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18. März 2013, 11:27 Uhr

Deutsche TV-Serien

"Das muss der Zuschauer aushalten"

Endlich! Zum 50. Geburtstag hat sogar das Zweite begriffen, wie man moderne Serien macht: Das Weltkriegsdrama "Unsere Mütter, unsere Väter" ist grandios. Im Interview spricht ZDF-Fiction-Chefin Heike Hempel darüber, warum diese Verjüngung so weh tut. Und vor allem: wem.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hempel, keine Angst, Ihr Sonntagspublikum zu verprellen?

Hempel: Nein, wieso sollte ich Angst haben?

SPIEGEL ONLINE: Früher standen am Sonntagabend im ZDF schöne Menschen in schönen Landschaften rum. Der Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", dessen erster Teil am Sonntag lief, breitet den Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus - wie im US-Fernsehen, extrem schnell, hochkomplex.

Hempel: Da mache ich mir keine Sorgen. Man darf die Zuschauer nie unterschätzen! Außerdem gilt: No risk, no fun. Und Quote ist für mich nur eines von mehreren Kriterien von Erfolg - auch wenn sie, wie im Fall von "Unsere Mütter, unsere Väter", so erfreulich ausfällt. Wir hatten dort am Sonntag einen doppelt so hohen Marktanteil bei den 14-49-Jährigen wie sonst auf dem Sendeplatz üblich. Dieses besondere Projekt ist ein Erfolg, wenn es einen Dialog der Generationen auslöst, wenn wir ein Publikum zwischen 12 und 99 erreichen. Als öffentlich-rechtlicher Sender sind wir zu zwei Dingen verpflichtet: Qualität und Innovation.

SPIEGEL ONLINE: Innovation ist bisher kein ZDF-Markenzeichen. Warum erzählt Ihr Sender erst jetzt so, wie es das US-Fernsehen schon seit Jahren pflegt? "Unsere Mütter, unsere Väter" ist ja das Pendant zu "Band of Brothers", Steven Spielbergs Weltkriegssaga. Die inzwischen 12 Jahre alt ist.

Hempel: Wir mussten uns diesem schwierigen Unterfangen langsam nähern. Wir haben nach unserem Zweiteiler "Dresden" 2006 über die Bombennächte viele aufwühlende Reaktionen des Publikums erhalten. Man merkte: Da schlummern noch viele Kollektiverlebnisse. Deshalb wollten der Produzent Nico Hofmann, der Drehbuchautor Stefan Kolditz und ich noch einmal vom Zweiten Weltkrieg erzählen. Aber härter, ambivalenter, dichter an den Figuren. Und wir wollten à jour mit der modernsten Fernsehästhetik sein. Es brauchte viele, viele Fassungen, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden - und noch mehr Zeit, um dafür Finanzierungspläne zu entwerfen. Wir reden über ein Budget von 14 Millionen Euro, überwiegend vom ZDF finanziert. Also über Gebührengelder. Das muss gut begründet sein, sonst würde uns zu Recht Verschwendung vorgeworfen.

SPIEGEL ONLINE: Neidisch aufs US-Fernsehen, wo Pay-TV-Einnahmen problemlos radikale Serien finanzieren?

Hempel: Nein. Für das deutsche Fernsehen ist der Mehrteiler, was für das amerikanische die Serie ist. In diesem Bereich haben wir eine Exzellenz, um die wir international beneidet werden. Man kann das US-Serienmodell nicht eins zu eins auf uns übertragen, weder von der Produktion noch von der Rezeption.

SPIEGEL ONLINE: Ist deshalb vor drei Jahren die Krimi-Serie "KDD", die sich mit der Vorzeige-Copserie "The Wire" vergleichen ließ, gescheitert?

Hempel: Sie ist nicht gescheitert. Wir haben drei Staffeln produziert. Imagemäßig hat sich das ausgezahlt für den Sender. Die Quoten waren tatsächlich eher mäßig. Aber man kann bei einem großen öffentlich-rechtlichen Sender beim Thema Serie immer nur schrittweise nach vorne gehen.

