Interview mit Senta Berger "Was für ein grausames Wüten!"

Wirtschaftskriminalität, Menschenrechte, RAF-Traumata: Senta Berger packt die großen politischen Stoffe an. Im Interview spricht sie über ihr Verhältnis zum linken Terror, ihre gefährdete Liebe zum deutschen Staat - und erklärt, weshalb man ihre Rollen nie mit ihrer Person verwechseln sollte.

AP

SPIEGEL ONLINE: Frau Berger, sieht so aus, als bekämen Sie die Tür jeder Fernsehredaktion geöffnet - egal, wie heikel das jeweilige Filmthema ist. Worauf fußt Ihr Einfluss?

Berger: Ich fürchte, Sie überschätzen meine Möglichkeiten. Wie kommen Sie überhaupt auf die Frage?

SPIEGEL ONLINE: Mit "Frau Böhm sagt nein" haben Sie den besten Fernsehfilm zur Wirtschaftskriminalität in Deutschland gedreht, für die Krimi-Reihe "Unter Verdacht" die mörderischen Missstände bei der Grenzsicherung Europas gezeigt, und mit "In den besten Jahren" verhandeln Sie jetzt die Traumata, die aus den ungelösten RAF-Verbrechen resultieren. Alles Zufall?

Berger: Ganz bestimmt nicht. Aber dass ich zwischendurch einige Komödien gespielt habe, scheint an Ihnen vorbeigegangen zu sein. Für mich gehören die Genres und Tonlagen zusammen: Alle Heiterkeit entsteht aus Traurigkeit - und umgekehrt. Ich bin ganz bestimmt nicht die Tragödin, zu der ich so oft gemacht werde.

SPIEGEL ONLINE: Die großen gesellschaftlichen Schieflagen, in denen Ihre Figuren so oft tragisch verstrickt sind, entfalten nun mal größere Wucht...

Berger: Das kann ja sein, aber dass man mich auf das Politische festlegt, finde ich teilweise schon sehr naiv. Ich habe neulich eine Betrachtung über mich gelesen, da wurde ich als das "Gewissen der Nation" bezeichnet. Das bin ich nicht, das will ich nicht sein. Da werden die Rollen mit der Schauspielerin verwechselt.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem können Sie doch nicht leugnen, durch Ihre Filme an einer politischen Bewusstseinsbildung teilzuhaben, oder?

Berger: Gut möglich. Aber wie soll ich das erklären: Ist das meine Glaubwürdigkeit als Bürgerin? Oder ist das meine Glaubwürdigkeit als Schauspielerin? Oder überlagern sich diese beiden Dinge? Und natürlich erkenne ich einen guten Stoff, schon aus egoistischen Gründen - einfach weil er mich selbst als Schauspielerin fordert und weiterbringt. Aber es gibt eben tatsächlich auch Themen, da möchte ich, dass ein möglichst breites Publikum um 20.15 Uhr einschaltet und eine Meinung dazu entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Also doch: Fernsehen als Instrument zur politischen Meinungsbildung.

Berger: Durchaus. Ich will nur deutlich machen, dass an solchen Projekten sehr viele Menschen beteiligt sind. Zum Beispiel "Unter Verdacht": Wir - also die Produktion, die Redaktion, der ursprüngliche Autor Alexander Adolph und meine beiden Schauspielerkollegen Rudolf Krause und Gerd Anthoff - haben uns da ein Vehikel gebaut, mit dem man sehr viel gesellschaftspolitische Wirklichkeit ins Fernsehen holen kann, das aber auch extrem schwer zu lenken ist. Jede Folge ist ein Kampf.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Berger: Die von Ihnen schon angesprochene Folge über die Grenzsicherung im Mittelmeer war wegen des aufwendigen Auslandsdrehs und der Szenen auf hoher See so teuer, dass die darauffolgende aus Kostengründen fast ausschließlich auf Behördenfluren spielen durfte.

SPIEGEL ONLINE: Was war die Motivation für Ihren aktuellen Film "In den besten Jahren", in dem Sie die Witwe eines von der RAF ermordeten Polizisten spielen?

Berger: Unter anderem auch der Aspekt, dass da noch so vieles unaufgearbeitet ist. Corinna Ponto, die Tochter des von der RAF ermordeten Jürgen Ponto, war bei der Premiere in Berlin dabei. Sie war beeindruckt - besonders von den vielen, wie sie sagte, "halben Sätzen". Ich sehe das genauso wie sie: Die "ganzen Sätze" zum Thema, die müssen erst noch gesprochen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit konkret?

