Islamismusdrama im Ersten Zur Hölle mit dem Alles-Verstehen!

Dein Nachbar der Islamist: Der ARD-Film "Der verlorene Sohn" nähert sich einem deutschen Konvertiten, der unter Terrorverdacht steht. Das stark gespielte Gesellschaftsdrama kommt ohne psychologischen Schnickschnack aus - wirkt aber angesichts der arabischen Revolutionen ein wenig gestrig.

NDR

Von Nikolaus von Festenberg


Das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn ist eine grandiose Geschichte über die Größe des Verzeihens: Ein Vater nimmt seinen reuigen Spross bei sich zu Hause wieder auf, obwohl der sein Vermögen verprasst und schwer gesündigt hat und der rechtschaffende Bruder des Missetäters die versöhnliche Tat des Vaters missbilligt.

Wenn der Islamkonvertit Rainer, der sich nun Omar nennt, nach zwei Jahren Haft in Israel wegen Terrorverdachts zurück in Deutschland bei seiner Mutter (Katja Flint) auftaucht, dann ist in dem ARD-Film "Der verlorene Sohn" (Buch: Fred Breinersdorfer, Léonoe Claire Breinersdorfer, Regie: Nina Grosse) vom christlichen Geist des Gleichnisses wenig zu spüren.

Gewiss, die Mutter, eine Handballtrainerin, ist froh, ihren Rainer wieder in die Arme schließen zu können, aber es gelingt ihr nicht, in die Seele des verlorenen Sohns vorzudringen. Ebenso wenig wie das Rainers Bruder Markus (Ben Unterkofler) vermag, der den Jungislamisten daran erinnert, dass der Vater aus Kummer über Rainer an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Kostja Ullmann ( "Das Wunder von Berlin") spielt diesen an fremde Glaubensmächte Verlorenen großartig. Wem immer das Thema böser Islam, böser Djihad eigentlich zum Hals hinaushängt, der kommt nicht umhin, Ullmanns Kunst zu bewundern: Eben noch ist man angewidert von dessen humorloser Abwehr westlichen Selbstverständnisses (Rainer geißelt ajatollahhaft die Sittenlosigkeit der Mädchen, wie er es wohl in den Terrorcamps gelernt hat), da fällt man wenig später auf das unter der Ideologie verschüttete Knabenkind herein, dem die Tränen kommen, wenn es von der Todesnachricht seines Vaters überwältigt wird.

Spielt da ein abgebrühter Teufel mit den Liebesangeboten seiner Mutter oder wartet ein Versteinerter auf Erlösung, wenn bloß irgendjemand den Schlüssel zum chaotischen Inneren dieses Islam-Autisten fände?

Lasst zusammenkrachen, was zusammenkrachen will

Das Schweigen über die inneren Beweggründe kann, so zeigt Flint mit eindrucksvollem Spiel, genauso zerstörerisch sein wie der Terror. Die immer wieder scheiternde Hoffnung auf das Niederreißen der Schweigemauern ist die schlimmste Qual. Die Mutter zerbricht an dieser Hoffnung. Sie will ihn ins familiäre Eigenheim heimholen, aber der verlorene Sohn will verloren bleiben. Das kann nur in einer Tragödie enden und das tut es auch.

Der von Nina Grosse als präzises Verzweiflungsdrama inszenierte Film - gefrorene, eindringliche und entfärbte Kamerablicke ohne allen Arthouse-Schnickschnack - ist vom Kleistschen Geist der neueren Fernsehfilmmacherei geprägt: Weg mit Psychologie, zur Hölle mit dem Alles-Verstehen. Lasst zusammenkrachen, was zusammenkrachen will.

Eine solche eindrucksvolle Beschwörung einer sich stumm erfüllenden Nemesis nimmt allerdings im Namen reiner Kunst in Kauf, dass die Gefühle der Angst vor dem Fremden unbeantwortet wachsen. Schweigen ist spannend, aber Reden könnte auch spannend sein und zum Gold der Erkenntnis führen.

In einer Phase hoffnungsvoll stimmender arabischer Zivilrevolutionen, wie sie heute zu besichtigen sind, nimmt sich "Der verlorene Sohn" (der schon 2009 fertiggestellt wurde) ein wenig wie der Schrecken von gestern aus. Da kann man wenig machen, denn der Zeitgeist ist oft wegen der Produktionsabläufe für die fiktionale Widerspiegelung zu schnell.

Bleibt die Frage: Gibt es hierzulande eigentlich auch fiktionale Zugänge zur orientalischen Welt, die trotz der dortigen Religion und Sittenvorstellungen die Menschen ernst nehmen und verstehen wollen, einen Sarrazin-freien Blick ohne das Tremolo der ewigen Bedrohung?