SPIEGEL ONLINE: Beim ZDF wirkt das manchmal wie: ein Schritt vor, zwei zurück. Ihre neue Krimi-Serie "Letzte Spur Berlin", die im April in die zweite Staffel geht, wirkt Jahrzehnte älter als "KDD"...

Hempel: ...obwohl doch Orkun Ertener die Serie entwickelt hat, der auch für die von Ihnen geschätzte Serie "KDD" mitverantwortlich war.

SPIEGEL ONLINE: Eben. Haben Sie sich nach "KDD" ein Innovationsverbot auferlegt, weil die Zuschauer wegblieben?

Hempel: Da widerspreche ich. Das Konzept von "Letzte Spur Berlin" ist hochmodern. Indem wir von vermissten Menschen erzählen, können wir wunderbar in Biografien einsteigen. Kann sein, dass wir das noch schärfer akzentuieren müssen. Fernsehen ist immer Work in Progress. Ich gebe Ihnen aber recht: Die Modernisierung der Serien muss bei uns Priorität haben - und zwar aus der puren Notwendigkeit, die 40- bis 60-Jährigen an unser Programm zu binden. Aber diese Modernisierung muss in vielen kleinen Etappen vorangetrieben werden.

SPIEGEL ONLINE: So wie im Sonntagabendprogramm? Da haben Sie in Ihren Gefühlsdramen nach und nach ein neues Gesellschaftsbild etabliert: früher konservative Familienstrukturen, jetzt fröhliche Patchworkfamilien.

Hempel: Ja - das Sehverhalten und die Lebensläufe haben sich radikal verändert. Wir sind mit dem "Herzkino" jetzt näher dran an der Lebenswirklichkeit der Zuschauer und haben dementsprechend in der Gruppe der 30- bis 59-jährigen extrem zugelegt. Das ZDF feiert im April sein 50-jähriges Bestehen - und wir müssen an den Strategien für die nächsten 50 Jahre arbeiten!

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert mit den alten Zuschauern?

Hempel: Wer ist heute denn schon alt? Meine Großmutter ging mit 65 schwarzgekleidet mit Gießkanne auf den Friedhof. Heute wird man mit Mitte 60 zum Beispiel Kanzlerkandidat. Wir müssen uns von dem Zuschauerbild der neunziger Jahre befreien. Dementsprechend haben sich bestimmte Erfolgsmuster überlebt, die noch durch manche Köpfe geistern...

SPIEGEL ONLINE: Auch im Kopf Ihres Intendanten Thomas Bellut? Der hat als Ziel ausgegeben, das Durchschnittsalter des ZDF-Zuschauers von 61 auf 60 Jahre zu senken. Nicht sehr ehrgeizig.

Hempel: Doch, sehr ehrgeizig. Sie ahnen gar nicht, in welchen kleinen, vorsichtigen Schritten Sie die deutsche Fernsehwirklichkeit verändern müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie können aber auch größere Schritte: Gerade haben Sie den biederen Vorabend-Dauerbrennern "Forsthaus Falkenau" und "Unser Charly" den Garaus gemacht. Weshalb?

Hempel: Auch in unserem Vorabendprogramm muss sich eine gewisse Modernität niederschlagen. Die große Frage ist doch: Wie sieht die Familienserie 2.0 aus? Dafür haben wir bisher keine befriedigende Antwort. Übrigens ja nicht nur im ZDF. Es ist absolut notwendig, dass wir neue Erzählweisen auch jenseits der Fernsehkrimis entwickeln und unsere Innovationsfreude und Kompetenz, die wir im Krimi-Genre haben, auch für die Genres Komödie und Melodram anwenden. Denn: Es gibt viele Lebensfragen, die mit kriminalistischen Ermittlungen nicht zu lösen sind: Wie führe ich heute eine Ehe? Welches Abenteuer bietet die moderne Berufswelt? Wie funktioniert Familie, wenn alle Mitglieder permanent online sind? Wenn das ZDF mit seiner langen Tradition - von der "Schwarzwaldklinik" bis zu den "Girl Friends" - darauf keine Antwort findet, wer dann.

Das Interview führte Christian Buß



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"Unsere Mütter, unsere Väter", Montag, 20.15 Uhr (Teil 2), Mittwoch, 20.15 Uhr (Teil 3)

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