Jauch-Talk über den Fall Henri "Inklusion beginnt im Kopf"
Henri, Viertklässler mit Down-Syndrom: Schulen mit Inklusion überfordert
Foto: Uwe Anspach/ dpaEs gibt Themen, die sich schlecht für eine Talkrunde eignen. Weil sie zu vielschichtig sind für kameragerechte Kurz-Statements. Weil die im Fernsehen erwünschte Emotionalisierung die Sache zusätzlich vernebelt. Oder weil dadurch Menschen ins Schlaglicht gelangen, denen diese Öffentlichkeit nicht unbedingt dient.
Der Unterricht von behinderten Schülern an Regelschulen ist solch ein Thema, die sogenannte Inklusion. Ihr widmete sich Günther Jauch in seiner gestrigen Talkshow am Beispiel eines aktuellen Streitfalles aus Baden-Württemberg: Der elfjährige Henri, ein Junge mit Down-Syndrom, soll nach dem Willen seiner Eltern das Gymnasium in seinem Wohnort Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis besuchen.
Zwar würde Henri dem Unterricht dort kognitiv nicht folgen können, doch die Eltern wollen, dass ihr Kind mit seinen Freunden aus der Grundschule wechseln darf. Schulkonferenz und Lehrerkonferenz des Gymnasiums lehnten dieses Ansinnen ab, ebenso wie eine örtliche Realschule: Man sei mit dem Unterricht geistig Behinderter unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen überfordert. Das Kultusministerium akzeptierte vergangenen Woche die Ablehnung.
Bei Jauch wird Henri vertreten durch seine Mutter. Die Journalistin Kirsten Ehrhardt, die über Monate für die Aufnahme kämpfte und die Medien auf Henri stieß, sieht den Fall ihres Sohnes als symptomatisch für die mangelnde Akzeptanz behinderter Kinder im Schulsystem.
Wettlauf um möglichst hohe Inklusionszahlen
Der Mutter sitzt als Widerpart gegenüber Josef Kraus, Schulleiter an einem bayerischen Gymnasium und Präsident des konservativen Deutschen Lehrerverbandes. Er hält den Leistungsgedanken des Gymnasiums hoch und verteidigt das differenzierte Schulsystem - darunter die "hoch professionellen" Förderschulen. Kraus verweist auf die vielen behinderten Schüler, die bereits an den Regelschulen unterrichtet würden, darunter ein Mädchen mit Multipler Sklerose an seiner eigenen. Von einem Automatismus hält Kraus nicht viel.
Die Mittlerrolle zwischen Mutter und Schulleiter übernimmt Jan-Martin Klinge, Lehrer einer Inklusionsklasse an einer Gesamtschule in Siegen. Malu Dreyer (SPD), die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, führt aus, was Politiker immer sagen, während sie sich einen Wettlauf um möglichst hohe Inklusionszahlen liefern: "Menschen mit Behinderung gehören in die Mitte der Gesellschaft." Komplettiert wird die Runde von Carina Kühne, einer jungen Berufstätigen mit Down-Syndrom. Sie hat einen Hauptschulabschluss, spielt Klavier und arbeitet in einem integrativen Supermarkt.
Es fehlt: ein Vertreter der Förderschulen, jener Schulform, die in der häufig verqueren Inklusionsdebatte zum Hort der Separation und des Gestrigen stilisiert wird. Jemand, der für den schulischen Umgang mit behinderten Kindern eigens ausgebildet wurde. Jemand, der von seinem Schulalltag mit schwer Verhaltensauffälligen oder Mehrfachbehinderten erzählt - und damit von den Grenzen der Inklusion.
Sonderschule als Schutzraum
Die Mehrheit der Eltern der rund 500.000 Kinder mit besonderem Förderbedarf bevorzugt immer noch die Förderschulen, mit guten Gründen. Zwar machen die Schüler dort selten einen regulären Schulabschluss, dafür schätzen viele die Sonderschule als Schutzraum - der Personalschlüssel ist besser, der Konkurrenzdruck fehlt.
Doch bleibt bei Jauch Ehrhardts Aussage weitgehend unwidersprochen, jedes Kind sei im Prinzip zur Inklusion geeignet. Ministerpräsidentin Dreyer verweist immerhin auf die Kosten und lobt das rheinland-pfälzische Modell, einige Schwerpunktschulen entsprechend auszurüsten. Subtext: Jede Schule auf Anforderung mit dem Material und den Lehrerstunden auszustatten, um den Wünschen der Eltern zu entsprechen, geht nicht. So klar sagt das aber keiner der Diskussionsteilnehmer.
In der Folge rutscht Gymnasialdirektor Kraus in die unangenehme Rolle des Bremsers, der Gesamtschullehrer wirft ihm vor, unbequeme Kinder abschieben zu wollen. Kraus ist auch der Einzige, der das in einem Einspieler lobend erwähnte Beispiel Italiens hinterfragt: 99 Prozent Inklusionsquote, die Sonderschulen aufgelöst. Aber war da nicht etwas mit äußerst mäßigen Pisa-Resultaten?
Inklusion ist teuer
Gut gemachte Inklusion ist teuer, das macht die Diskussionsrunde hinreichend deutlich. Aber wer muss wie viel bezahlen? Und wie verträgt sich das Mammutprojekt eigentlich mit den sonstigen Aufgaben, die gerade auf die Schulen einstürmen? Mit G8, G9, mit einheitlichen Abiturstandards, Lehrermangel? Konzepte, wie denn die allseits gewünschte Integration von behinderten Kindern im Alltag am besten zu organisieren sei, liefert die Diskussion wenig. "Inklusion beginnt im Kopf", sagt Henris Mutter.
Dort haben sich bei den meisten Meinungsführern die Ideen von Teilhabe und Gerechtigkeit offenbar dergestalt festgesetzt, dass die Förderschule als Organisation von vorgestern gilt. Angeblich ist sie diskriminierend und ungerecht. Sie soll nach der Hauptschule die nächste Schulform sein, die verschwindet - erst aus der Talkshow, dann aus dem Schulalltag.
Mit dem Kindeswohl hat das wenig zu tun.