"Tatort"-Koordinator Henke "Im Säurebad der politischen Korrektheit"

Warum reiht sich im Münster-"Tatort" Gag an Gag? Weshalb kommt der Kölner wie "Die Sendung mit der Maus" daher? Und gibt es trotz George-Stress weiter "Schimanski"? ARD-Koordinator Gebhard Henke, der mächtigste Mann im "Tatort"-Reich, über Freiheiten und Zwänge beim Krimi-Hit.

WDR

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Henke, als WDR-Fernsehfilmchef sind Sie auch für den Münsteraner "Tatort" verantwortlich. Mal ehrlich: Waren Sie nicht selbst genervt von den Zoten, die dort in den vergangenen Jahren geradezu zwanghaft gerissen wurden?

Henke: Überhaupt nicht, ich habe mich immer königlich amüsiert. Der Humor gehört einfach zum Münsteraner "Tatort".

SPIEGEL ONLINE: Und doch haben Sie für die letzte Episode auf die Humorbremse getreten. Nach etlichen Klamauk-Folgen gab es jüngst mal wieder einen Fall mit einem richtigen brisanten Plot.

Henke: Wir hatten immer den Anspruch, den Münsteraner "Tatort" auch für ernstere Themen offenzuhalten. Wir haben häufig schwierige Fälle gedreht, die dann aber eben auch Pointen hatten. Doch zugegeben, der Humor dominierte immer stärker, das Publikum liebte die Ermittler immer mehr für ihren Witz. Irgendwann bekommt man dann Angst, mit Eiern beworfen zu werden, wenn sich da nicht Gag an Gag reiht. Sie müssen sich den "Tatort" mal in Münster mit 3000 Leuten im Freiluftkino angucken, da werden die Pointen gefeiert wie Tore im Fußballstadion. Doch ganz klar: Auch wir sehen langfristig keine Perspektive darin, die Schoten immer weiter auszureizen. Tatsächlich war der letzte Fall wieder ein Beispiel dafür, wie man einen relevanten Stoff in die Krimi-Komödie integrieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann man wirklich jedes Thema als Krimi-Komödie verhandeln?

Henke: Sicher, wieso denn nicht?

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie die Folge "Spargelzeit", als Witze übers Spargelstechen gerissen wurden und gleichzeitig ein Missbrauchsfall verhandelt wurde. Comedy über Frühlingsgelüste und sexuelle Gewalt, geht das tatsächlich zusammen?

Henke: Ich habe das nicht als geschmacklos empfunden. Uns von der ARD wird ja immer vorgeworfen, wir würden keinen Humor wagen. Und kaum geht man in diesem Bereich nach vorne, kriegt man wieder auf die Finger gehauen. Als "Tatort"-Verantwortlicher treibt man quasi die ganze Zeit im Säurebad der politischen Korrektheit.

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Münster-"Tatort": Erotik auf dem Obduktionstisch
SPIEGEL ONLINE: Was soll denn das heißen?

Henke: Nehmen Sie nur die Internetseite der Grünen, wo juristische Ungenauigkeiten im "Tatort" aufgelistet werden. Gerade so, als wäre der Krimi das wirkliche Leben. Es gibt diese Anspruchshaltung: Der "Tatort" ist mit Gebührengeldern bezahlt - also hat quasi jeder Mitspracherecht. Das ist völlig nachvollziehbar. Aber mich stört Lobbyistentätigkeit: Ärzte beschweren sich, dass sie immer so negativ gezeichnet werden. Wirtschaftsbosse und Architekten kommen angeblich auch immer schlecht weg. Ich frage mich nur, wann die Bettenindustrie sich über den Imageschaden beschwert, der daraus entsteht, dass Leichen im "Tatort" so oft in Betten liegen. Viele möchten eben im populärsten deutschen Fernsehformat positiv gezeichnet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie Ärmster, wie halten Sie das aus?

Henke: Zum Beispiel durch das Erfolgserlebnis, mit unserem Münster-"Tatort" einen extrem hohen Anteil an jungen Zuschauern gewonnen zu haben. Und um die nicht zu verlieren, müssen wir eben eine pointenstarke, ganz bestimmt nicht politisch korrekte Interaktion zwischen den Ermittlern zeigen. So was können nur die besten Autoren und Regisseure.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade hier herrschte bei den WDR-"Tatorten" ein gewisser Stillstand. Immer dieselben Regisseure, man schmort im eigenen Saft. Das Kölner Revier etwa war früher wichtiges Labor für junge Kreative. Jetzt schaukeln sich Ballauf und Schenk durch oft sehr eintönig inszenierte Folgen...