Berger: Fast keines der RAF-Mitglieder wurde des Mordes überführt, sondern nur wegen Mittäterschaft verurteilt. Manche Akten waren verschwunden, von anderen Seiten herausgerissen oder geschwärzt; wir wissen, dass es V-Leute in der RAF gab. Das verleiht unserem Film auch einen traurigen aktuellen Bezug: Es gibt ja auch frappierende Mängel in der Verfassungsschutzarbeit, die jetzt bei den Untersuchungen zur Zwickauer Zelle offenbar werden. Ob der linksradikale Untergrund von einst oder der rechtsradikale der Gegenwart - hier wie dort gab es offensichtlich den Einsatz von V-Leuten, der der lückenlosen Aufklärung im Weg steht. Dass der Staat auch Drecksarbeit machen muss, ist mir klar. Aber hier tun sich doch Dimensionen auf, die mich zweifeln lassen. Das macht mich wütend. Ich will dem Staat, den ich liebe, trauen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die RAF in den siebziger Jahren wahrgenommen?

Berger: Auch ich habe über die Tragödien der Opfer nicht nachgedacht, mir viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, wenn ein ermordeter Polizist oder ein Chauffeur eine Frau und zwei Kinder hinterlässt. Ich habe zwar schon früh sehr kritisch über die RAF gedacht - die Egomanie, die verquaste Sprache und die Hybris ihrer Protagonisten haben mich immer abgestoßen. Aber die ganz realen Folgen habe auch ich damals anfänglich ausgeblendet. Die kleinen Opfer hat man nicht wahrgenommen, dafür hat man sich ganz tief in die Biografien der Täter eingearbeitet, weil man hoffte, in ihnen Erklärungen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, als ganz junge Schauspielerin hätten Sie nur um sich selbst gekreist. Wann haben Sie begonnen, politisch zu denken?

Berger: Eigentlich erst 1963, als ich nach Amerika ging. Mein Agent war Paul Kohner, der in den vierziger Jahren eine zentrale Figur für die deutschen Künstler war, die vor Hitler geflüchtet waren. Kohner nahm mich sehr herzlich auf. So lernte ich all diese Emigranten kennen - und wurde ganz genau geprüft von ihnen. Aber mehr noch von meinen jüdischen Produzenten und Studiobossen. Ich habe in wenigen Monaten in Hollywood mehr über die jüngste deutsche Geschichte erfahren als in all meinen Schuljahren. Im fernen Amerika wurde ich direkt mit den Spuren des Holocaust konfrontiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das genau vorstellen?

Berger: Ich erinnere mich noch, wie ich mit Hanna Kohner, der Schwägerin von Paul, einmal schwimmen war. Wir kannten uns schon zwei Jahre, aber erst als ich die Nummer am Oberarm sah, wurde mir klar, dass sie im KZ gewesen war. Als ich sie fragte, weshalb sie mir nie davon erzählt habe, antwortete sie nur: "Weil ich möchte, dass du die Menschen liebst." Das rührt mich noch heute. Langsam, in den Begegnungen mit all den Menschen dieser Jahre, entwickelte ich ein klares Verhältnis zur deutschen Geschichte, da erst begann ich explizit politisch zu denken. Dann wurde ich in Amerika Zeugin der ersten Sit-ins, der ersten Anti-Vietnam-Demonstrationen. In Deutschland entwickelte sich parallel die APO, mit deren Zielen ich mich sehr identifizierte. Auch mein Mann Michael Verhoeven und ich wollten das Land verändern, wollten Geschichte nicht verschweigen oder verdrängen - wir wollten uns ihr stellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dann einen Großteil der siebziger Jahre in Italien verbracht - weit weg von der RAF...

Berger: ... aber ganz nah an den Roten Brigaden. Durch die Entführung und die Ermordung Aldo Moros 1978 wurde mir zum ersten Mal das Ausmaß linker Gewalt bewusst. Ich las in der Zeitung, Moro sei entführt worden, auf dem Foto sah ich seinen erschossenen Chauffeur im eigenen Blut liegen, und dann las ich noch, dass vier weitere Leute aus seiner Eskorte erschossen worden sind. Was für ein grausames, nicht zu legitimierendes oder zu relativierendes Wüten!

SPIEGEL ONLINE: Warum kam die Erkenntnis erst so relativ spät?

Berger: Sicher eine Frage des Alters. Ich begann, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können. Auch ließ ich mich nicht mehr ganz so von meinem Beruf absorbieren. Wie gesagt: Als Schauspieler kreist man zeitweise unweigerlich sehr um sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie im Ausland gefunden, was es in Deutschland nie gab - ein politisches Kino?

Berger: Stimmt, politisches Kino gab es hierzulande nie richtig. Wenn ich da an die Filmindustrie in Italien in den siebziger Jahren denke, an die Filme von Damiano Damiani oder Francesco Rosi. Klar, wir hatten den Fassbinder, und Schlöndorff versuchte sich auch politisch zu positionieren, aber es fehlte doch das Umfeld und der Wille zum großen Polit-Kino. Aber das hat jetzt immerhin - zumindest in Teilen - das öffentlich-rechtliche Fernsehen übernommen. Obwohl: Quote macht man mit politischen Filmen ja leider auch nicht. Denken Sie nur an "Dutschke" von Stefan Krohmer und Daniel Nocke. Was für ein großartiger Film, und keiner wollte ihn sehen! Kann uns mit "In den besten Jahren" natürlich ähnlich ergehen, wir treten ja gegen die Europa League bei Sat.1 an.

