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09. April 2010, 10:12 Uhr

Internet-Debatte bei Illner

Wo Nazis lauern und Weisheit wartet

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Hitler, Kinderschänder, Datenräuber: "Wie gefährlich ist das Internet?", fragte Maybrit Illner und hoffte auf eine brisante Debatte. Doch die Gäste konnten mit den Klischees erfreulich wenig anfangen - selbst vermeintliche Online-Kritiker wie FAZ-Herausgeber Schirrmacher bejubelten die Weisheit des Webs.

Über folgende Themen wird in deutschen Talkshows eher selten gesprochen: "Todesmaschine, Umweltzerstörer, Lärmbelästigung - wie gefährlich ist das Auto?" Oder: "Umfrageterror, Drohanrufe, Vereinzelung - wie gefährlich ist das Telefon?" Und trotzdem lautete das Thema der Sendung von Maybrit Illner am Donnerstagabend: "Ausgespäht und abgezockt - wie gefährlich ist das Internet?"

Es geht also offenbar doch.

Das Internet ist das zweifellos komplexeste Kommunikationswerkzeug in der Geschichte der Menschheit. Seine Auswirkungen auf unser aller Leben in gut einer Stunde mal eben durchzusprechen, ist eine verwegene Idee. Die Illner-Redaktion hielt sie trotzdem für gut.

Es diskutierten: Verbraucherschutzministerin, Google- und Facebook-Kritikerin Ilse Aigner (CSU); Google-Sprecher Kay Oberbeck; Frank Schirrmacher, FAZ-Mitherausgeber und Bestsellerautor; Constanze Kurz, Informatikerin, Mitglied des Chaos Computer Clubs. Und Andrea Kiewel, Mutter zweier Kinder und Moderatorin des "ZDF-Fernsehgartens", einer Fernsehsendung für Senioren, und damit in den Augen des ZDF offenbar so etwas wie eine personifizierte Stimme des Volkes. Für einen späten Zwischenruf hatte man noch Ibrahim Evsan, Gründer der Web-Plattform Sevenload, eingeladen (von Illner beharrlich mit "Esvan" angesprochen). Der beklagte, es gebe hierzulande in Wirtschaft und Politik nicht genug Interesse für das neue Medium, deshalb drohe Deutschland, den Anschluss zu verlieren.

Selbsterfundene SMS-Sprache

Gesprochen wurde dann über: Pornografie, Weisheit, Andrea Kiewels selbsterfundene SMS-Sprache, die Geschäftsbedingungen von Facebook, Multitasking, den Handygebrauch der Tochter von Google-Sprecher Oberbeck, Öffentlichkeit in totalitären Systemen, deutsche Wirtschaftspolitik, das Video, das die Tötung von Zivilisten durch US-Soldaten im Irak zeigt, die Medienkrise, Datenschutz, staatliche Überwachung, Google Buzz, die Vorhersagekraft der modernen Wissenschaft, die Segnungen der Meditation. Und noch viel mehr.

Das Konzept der Sendung bestand offenbar darin, mit verteilten Rollen alle Debatten, die als Folge der Weltveränderungsmaschine Internet aufkommen, im Schnellvorlauf einmal durchzuspielen - was erwartungsgemäß misslang. Eine allzu holzschnittartige Vorgabe scheiterte an im Schnitt allzu differenziert argumentierenden Gästen.

Erfolgreich war man dagegen vermutlich in anderer Hinsicht. So dürfte das ZDF-Stammpublikum nach Sicht der Sendung annehmen, dass das, was die jungen Leute da machen mit diesem Internet, ganz schön gefährlich ist - auch wenn man es jetzt immer noch nicht besser versteht. Auf der anderen Seite ist es gelungen, die twitternde Netzgemeinde, die immer ganz aufmerksam hinschaut, wenn es um "ihr" Thema geht, auf die Palme zu bringen. Das war sogar messbar. In Spitzenzeiten gingen zig Tweets pro Minute zur Sendung ein. Die überwiegende Mehrzahl äußerte sich empört. "Nach der Sendung sehe ich die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens viel düsterer als die Zukunft des Internets" war der bei Twitter meistwiederholte Kommentar. Dabei gab es eigentlich nicht einmal Grund zur Aufregung.