Henke: Einspruch: Was Sie als Eintönigkeit kritisieren, nenne ich Stil. Gerade der Kölner "Tatort" mit seiner austarierten Tonalität bietet einen guten Rahmen, in dem sich leichthändig schwierige gesellschaftliche Stoffe erzählen lassen. Nicht jeder "Tatort" muss didaktisch wie eine SPIEGEL-Reportage daherkommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das ist ja das Problem: Eine SPIEGEL-Reportage ist zuweilen aufregender erzählt als ein "Tatort" aus Köln. In seiner niedlichen Didaktik erinnert der jetzt gelegentlich an "Die Sendung mit der Maus".

Henke: Ich persönlich fühle mich zwar von bissigen Vergleichen von Fernsehkritikern gut unterhalten, aber Sie unterschätzen, wie schwierig es ist, einen "Tatort" mit Brisanz anzufüllen, ohne ständig das Publikum zu überfordern. Und ich kann Sie beruhigen: Im nächsten Kölner "Tatort - Franziska" testen wir Grenzen aus. Er ist so dramatisch und spannend geworden, dass wir aus Gründen des Jugendschutzes diesen Fall am 15. Dezember erst um 22.00 Uhr senden werden.

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Kölner "Tatort": Familienplanung auf die tödliche Tour
SPIEGEL ONLINE: Das, was man oft beim Kölner "Tatort" vermisst, hat der neue Dortmunder umso mehr: Tempo, Komplexität, Modernität. Eine bewusste Abgrenzung?

Henke: Es ging darum, einen "Tatort" zu schaffen, der sich von den schon existierenden unterscheidet. Statt einem oder zwei Ermittlern sollte ein ganzes Team im Vordergrund stehen. Wir wollten tief in die Charaktere und Probleme der Ermittler einsteigen - aber immer nur innerhalb ihres Arbeitsumfeldes. Abgrenzung zum Kölner "Tatort" möchte ich das nicht nennen, eher Erweiterung.

SPIEGEL ONLINE: Neben dem Rostocker "Polizeiruf" ist der Dortmunder "Tatort" der einzige Krimi, wo man das Prinzip der amerikanischen Serie aufgreift und eine Episode auf die andere aufbaut. Anstrengend?

Henke: Nein, eher anregend und aufregend. Wir haben uns bewusst für ein horizontaleres Erzählen entschieden. Manchmal frage ich mich allerdings, ob der Abstand zwischen den einzelnen Folgen zu groß ist und der Zuschauer den Faden verlieren könnte. Aber es ist das Risiko wert: Wir haben noch eine Menge mit den Figuren vor, auch die beiden jungen Ermittler, die von Aylin Tezel und Stefan Konarske gespielt werden, entwickeln sich extrem spannend - nicht unwichtig, um bei einer jüngeren Zielgruppe zu punkten.

SPIEGEL ONLINE: Den Alten bleiben Sie aber trotzdem treu? Götz George klagte uns neulich sein Leid, er fühle sich bei seinem "Schimanski" vom WDR vernachlässigt.

Henke: Auch wenn Götz George gern mit uns schimpft und hadert: Nehmen Sie nicht alles für bare Münze! Es ist seine spezielle Form der Zuwendung. Wir lieben ihn und seinen "Schimanski" sehr. Und so lange er ihn drehen will, werden wir ihn als Event mit großer Lust und Freude produzieren - nach dem Goetheschen Motto: "Hin und wieder sieht man den Alten gern!"

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Jörg Hartmann als neuer "Tatort"-Ermittler: Zwischen altem Revier und Hightech-Industrie
SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie vom neuen Jugendwahn des MDR? Beim Erfurter Revier hat man ja bei aller Freude darüber, das angeblich jüngste "Tatort"-Team aller Zeiten zusammengestellt zu haben, auf einen sinnigen Plot und starke Dialoge gepfiffen.

Henke: Als "Tatort"-Koordinator schätze ich alle "Tatort"-Teams wie meine eigenen Kinder. Keines mehr, keines weniger. Also: kein Kommentar.

SPIEGEL ONLINE: Aber was halten Sie von der Entstehungsgeschichte? Der Erfurter "Tatort" wurde ausgeschrieben - dieser sehr schlechte Krimi ist das Ergebnis der angeblich besten unter 100 Konzepteinreichungen. Sonderbar, oder?

