquassler Niebel in Nichts nach. Auf die vier Millionen von der SPD nach der Wahl zu zaubernden Arbeitsplätze angesprochen, schnurrte er sich relativistisch aus der Affäre.

Hieß es nicht, Steinmeier sei es bei der Wahl seiner Schattenpolitiker vor allem um Authentizität gegangen? Und wo war überhaupt Manuela Schwesig? Am Vormittag hatte man nämlich noch sie, die rot gewendete Von-der-Leyen-Variation, bei Illner angekündigt. Hoffentlich war die Newcomerin auf der Bundesbühne nicht von den Wahlstrategen aussortiert worden, um erstmal in Grund und Boden gecoacht zu werden.

Sowas könnte jemandem wie Gabriele Pauli nie passieren. Die ehemalige CSU-Landrätin, ehemalige Freie-Wähler-Frontfrau und ewig Aufbegehrende hatte zwar erst kurz vor der Sendung erfahren, dass ihre neue Partei, Die Freie Union, endgültig nicht zur diesjährigen Bundeswahl antreten darf. Sie genoss die 60 Minuten Kamerapräsenz bei Illner trotzdem sichtlich. "Welche Vorsitzende welcher Partei werden sie jetzt?" fragte die Moderatorin zum Schluss keck.

Da lächelte das ewige Polit-Postergirl nur sanft und verschlossen.

Wenn das die authentische Alternative sein soll, kann man sich gleich den Echtheitsssimulanten der Etablierten anvertrauen.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes hieß es irrtümlicherweise, Manuela Schwesig sei alleinerziehend. Der Fehler wurde korrigiert.

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