Google schlicht nicht benutzen

Auch, weil sich nicht alle Teilnehmer so recht an die ihnen zugedachten Rollen halten wollten. Frank Schirrmacher etwa, der mit "Payback" ein Buch geschrieben hat, das von vielen fälschlicherweise als Fundamentalkritik am Netz an sich interpretiert wird, wollte nicht den Internetverächter geben. Schirrmachers Deutung seines eigenen Buches wandelt sich von Situation zu Situation - diesmal schwelgte er geradezu, sprach davon, dass das Netz eine "unfassbare Quelle von Wissen, Kenntnissen, sogar Weisheit" sei, "ein Segen". Natürlich gebe es aber auch "eine andere Seite": konzentrationszerstörendes Multitasking, die wachsende Macht der Datenkonzerne wie Google und Facebook und die - Schirrmachers Meinung zufolge - wachsende Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens.

Neben ihm saß Constanze Kurz vom Chaos Computer Club. Die ist nicht nur designiertes Mitglied der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft", sondern derzeit auch sonst im Dauereinsatz, vom Verfassungsgericht bis hin zu Kamingesprächen mit der Union. Die Hackerin und der Herausgeber waren, was manchen Zuschauer vielleicht überraschte, häufig einer Meinung. Schirrmacher hat sie vor paar Wochen als FAZ-Kolumnistin engagiert.

Überhaupt herrschte eine geradezu verblüffende Einigkeit in der Runde, trotz, oder vielleicht wegen des atemberaubenden Tempos, in dem es von einem Thema zum nächsten ging.

Einzig für Google-Sprecher Oberbeck wurde es zwischendurch ein bisschen ungemütlich: Schirrmacher, Kurz und Verbraucherministern Ilse Aigner (CSU) setzten ihm zu, warfen Datenschutzfragen auf - Kurz erklärte sogar, sie benutze Google schlicht nicht, es gebe ja Alternativen.

"Mein Kampf" herunterladen

Aber Illners berechtigter Frage, in welcher Form Daten aus unterschiedlichen Diensten über einzelne Google-Nutzer kombiniert, miteinander verknüpft werden, wich Oberbeck dann doch elegant und ungestraft aus, sprach stattdessen von "Medienkompetenz" und "Transparenz und Kontrolle" für den Nutzer. Andrea Kiewel sprang ihm bei: Suchmaschinen seien doch ein Segen, "es wäre ein Fehler, zu sagen, so was darf es nicht geben". Was natürlich auch keiner in der Runde getan hatte.

So richtig traute sich keiner aus der Deckung - außer Illners Redaktion, die in Einspielfilmen bemüht war, jedes Angstklischee über das Netz mit schön drastischen Bildern zu illustrieren. Man könne da "Mein Kampf" herunterladen, Kinderpornografie gebe es an jeder Ecke, Terroristen und Neonazis auch.

Da war die Runde selbst ungleich bedächtiger und vernünftiger - und damit eigentlich auch ziemlich langweilig. Vielleicht sollte man das ja am Ende als gutes Zeichen werten, vielleicht sind solche Abende ein kleiner Schritt von vielen in eine Zukunft, in der man auch hierzulande so wenig über "Das Internet" diskutiert wie über "Das Auto" oder "Das Telefon".

Vielleicht aber auch nicht: Das ZDF jedenfalls scheint sich zunehmend auf das Drehen des ganz großen Rades zu verlegen, wenn auch womöglich in die falsche Richtung. Im Anschluss an Illners Sendung ging es dort weiter mit Markus Lanz und dem Thema "Wiedergeburt".

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