Islamisches "Wer wird Millionär?" Wenn der Mufti als Joker einspringt

Ratespiele im Ramadan: Von "Wer wird Millionär?", dem weltweit erfolgreichen Showkonzept, gibt es jetzt eine islamische Version. In Pakistan beantworten die Kandidaten ausschließlich Fragen rund um die Religion. Der Hauptpreis lässt allerdings nur wahrhaft Gläubige in Verzückung geraten.
Islamisches "Wer wird Millionär?": Moderator Jamshed erinnert an einen Mullah

Islamisches "Wer wird Millionär?": Moderator Jamshed erinnert an einen Mullah

Foto: Geo Television Network

Man stelle sich vor: Bei "Wer wird Millionär?" würde kein einziges Mal geklatscht. Wenn der Kandidat eine Frage von Günther Jauch richtig beantwortete, priese das Publikum lautstark Gott. Die Wiedererkennungsmelodie der Sendung wäre ein religiöser Männergesang. Ständig würde Jauch sagen: "So Gott will." So Gott will, werde der Teilnehmer die Aufgaben lösen. Und so Gott will, werden ihm die Joker helfen. Am Ende der Sendung, wenn noch ein paar Minuten übrig sind, spräche ein Geistlicher erbauliche Worte, dann würde Jauch zum Abschied ein religiöses Lied singen.

In Pakistan läuft rechtzeitig zum Fastenmonat Ramadan eine islamische Version der Show, die genau so abläuft. "Alif Laam Meem" heißt sie, benannt nach den drei Buchstaben, mit denen viele Koran-Suren beginnen und deren Bedeutung unbekannt ist, Muslime sehen darin ein göttliches Geheimnis. Bislang genoss man in Pakistan die indische Version "Kaun Banega Crorepati", jetzt hat man seine eigene, religiöse Variante.

Seit Juni strahlt der Sender Geo-TV die Sendung aus, seit Anfang August, mit Beginn des Ramadan, wenn die Menschen zwischen Sonnenaufgang und -untergang nichts essen und trinken, sogar täglich. Abends, zum Fastenbrechen, sitzen jetzt Millionen von Menschen vor den Fernsehern und raten mit. Es ist eine Zeit, glauben die Programmverantwortlichen bei Geo-TV, in der die Menschen empfänglich sind für Religiöses.

Der Moderator heißt Junaid Jamshed, ein Mann mit freundlichen Augen und schwarzem, brustlangem Bart. Er trägt eine weiße Kappe und ein dunkles, knielanges Hemd. Die Menschen in Pakistan staunen, denn es ist derselbe Mann, der Mitte der achtziger Jahre der Frontmann der Popgruppe Vital Signs war und 1987 als 23-Jähriger mit dem patriotischen Song "Dil Dil Pakistan" ("Herz Herz Pakistan") einen Hit landete, den jeder Pakistaner ab 30 kennt. Er war ein Frauenschwarm, ein Jugendheld, in den Neunzigern auch als Solomusiker ein Star, einer der ersten Macher eines Musikvideos in dem islamischen Land.

Beim Hauptpreis kriegen Muslime feuchte Augen

Jetzt steht er da wie ein gütiger Alter, der für jeden ein freundliches Wort hat. Noch immer ist er eine Berühmtheit. Man hat seinen Wandel in den vergangenen zehn Jahren verfolgt - wie er plötzlich nur noch religiöse Lieder aufnahm, sich schließlich von der Musik lossagte und sich dem Islam widmete. Im Hightech-Studio von "Alif Laam Meem" kommt er daher wie ein Priester in einer Disco.

Junaid Jamshed ist trotz seines Wandels immer noch ein Publikumsmagnet, "Alif Laam Meem" ein Erfolg. Mehrere tausend Menschen haben sich als Kandidaten für die Sendung beworben, die nach Angaben von Geo-TV "unser religiöses Wissen erweitern und unser tägliches Leben verbessern wird". Denn in der Show werden ausschließlich Fragen rund ums Thema Islam gestellt. Wie oft kommt ein bestimmtes Wort im Koran vor? In welchem Land befindet sich dieses oder jene Heiligtum? Und welcher Mogul gab ein bestimmtes Bauwerk in Auftrag?

