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Italienischer Badeort Mafia, Müll, Migranten

Dreck, Anarchie, Chaos: 25.000 Italiener leben im einstigen Badeort Castel Volturno - und 18.000 Flüchtlinge aus Afrika. Sie hausen in erbärmlichen Verhältnissen, viele schließen sich Drogenbanden an. Eine SPIEGEL-TV-Reportage über eine Stadt, in der die Camorra Killer mit Kalaschnikows losschickt.
Von Gudrun Altrogge

Castel Volturno könnte malerisch sein. Die kampanische Kleinstadt liegt an einer Flussmündung 35 Kilometer nordwestlich von Neapel, direkt an der Via Domitiana, der Straße des Imperators Domitian - einer Verlängerung der Via Appia, die in früheren Jahrhunderten an einer schönen Küste entlangführte und Rom mit dem Süden verband. Doch von Pracht ist hier heute nicht mehr viel zu sehen.

Castel Volturno ist zum Synonym für Verfall, illegale Bausünden, Mafia und Müll geworden. 25.000 Italiener leben in Castel Volturno - und 18.000 Flüchtlinge. Die meisten sind über das Meer gekommen und zunächst auf der Insel Lampedusa gestrandet. Castel Volturno ist für sie ein gutes Ziel. Hier gibt es Jobs. Und vor allem Unterkünfte in verfallenen Feriensiedlungen.

Afrikas Außenposten in Italien erwacht morgens um vier Uhr. Jeden Tag sammeln sich an den Bushaltestellen von Castel Volturno Hunderte afrikanische Flüchtlinge. Einer von ihnen ist Desmond, 32, aus Ghana. Sein Ziel: ein Vorort von Neapel. Dort wird er an einem Verkehrskreisel aussteigen und darauf warten, dass ein "Padrone" anhält, jemand, der ihm für einen Tag Arbeit geben wird. Als Pflücker auf einem der vielen Tomatenfelder oder als Helfer auf dem Bau.

Oft genug jedoch hält niemand an. "Du kannst es dir trotzdem nicht leisten, zu Haus zu bleiben, du musst jeden Tag hinfahren und auf einen Job hoffen", sagt Desmond. "Denn du brauchst das Geld, für dein täglich Brot."

Bis vor dreißig Jahren war Castel Volturno ein beliebtes Urlaubsziel. Dann erschütterte 1980 ein schweres Erdbeben die Region Kampanien, 300.000 Menschen verloren ihr Heim. Viele von ihnen quartierte die italienische Regierung kurzerhand vorübergehend in den Ferienhäusern und Hotels an der Küste ein. "Das war der Beginn des Verfalls", sagt Vincenzo Ammaliato, Lokaljournalist in Castel Volturno. "Danach ließ man die Häuser einfach leer stehen. Die alten Ferienhausbesitzer hatten sich neue Urlaubsziele gesucht. Und die Häuser wurden an Einwanderer vermietet, die mittlerweile in Massen herkamen, um auf den Feldern zu arbeiten."

Nur wenig erinnert an Italien, wenn man durch die ehemaligen Feriensiedlungen fährt. Auf den Straßen schlendern die Immigranten, aus den Fenstern der verfallenen Häuser klingt afrikanische Musik. Auch Desmond aus Ghana lebt in einem ehemaligen Urlaubsdomizil.

"Sehen Sie sich an, wie wir hier leben müssen"

450 Euro zahlen er und seine beiden Mitbewohner für zwei kleine Zimmer und eine Küche. Andere brechen einfach in verlassene Häuser ein. Regelmäßig fahren die Vigili Urbani, die Gemeindepolizisten, durch die Siedlungen und sehen nach dem Rechten - oder Unrechten. In einer Straße direkt am Strand stoßen sie auf zwei Nigerianer, die vor einem Reihenhäuschen auf einem offenen Feuer kochen.