Henke: Von uns Öffentlich-Rechtlichen wird zu Recht immer ein hohes Maß an Transparenz gefordert. Beim MDR kam hinzu, dass der Sender in den letzten Jahren von einigen Skandalen gebeutelt wurde. Man wollte hier deutlich Neuland betreten. Das bedeutete sehr viel Extraarbeit für die Kollegen, Respekt! Ob eine solche Anstrengung sich wirklich auszahlt oder ob Pitchs im kleineren Rahmen effizienter sind, darüber ist müßig zu streiten. Aber Sie müssen doch zugeben, dass es klasse ist, wenn der MDR es wagt, ein Team mit rundum neuen Gesichtern zu besetzen und nicht mit fertigen Stars.

SPIEGEL ONLINE: Klar. Trotzdem fühlt sich der ach so junge Cast an, als sei er Teil einer Image-Kampagne. Es geht inzwischen ja immer darum, den jüngsten, den härtesten, den lustigsten "Tatort" zu liefern. Was halten Sie von der Eventisierung der Reihe?

Henke: Ich würde den Begriff Event nicht negativ besetzen. Bitte berücksichtigen Sie: Es geht um die Weiterentwicklung eines Produkts, das inzwischen 43 Jahre alt ist. Da müssen Sie zuweilen massive Impulse setzen, die unterschiedlichen Formate müssen Kante zeigen. Konkurrenz belebt das Geschäft.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie wie ein Kaufmann.

Henke: Ich sehe mich eher als Markenschützer. Und ohne die gewissen Erneuerungen würde die Marke "Tatort" an Relevanz verlieren. Ich finde es auch richtig, dass man Kinostars wie Til Schweiger engagiert. Schauspieler wie er hätten früher nicht mitgemacht beim "Tatort". Mit Schweiger und ähnlichen Kalibern kann man aber eben nur einmal im Jahr drehen, deshalb ist es folgerichtig, weitere Teams zu etablieren. Die Aufregung und der daraus entstehende Hype kann dem "Tatort" nur guttun.


"Tatort: Eine andere Welt", Sonntag, 17. November, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Franziska", Sonntag, 15. Dezember, 22.00 Uhr, ARD

insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
MarianTremmel 13.11.2013
1. Absurde Stories ...,
hölzerne Dialoge, völliges Fehlen von Logik, humorfreie Albernheiten - das sind die Gemeinsamkeiten der meisten Tatort-Folgen. Spitzenreiter zur Zeit. Ludwigshafen, Saarland und Leipzig. Repekt für diese Integrationsleistung
muskat51 13.11.2013
2. zu GUTER Unterhaltung
wird eine Portion Frechheit und eine Portion "politischer UNKorrektheit" gebraucht. Also bitte nicht durch schmalspurige Politmeckerer entmutigen lassen.
rokko1 13.11.2013
3. Sinkendes Niveau
Zitat von sysopWDRWarum reiht sich im Münster-"Tatort" Gag an Gag? Weshalb kommt der Kölner wie "Die Sendung mit der Maus" daher? Und gibt es trotz George-Stress weiter "Schimanski"? ARD-Koordinator Gebhard Henke, der mächtigste Mann im "Tatort"-Reich, über Freiheiten und Zwänge beim Krimi-Hit. http://www.spiegel.de/kultur/tv/interview-mit-tatort-koordinator-henke-a-931438.html
Die Tatort folgen werden immer niveauloser :-( Der erfurter Tatort glänzte mit dummen Sprüchen auf Stammtischniveau. Der Schimanski Tatort war spannungslos und rentnergerecht gedreht worden. Die Dialoge waren nicht nur lagnweilig sonder auch vorhersehbar... Einziger Trost für die ARD: die Zangsgebühren werden weiter sprüdeln!: Also warum sollte man mit Niveau produzieren?
benmartin70 13.11.2013
4.
Zitat von muskat51wird eine Portion Frechheit und eine Portion "politischer UNKorrektheit" gebraucht. Also bitte nicht durch schmalspurige Politmeckerer entmutigen lassen.
Alles Geschmackssache, aber "gute" Unterhaltung und Tatort beisst sich.......
mirrorman3 13.11.2013
5. Miesmacher
spiegelonline ist recht negativ eingestellt gegenüber recht erfolgreichen TATORTEN. Besonders Münster aber auch der am Edersee waren in ihrer absurden Komik SPITZE. Wir brauchen keine Verbrechen, sondern gute Unterhaltung
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