SPIEGEL ONLINE: Das scheint Sie jetzt aber nicht besonders nervös zu machen. Ist der Beruf für Sie in all den Jahren leichter geworden?

Berger: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich früher nie so hingeben können, um eine Figur in ihrer ganzen Tonalität ausspielen zu können. Ich hatte Angst davor, eitel zu wirken. Angst davor, mich lächerlich zu machen. Angst habe ich heute auch noch, auf andere Art. Der Herausforderung, der ich mich gestellt habe, nicht gerecht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Hehre Anforderungen an die eigenen Person. Ist Schauspielerei am Ende eine Frage der Moral?

Berger: Oh Gott, was für ein großes Wort für meinen Berufsstand. Obwohl: Natürlich ist das Theater eine moralische Anstalt, und das lässt sich auch auf die Medien übertragen. Das heißt allerdings nicht, dass ich moralische Menschen spielen möchte, denn unmoralische Figuren sind zumeist die interessanteren Rollen. Moral kann man sowieso nur über Unmoral definieren. Nein, ich bin ganz bestimmt keine moralische Schauspielerin, ich bin ein moralischer Mensch. Na, ich versuche zumindest, einer zu sein.

Das Interview führte Christian Buß


"In den besten Jahren", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
"Unter Verdacht: Persönliche Sicherheiten", Freitag, 20.15 Uhr, Arte

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Semmelbroesel 14.12.2011
1. Nun...
Zitat von sysopWirtschaftskriminalität, Menschenrechte, RAF-Traumata: Senta Berger packt die großen politischen Stoffe an. Im Interview spricht sie über ihr Verhältnis zum linken Terror, ihre*gefährdete Liebe zum deutschen*Staat - und erklärt, weshalb man ihre Rollen nie mit ihrer Person verwechseln sollte. Interview mit Senta Berger: "Was für ein grausames Wüten!" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,802849,00.html)
Bisher habe Frau Berger als sehr gute Schauspielerin wahrgenommen, aber das sie ein so politischer Mensch ist...alle Achtung...auch vor dem, was sie im Interview über den Zustand des Staates sagt.
nationaldemokrat 14.12.2011
2. Frau Berger
habe ich vor allem, in Zusammenarbeit mit Frau Schreinemakers, als Mitspielerin der medialen Hinrichtung von Frau Herrman beim willfährigen Kerner in Erinnerung. Wer dieses Schmierenstück im Fernsehen bewundern durfte, weiß um die Relevanz von Frau Bergers wohlklingenden Aussagen.
Takana 14.12.2011
3. Bei Kerner
Zitat von nationaldemokrathabe ich vor allem, in Zusammenarbeit mit Frau Schreinemakers, als Mitspielerin der medialen Hinrichtung von Frau Herrman beim willfährigen Kerner in Erinnerung. Wer dieses Schmierenstück im Fernsehen bewundern durfte, weiß um die Relevanz von Frau Bergers wohlklingenden Aussagen.
Oh ja. Die Rolle als oberflächliche, selbstgerechte Zicke bei diesem Possenspiel hat ihrem Ansehen meiner Meinung nach auch nur geschadet. Wo sie doch sonst eher seriöse Rollen gekonnt auszufüllen vermag. Aber was für ein Mensch wirklich hinter den ganzen Medienauftritten (wie auch hier im SPON) steckt ist immer schwer erkennen.
wwwwebman 14.12.2011
4. "grausames wüten"
danke, liebe ard, dass mit meinen gez-gebühren wieder mal abgehalfterte schauspieler mit abgehalfterten themen über wasser gehalten werden! wer spielt da in den nebenrollen? frank elstner, monika lierhaus und andere "ÖR-Promis"?
eulenspiegel 47 14.12.2011
5. ***
Zitat von nationaldemokrathabe ich vor allem, in Zusammenarbeit mit Frau Schreinemakers, als Mitspielerin der medialen Hinrichtung von Frau Herrman beim willfährigen Kerner in Erinnerung. Wer dieses Schmierenstück im Fernsehen bewundern durfte, weiß um die Relevanz von Frau Bergers wohlklingenden Aussagen.
Genau diese Sendung hat meine vorherige Meinung über die eigentlich sympatische Schauspielerin erschüttert. Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Und wenn man dann noch in den frühen "Barbarella" Zeiten gräbt, ergeben sich noch mehr Fragen zu Frau Berger. Denn "Große Filme"? Fehlanzeige. Das wurde erst im Alter besser.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.