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ZDF-Pressekonferenz: Aufwachen, die Herren Programmmacher!

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Intendantenwahl beim Zweiten Zäh, zäher, ZDF

Spannung geht anders: Mit einem geradezu sowjetischen Ergebnis von 96 Prozent wurde Noch-Programmdirektor Thomas Bellut zum neuen ZDF-Intendanten gewählt. In der folgenden Pressekonferenz lieferten sich sein Vorgänger Markus Schächter und er ein reichlich graues Floskel- und Phrasenduell.

Gelegentlich hat es den Anschein, das ZDF sei angetreten, in eine neue Sphäre der Langeweile vorzustoßen. "Volle Kanne - Service täglich" mit Renovierungstipps und Biowetter, gefolgt von der 178. Folge der Telenovela "Lena - Liebe meines Lebens", in der die Titelheldin und ihr Lover David ihre Hochzeit "in den buntesten Farben" planen, wie es in der Ankündigung heißt. Das waren so die Sendungen, die liefen, als der für dieses Programm Verantwortliche, Programmdirektor Thomas Bellut, zum künftigen Intendanten gewählt wurde.

Mit knapp 96 Prozent der Stimmen fuhr Bellut einen geradezu sowjetischen Wahlerfolg ein. 70 von 73 Mitgliedern des Fernsehrats stimmten für ihn, einen echten Gegenkandidaten gab es nicht. Auch wenn Claudius Seidl, Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", sich mit dem Angebot ins Spiel gebracht hatte, Champions League, Veronica Ferres und Soaps aus dem ZDF zu verbannen; auch wenn ein anderer Bewerber, der das Verfahren per Eilantrag stoppen wollte, kurz vor der Wahl vor dem Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz scheiterte - die Langeweile ließ sich nicht bändigen.

Es gehört nach solchen Entscheidungen zur Zeremonie, dass sich der Neugewählte den Fragen von Journalisten stellt. Schließlich steht der neue Intendant vor einigen Aufgaben. Zwei sind besonders dringend: Kann er Thomas Gottschalk beim ZDF halten? Und gelingt es ihm doch noch, Zuschauer unter 60 für das Programm zu interessieren?

Bellut und Noch-Intendant Markus Schächter setzten sich am Freitagnachmittag vor eine graue ZDF-Tapete in den "Boardroom" des Berliner Grand Hotel Hyatt, einem als Bibliothek getarnten Konferenzraum. Neben ihnen hockten der CDU-Politiker und Vorsitzende des Fernsehrats, Ruprecht Polenz, und ein ZDF-Sprecher - vier Herren mit Brillen und in dunklen Jackets, die Krawatten ordentlich gebunden. Das Spannendste an dem Ort ist, dass hier vor etwas über einem Jahr eine Räuberbande ein Pokerturnier überfiel. In das dunkle Bücherregal hat jemand vom Hotel gelbe und rosafarbene Schachteln gestellt, mit Schmetterlingen drauf, vielleicht damit sich die "Enzyclopedia Britannica" und die paar anderen Bücher nicht so einsam fühlen.

Harmonie bis zum Abwinken

Schächter, 61, ist seit neun Jahren als Intendant so etwas wie der oberste Langweiler des ZDF. Vor ihm liegt jetzt sein iPad in einer schwarzen Lederhülle auf der grauen Tischdecke. Er selbst redet viel von Digitalisierung und Verjüngung, er spricht über "gelaunchte Programme" und über eine "Taskforce", die am Programm herumbasteln soll. Schächter sagt, er sei jetzt keine "lame duck" - was meistens, wenn es jemand sagt, für das Gegenteil spricht. Er genieße jetzt die größtmögliche Freiheit. Dass sich aber nicht allzu viel ändern soll, gibt er seinem Nachfolger noch mit auf den Weg: Bellut stehe, sagt Schächter, für eine "Balance aus Kontinuität und Modernisierung". Sein iPad bleibt ausgeschaltet.

Vor Bellut, 56, randlose Brille, liegt nur ein silberner Plastikkugelschreiber vom ZDF, mit dem er herumhantiert, und eine Plastikmappe mit ein paar Zetteln. Wenn er über seinen Vorgänger Schächter spricht, nennt er ihn "meinen Intendanten". Er will das Signal senden: Zwischen uns passt kein Blatt, harmonische Zusammenarbeit bis zum offiziellen Stabswechsel im März 2012.

Bellut verteidigt, dass die Champions League künftig im ZDF läuft und will Gottschalk natürlich am liebsten im Zweiten behalten. Eine Late-Night-Show habe er dem Moderator angeboten und andere große Formate, über die er aber noch nichts sagen wolle. Klar müssten jüngere Zuschauer her, sagt Bellut, aber die Hoffnung auf allzu große Einschnitte im Programm zerstreut er mit der Drohung, es werde keine "radikale Änderung der Mixtur" geben.

Ja, das Amt habe er aus vollem Herzen gewollt. Nein, vor die Kamera dränge es ihn nicht mehr so sehr: "Ich habe genug Rotlicht im Leben gesehen." Womit er die Signalleuchten an den Kameras meint und keinen Betriebsausflug der Hamburg-Mannheimer. Es sind die emotionalsten Sätze des künftigen Intendanten.

Damit auch wirklich nichts Überraschendes geschieht, darf auch eine Fußball-Metapher nicht fehlen. Ruprecht Polenz, der Fernsehratsvorsitzende, steuert sie bei: "Wir hatten unseren Manuel Neuer schon beim ZDF", sagt der CDU-Politiker und meint damit, dass man Bellut nicht erst habe abwerben müssen.

Ob es wirklich klappt mit dem harmonischen Führungswechsel? Zwar arbeiten Noch-Intendant Schächter und Bald-Intendant Bellut schon lange zusammen. Doch dass Schächter nicht mehr der allerinteressanteste Gesprächspartner ist, zeigt sich beim Ende der Verkündungspressekonferenz. Während Bellut Interviews geben, in Mikrofone und Kameras sprechen muss, kann der Kollege in Ruhe telefonieren.

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