"Der verlorene Sohn", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD



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sleeperinmetropolis 23.02.2011
1. Niedlich
Zitat aus dem Artikel: "In einer Phase hoffnungsvoll stimmender arabischer Zivilrevolutionen, wie sie heute zu besichtigen sind, nimmt sich "Der verlorene Sohn" (der schon 2009 fertiggestellt wurde) ein wenig wie der Schrecken von gestern aus. Da kann man wenig machen, denn der Zeitgeist ist oft wegen der Produktionsabläufe für die fiktionale Widerspiegelung zu schnell." Süß. Denkt der Herr TV-Kritiker allen Ernstes, nun hätten wir bald Friede, Freude, Eierkuchen, was Islamisten angeht?!Schon ein bisschen naive Sicht der Dinge, oder?
ridgleylisp 23.02.2011
2. Gar nicht "gestrig"
Zitat von sysopDein Nachbar der Islamist:*Der ARD-Film "Der verlorene Sohn" nähert sich einem deutschen Konvertiten, der unter Terrorverdacht steht.*Das stark gespielte*Gesellschaftsdrama kommt*ohne psychologischen Schnickschnack*aus -*wirkt aber angesichts der arabischen Revolutionen ein wenig gestrig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,747078,00.html
Also gut, kein "Schnickschnack". Aber Herrn Festenbergs Perspektive ist leider kurzsichtig-naiv. Die jetzigen arabischen Revolutionen werden nichts an der Gefährlichkeit des islamismus ändern. Im Gegenteil es zeigt sich immer wieder dass sich nach den abgesetzten Diktatoren, die meist laizistisch tendierten, also nach der vermeintlich "demokratischen" Revolution, die gut organisierten Islamisten letztendlich etablierten. Siehe Iran! Also nichts ist "gestrig."
steffets, 23.02.2011
3. Zuckerchen
Zitat von sleeperinmetropolisZitat aus dem Artikel: "In einer Phase hoffnungsvoll stimmender arabischer Zivilrevolutionen, wie sie heute zu besichtigen sind, nimmt sich "Der verlorene Sohn" (der schon 2009 fertiggestellt wurde) ein wenig wie der Schrecken von gestern aus. Da kann man wenig machen, denn der Zeitgeist ist oft wegen der Produktionsabläufe für die fiktionale Widerspiegelung zu schnell." Süß. Denkt der Herr TV-Kritiker allen Ernstes, nun hätten wir bald Friede, Freude, Eierkuchen, was Islamisten angeht?!Schon ein bisschen naive Sicht der Dinge, oder?
Ist er nicht niedlich? Jetzt sind die "hoffnungsvoll stimmenden" arabischen Revolutionen gerade zwei Wochen alt und absolut niemand kann wissen, was am Ende rauskommt, wenn die Lage sich wieder stabilisiert hat. Das ganze Wunschgetöse von den "demokratischen" Revolutionen und dem Durst der Araber nach Freiheit und Toleranz - mal sehen, wie lange es dauert, bis die Realtät das westliche Wunschdenken einholt. Im Moment ist die hoffnungsvollste Einschätzung, die möglich ist: Das Ende ist offen. Irgendwas als "gestrig" zu bezeichnen angesichts kurzfristiger Entwicklungen die niemand bisher wirklich durchschaut ist wirklich ein bisschen naiv.
lensenpensen 23.02.2011
4. Danke...
Zitat von sleeperinmetropolisZitat aus dem Artikel: "In einer Phase hoffnungsvoll stimmender arabischer Zivilrevolutionen, wie sie heute zu besichtigen sind, nimmt sich "Der verlorene Sohn" (der schon 2009 fertiggestellt wurde) ein wenig wie der Schrecken von gestern aus. Da kann man wenig machen, denn der Zeitgeist ist oft wegen der Produktionsabläufe für die fiktionale Widerspiegelung zu schnell." Süß. Denkt der Herr TV-Kritiker allen Ernstes, nun hätten wir bald Friede, Freude, Eierkuchen, was Islamisten angeht?!Schon ein bisschen naive Sicht der Dinge, oder?
für diese Klarstellung. Das eine (die Revolutionen in der arabischen Welt) hat mit dem anderen (Islamistischer Fundamentalimus/Terrorismus) doch einfach nichts miteinander zu tun. Wie sich zeigt, war der islamische Terrorismus bzw. die Gefahr davor, in den Revolutionsstaaten durch die Potentaten vorgeschoben, um die eigene Bevölkerung zu knechten. Schaut doch auf die Emirate und v.a. auf "die Saudis", die finazieren schließlich die Radikaliserung von Menschen muslimischen Glaubens -> ich sag nur "Emirat Nordkaukasus". Und, woher kamen die mesiten 9/11-Terroristen? Richtig, aus Osamas Heimatland. Den Film werde ich mir mangels TV nicht ansehen.
sleeperinmetropolis 23.02.2011
5.
Mich stimmen diese "Zivil"revolutionen im Übrigen nicht "hoffnungsvoll". Im Gegenteil, es kann einem Angst und Bange werden, wenn man sieht, zu welch unmenschlicher Gewalt - sogar gegen KINDER! - diese Menschen fähig sind. Die Situation in diesen Staaten ist unsicherer und auch für uns bedrohlicher denn je! Und damit meine ich nicht "steigende Benzinpreise".
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