ZDFneo-Comedy "Im Knast" Schwarz ist das neue Orange

ZDF/ Stefan Erhard

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Resozialisierung? Alles eine Frage der Rhetorik. In der ZDFneo-Serie "Im Knast" werden drei Knackis zu besseren Menschen gemacht - mit kriminell guten Dialogen. Eine Sitcom von Format.

Und das liegt auch an Denis Moschitto, dem tollen Türkenstenz-Darsteller, der in den letzten Jahren leider ein wenig ins Abseits geraten ist. Anfang des Jahrtausends war er in Comedys wie "Kebab Connection" zu sehen, mit "Chiko" lieferte er großes Gangsterkino aus Hamburg-Barmbek.

In der sechsteiligen Gefängnisserie gibt er nun den Kleinganoven Erdem Azimut, einen Schnackdaddy, debile Wortdreher inklusive. Großartig die Szene, in der er sich im zu großen Achtzigerjahre-Sakko vor Gericht selbst verteidigt: "Eure Würdigung, liebe Geschwürigen."

Der Wortwitz (Drehbuch: Tanja Sawitzki, Jochen Winter, René Förder) ist enorm, etwa wenn frei nach Chuck Norris Aphorismen wie dieser aufgesagt werden: "Wenn der Russe Honig will, dann kaut er Bienen." Die Inszenierung liefert Irrsinn in schneller, geschmeidiger Taktung; die 25 Minuten jeder Folge sind gut gefüllt mit Zitaten und Subplots. Bei einigen führte Torsten Wacker Regie, der mit Moschitto auch schon die flotte Paarungsklamotte "Süperseks" gedreht hat. "Im Knast" kommt nun als hochtourige Buddy-Komödie daher.

Koks, Holzkleber und K.-o.-Tropfen

Und wie das in diesem Genre eben so ist, könnten die Kumpels nicht unterschiedlicher sein: Die Zelle teilt sich Azimut mit dem ehemaligen Sparkassenangestellten Manni Schuster, einem pausbackigen Choleriker, der seinen Chef angegriffen hat, nachdem der sich auf dem Kopierer mit seiner Frau verlustiert hat, sowie mit dem Immobilien-Trickbetrüger "Graf" Alexander Vontrab, einem notorischen Betäubungsmittelgesetzesbrecher, der zwischen Koks und Holzkleber jeder Substanz ihren ganz eigenen Reiz abzugewinnen weiß. Zum Einschlafen schluckt er K.-o.-Tropfen.

Der Sparkassenspießer Schuster wird von Tristan Seith gespielt, bekannt aus den Kiez-Filmen von Lars Becker, der konstant gedopte Vontrab von Manuel Rubey ("Altes Geld"), der stets ein Hingucker ist, weil er auch in kleinsten Auftritten österreichische Dekadenz hinter der geputzten Bubivisage aufblitzen lässt.

Ergänzt wird das Ensemble von Gaststars, etwa Martin Semmelrogge, der hier im Vergleich zu den anderen Darstellern kaum Text hat, aber seinen ausgedörrten Reptilienkopf imposant an die Gitterstäbe presst. In der ersten Folge hat der ebenfalls etwas ins Abseits geratene Max Giermann von "Switch Reloaded" einen großen Auftritt als Psychologe mit parapsychologischem Einschlag: "Die Konflikte der Gegenwart löst man mit der Sprache der Zukunft. Jungs, könnt ihr Klingonisch?" In späteren Folgen treten Anke Engelke und Katy Karrenbauer aus dem RTL-Frauenknast "Hinter Gittern" auf.

Der ZDF-Muttersender produziert ja gerade eine Serie, die man reichlich vollmundig als "deutsches 'Breaking Bad'" ankündigt. ZDFneo ist da ein bisschen schlauer und verzichtet darauf, "Im Knast" als "deutsches 'Orange is the New Black'" zu bewerben. Das wäre auch unpassend, die Serie ist nicht als Gesellschaftspanorama angelegt, der Spaß ist reiner Selbstzweck - aber eben so virtuos in Szene gesetzt, dass er sich nicht vor modernen US-Sitcoms verstecken muss.

Nach der Polit-Comedy "Eichwald, MdB", auf deren Sendeplatz "Im Knast" donnerstags ausgestrahlt wird, setzt ZDFneo jetzt also erneut Standards in Sachen böse Comedy. ZDFneo ist das neue Schwarz der ollen orangenen Sendergruppe.


"Im Knast", donnerstags, 22.45 Uhr, ZDFneo (ab 12.00 Uhr sind die Folgen schon in der Mediathek abrufbar)



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5 Leserkommentare
Hochbeet 21.05.2015
awoth 21.05.2015
saltimbocca 21.05.2015
AliceAyres 21.05.2015
yumyum 22.05.2015

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