"Wohnt Ihr hier?", will der Polizist von den Flüchtlingen wissen. "Nein, wir sind hier nur zu Besuch", sagt einer der Schwarzen. Ein Blick in das Haus belegt das Gegenteil: Auf dem Fußboden liegen gleich mehrere Matratzen, Schlafsäcke, Handtücher und ein paar Habseligkeiten. "Die sind hier illegal eingedrungen", sagt Antonio Diana von den Vigili Urbani. "Wir haben den Hausbesitzer schon mehrfach aufgefordert, das Haus zu sichern. Das hat er auch gemacht, aber jetzt haben wir schon wieder die gleiche Situation: Das Haus wurde erneut aufgebrochen."

Von einer Festnahme sehen die Polizisten ab. Zu viel bürokratischer Aufwand, zu wenig Beamte, auch Mitleid mit den Flüchtlingen. Einer der Nigerianer rührt weiter das Essen in der Blechpfanne. Tomate und Fisch, den er auf dem Markt erbettelt hat. "Sehen Sie sich an, wie wir hier leben müssen", sagt er. "In Afrika war ich Lehrer." Ihm stehen Tränen in den Augen.

Via Domitiana, Kilometer 34 in Castel Volturno. So lautete einmal die Adresse eines der besten Hotels der Stadt. Heute ist das "Boomerang" eine Ruine. Die ausgebrannten Fensteröffnungen sind so ausdruckslos wie die Augenhöhlen eines Totenschädels. Auf dem noch immer blau schimmernden Wasser des Swimmingpools treibt eine Unmenge Müll: leere Flaschen, alte Kleidung, Essensreste und Spritzen.

Camorra gegen Drogenbanden - Die Killer kommen mit Kalaschnikows

Die Lobby des ehemaligen Luxushotels ist zum Drogenumschlagsplatz Nr. 1 in Castel Volturno geworden. Wo früher Touristen übernachteten, hausen jetzt etwa vierzig drogenabhängige Flüchtlinge. Vor einigen Jahren zündeten Unbekannte die Hotelruine an, um die Abhängigen zu verjagen. Victor, etwa 30, stammt aus Nigeria und ist abhängig von Crack. Das Wort Mafia will er im Zusammenhang mit der Brandstiftung lieber nicht benutzen: "Das waren diese Leute, Sie wissen schon, die man bezahlen muss. Mehr sage ich nicht, sonst hauen mir die den Schädel ein."

Die Camorra und nigerianische Drogenbanden machen sich gegenseitig die Herrschaft streitig. Vor knapp zwei Jahren kam es zum bislang blutigsten Höhepunkt im Drogenkrieg. Vor einer Schneiderei in Castel Volturno erschoss die Camorra sechs Afrikaner. Die Killer feuerten aus ihren Kalaschnikows insgesamt hundertdreißig Schüsse auf ihre Opfer. Eine Hinrichtung auf offener Straße.

Wie sich später heraus stellte, hatte keiner der Toten eine Verbindung zur Drogenszene. Den Tätern war das egal, sagt Polizeichef Guido Nicolo Longo: "Die haben das Blutbad angerichtet, um Schrecken zu verbreiten. Nach dem Motto: Bestrafe irgendwelche und erziehe damit die Richtigen. Das ist deren Mentalität. Es ging ihnen allein um die Kontrolle des Territoriums."

Wer es sich leisten kann, zieht weg aus Castel Volturno. Doch das können die wenigsten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei zwanzig Prozent.

In der Via Palermo haben die Anwohner zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen, um sich von der Außenwelt abzugrenzen. Die Straße ist an beiden Seiten mit einem elektrischen Tor versehen, das sich nur mit einer Fernbedienung öffnen lässt. "Das haben wir vor Gericht durchgesetzt", sagt Daniele Patriasca. "Vorher liefen hier schwarze Dealer rum, und Prostituierte gingen vor unserer Haustür ihren Geschäften nach. Sogar die Gullydeckel wurden geklaut, weil die aus Eisen sind und die Flüchtlinge sie verkauft haben."