In 15 Stufen können sich die Kandidaten bei diesem Wettbewerb um religiöses Wissen nach oben raten. Auf halbem Wege haben sie die kleine Pilgerfahrt nach Mekka für zwei Personen sicher, Umra genannt, sowie einen Scheck über 50.000 Rupien, derzeit umgerechnet etwa 400 Euro. Der zweithöchste Preis ist die große Pilgerfahrt, Haddsch, eine der fünf Säulen des Islam, außerdem umgerechnet rund 20.000 Euro. Und der Hauptpreis? Gläubige Muslime bekommen feuchte Augen, wenn sie darüber reden: eine Wohnung in Mekka! So weit ist bisher noch niemand gekommen.

Bloß keine Proteste provozieren!

Und wenn die Kandidaten mal nicht weiterwissen, stehen auch in dieser Version Hilfen zur Verfügung: ein Telefonjoker, das Publikum, die Möglichkeit, auf zwei Antworten zu reduzieren, und ein Geistlicher, den man befragen kann. "In-house mufti" nennen sie ihn. Es ist derselbe Typ, der am Ende seine Predigt zum Besten gibt, bevor Junaid Jamshed die Sendung mit einem Lied beendet.

Theoretisch dürfen auch Nicht-Muslime an der Show teilnehmen, aber praktisch ergibt es wenig Sinn, da sie sowieso weder nach Mekka pilgern noch dort leben dürfen. Beworben hat sich bislang noch keiner, der nicht gläubiger Muslim ist, heißt es bei Geo-TV. Die Fragen wären "doch zu schwierig", schließlich hätten sie nie den Koran auswendig gelernt. Auch im Publikum sitzen vor allem langbärtige Männer und verschleierte Frauen. Von manchen sieht man nur die Augen.

Die Show ist bezeichnend für die gesellschaftliche Entwicklung in Pakistan: einerseits eine Hinwendung zur Religion, andererseits eine Verwunderung über genau diese Tendenz. Fakt ist, dass die Religiösen eine Macht im Lande sind, auch wenn sie bei Wahlen immer schlecht abschneiden. Aber sie wirken im Hintergrund. Kaum ein Politiker traut sich, öffentlich das sogenannte Blasphemiegesetz zu kritisieren, das Strafen bei angeblichen Gottes- und Prophetenlästerungen vorsieht. Niemand stellt das gesetzliche Alkoholverbot in Frage, obwohl fast jeder Politiker sich gerne mal ein, zwei oder mehr Gläser Whisky genehmigt. Die Angst vor den Protesten der Religiösen ist groß, lieber nimmt man ein Leben in einer zurechtgebogenen Welt in Kauf.

Auch Geo-TV und Moderator Jamshed tragen diese Widersprüchlichkeit in sich. Geo-TV wurde eigentlich durch seine kritische Haltung zur Islamisierung groß. Dass ausgerechnet dieser Sender diese Show ins Programm nimmt, ist ein Zugeständnis an die Konservativen in Zeiten, in denen mehr als 70 Kanäle um die Gunst des Publikums buhlen. Der Militärdiktator Pervez Musharraf hatte zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Liberalisierung des Medienmarktes eingeleitet, später bereute er es, als viele kritisch über ihn berichteten. An seinem Machtende vor drei Jahren hatte Geo-TV nicht unwesentlichen Anteil.

Junaid Jamshed, der einst glattrasierte, tanzende Sänger und heute bärtige, ständig von Gott redende Rateshow-Moderator, sagt, er sei erst jetzt, in seiner neuen Rolle, ganz er selbst. In der Urdu-sprachigen Sendung benutzt er gerne viele arabische Wörter, um seine Nähe zur Geburtsstätte des Islam zu betonen. Nur hin und wieder, wie eine unerwünschte Erinnerung an seine Vergangenheit, rutscht ihm, dem liberal erzogenen Sohn eines Luftwaffenoffiziers, ein englisches Wort durch.

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