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23. Januar 2014, 17:47 Uhr

Initiatorin der Anti-Lanz-Petition

"Jetzt sieht Herr Lanz mal, wie das ist"

Ein Interview von

Das ZDF soll Markus Lanz wegen eines umstrittenen Interviews mit Sahra Wagenknecht feuern - das fordert eine Petition, die mehr als 130.000 Menschen unterstützen. Maren Müller hat sich den Aufruf ausgedacht. Was missfällt ihr am Moderator? Und hat sie kein Mitleid, wenn er nun am Pranger steht?

SPIEGEL ONLINE: Frau Müller, Sie sind eine Linke. In der Online-Petition, in der Sie das ZDF dazu auffordern, sich von Markus Lanz zu trennen, werfen Sie ihm pauschal vor, linke Politiker besonders hart anzufassen. Spannen Sie jetzt die Wut der Zuschauer einfach vor Ihren politischen Karren?

Maren Müller: Bei der Linken bin ich schon im September letzten Jahres ausgetreten, wenn Sie darauf anspielen. Mein Weltbild hat sich natürlich nicht geändert. Das hat mit dieser Sache aber nichts zu tun. Ich bin ja keine Extremistin, sondern verorte mich im libertären Spektrum. Und die Petition, die das ZDF dazu aufruft, sich von Lanz zu trennen, ist kein politisches Statement. Mir ging es ums Prinzip.

SPIEGEL ONLINE: Um welches?

Müller: Markus Lanz darf sich als Moderator der Öffentlich-Rechtlichen einfach nicht so verhalten. Er hat Sahra Wagenknecht in seiner Sendung 30 Minuten lang einem hochnotpeinlichen Verhör ausgesetzt, hat sie nicht ausreden lassen und sinnlos nachgehakt. Da windet man sich als Zuschauer. Mit der Partei hat das vielleicht nicht unbedingt etwas zu tun, das macht er auch bei Politikern, die nicht der Linken angehören.

SPIEGEL ONLINE: Und dennoch Sie sind erst aktiv geworden, nachdem Sahra Wagenknecht jetzt bei ihm zu Gast war.

Müller: Stimmt. Weil diese Ausgabe das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Danach war ich so aufgebracht, dass ich nicht schlafen konnte. Also habe ich meinen Rechner hochgefahren und die Petition da reingehackt. Ich wusste nicht, wie ich diesen Frust anders hätte abbauen können.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Ihr Frust denn auch so groß gewesen, wenn Markus Lanz einen rechten Politiker wie etwa Horst Seehofer so interviewt hätte?

Müller: Die Frage stellt sich nicht, weil er es nicht macht. Wobei ich das gerne sehen würde, wenigstens eine kritische Frage.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Lanz als Linken-Fresser bekannt ist, warum geht Sahra Wagenknecht dann in seine Sendung?

Müller: Sie ist offensichtlich schmerzfrei. Sicher ist sie dann auch selber schuld, sie geht ja freiwillig hin. Aber die Sendung zu boykottieren, weil der Moderator sich schlecht verhält, ist die falsche Schlussfolgerung. Warum darf er unverschämt zu seinen Gästen sein? Warum behandelt er sie nicht wie vollwertige Menschen?

SPIEGEL ONLINE: Aber es gehört doch wohl zu den Aufgaben eines Talk-Moderators, kritisch nachzufragen.

Müller: Er ist Moderator und kein Meinungsführer - und hat als solcher bei einem öffentlich-rechtlichen Sender nichts zu suchen. Günther Jauch zum Beispiel ist anders, der geht mit seinen Gästen nicht so um.

SPIEGEL ONLINE: Jauch wird mindestens ebenso häufig kritisiert wie Lanz, weil er überhaupt nicht nachhakt.

Müller: Ein Moderator muss nachhaken. Aber dafür muss er erst mal eine Stellungnahme zulassen. Ich kann ja nicht nachfassen, bevor der Gast überhaupt einen Satz zu Ende gesprochen hat. Die Zuschauer wollen hören, was die Gäste zu sagen haben, nicht nur das Nachgefrage von Herrn Lanz. Schließlich zahlen sie auch die Gebühren, mit denen Herr Lanz bezahlt wird.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Rauswurf von Markus Lanz den Gebührenzahlern wirklich helfen, wie Ihre Petition suggeriert? Das Öffentlich-Rechtliche hat doch wohl größere und teurere Baustellen.

Müller: Ja, klar - die haben viele Baustellen. Aber die Petition war jetzt nun einmal mein Beitrag.

SPIEGEL ONLINE: Letztlich haben die Zuschauer die Fernbedienung in der Hand und können frei entscheiden, was sie sehen.

Müller: Natürlich kann ich wegschalten. Das tue ich sogar oft, zum Beispiel bei "Wetten, dass..?", weil ich das nicht ertrage. Aber wenn ich ein Übel ausschalte, ist es trotzdem noch da. Die Petition ist eine Chance, um Beschwerden gebündelt an die richtige Adresse zu bringen. In den Kommentarspalten und Foren im Netz geht der Protest unter und bleibt gesichtslos.

SPIEGEL ONLINE: Durch das mediale Echo und die teils heftige Kritik an seiner Person steht Lanz jetzt am Pranger. Wollten Sie das so?

Müller: Diese Dynamik nehme ich sehr ernst, das war nicht absehbar. Aber ich frage mich auch: Wo kommt sie her? Warum wird die Petition so befeuert und nicht andere, die sich um ernstere Dinge drehen? Die Leute unterschreiben ja nicht, weil sie gerade mal Lust haben, jemanden fertigzumachen, sondern weil sie der gleichen Meinung sind. Ich habe einfach einen Nerv getroffen. Und jetzt sieht Herr Lanz mal, wie das ist - das ist einfach eine Reaktion auf das, was er verursacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird das ZDF auf die Petition reagieren? Und wenn ja, wie?

Müller: Die Verantwortlichen werden ihre Sicht der Dinge darlegen: Lanz musste eben nachhaken und so weiter - das konnten wir ja teilweise schon lesen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich Markus Lanz in Zukunft anders verhält, vielleicht entschuldigt er sich sogar. Oder die Sendung wird eingestellt. Aber so ein peinliches Interview wie das mit Sahra Wagenknecht wird sich mit Sicherheit nicht wiederholen.

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