"Papa hat dem anderen Mann ein Ohr abgeschnitten"

Nur ein paar Meter weiter steht das Casa del Bambino. In der Einrichtung eines kirchlichen Ordens kümmern sich die Mitarbeiter um die Kinder der Flüchtlinge. Bis zu sechzig Mädchen und Jungen werden hier betreut. Fast alle kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Für viele ist es der einzige Halt in einer haltlosen Gesellschaft.

Der Traum von einem besseren Leben in Europa hat sich für ihre Eltern nicht erfüllt. Wenn die Kinder morgens gebracht werden, erzählen sie von zu Hause - was die Betreuer dann hören, ist oft erschreckend, sagt Kindergartenleiter Robert Visco. "Da heißt es dann: Papa hat dem anderen Mann ein Ohr abgeschnitten, und die Polizei hat ihn mitgenommen. Oder: Mama ist mit dem neuen Papa weggegangen. Wenn wir dann Hausbesuche machen, müssen wir feststellen, dass die Kinder wirklich in schlimmen Verhältnissen leben."

Dem neuen Bürgermeister von Castel Volturno sind solche Einrichtungen gar nicht recht. Antonio Scalzone trägt einen rosa Schlips, passend zur rosa Tapete in seinem Amtszimmer im Rathaus. Über seinem Schreibtisch hängt die italienische Flagge. Scalzone gehört Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit an, entsprechend sind seine Ansichten: "Diese ganze Gutmenschen, die nach dem Motto handeln: Die armen Flüchtlinge, wir müssen ihnen helfen - wohin hat das denn geführt? Dazu, dass die Tüchtigen hier wegziehen und nur noch die herkommen, die nichts mehr zu verlieren haben."

Dass sich nur noch wenige Touristen nach Castel Volturno verirren, hat allerdings auch hausgemachte Gründe. Giftige Abfälle, die im Landesinneren illegal entsorgt werden, haben das Meer und die angrenzenden Uferabschnitte verseucht. An vielen Stellen herrscht Badeverbot.

"Was in anderen Teilen der Welt undenkbar wäre, ist bei uns Alltag"

Der Strand ist bedeckt mit Abfall und Sperrmüll. Neben Skeletten von Tieren gammeln Ziegenkadaver vor sich hin. Dabei wird alle vier Wochen gesäubert. Das bringe aber gar nichts, sagt Paolo Verdicchio von der Staatlichen Forstbehörde. "Solange man nicht aufhört, Müll und Schadstoffe in den Fluss und den Kanal zu leiten, spülen die es ins Meer und das Meer spült den Müll wieder an den Strand. Es ist ein Teufelskreislauf." Auf die Frage, warum das denn gemacht werde, seufzt der Beamte: "Sie müssen wissen: Alles, was in anderen Teilen des Landes und auf der Welt völlig undenkbar wäre, ist bei uns Alltag. Leider."

Direkt am Strand von Castel Volturno liegt das Villaggio Coppola. Es gilt als drittgrößter illegal erbauter Wohnkomplex der Welt. Auf knapp 900 Quadratmetern zementierte eine einzige Familie in den siebziger Jahren Pinienhaine und Dünen am Strand. Heute ist ein Großteil der Gebäude völlig heruntergekommen.

Der Blick auf die verfallenen Betonburgen erinnert an Bilder aus dem Beirut des Bürgerkriegs. Der Putz bröckelt, die Balkone sind zum Teil heruntergefallen, zwischen den ausgebrannten Autos in den engen Straßen streunen herrenlose Hunde. Und überall liegt Müll.

Dennoch sind viele der Wohnungen besetzt. Von Einheimischen, die kein Geld haben, Miete zu bezahlen. Sie machen es wie viele der Flüchtlinge und brechen einfach in die leerstehenden Gebäude ein.

Oft haben sie kein fließendes Wasser, nur Strom, den sie sich illegal von der öffentlichen Straßenbeleuchtung abzapfen. "Einmal im Monat kommt die Polizei und stellt den Strom ab", sagt eine Bewohnerin. "Danach stellen wir ihn eben wieder an." Türen sucht man in der Wohnung der Italienerin vergeblich: "Die haben wir im Winter verbrannt, es gibt ja keine Heizung."

Mittlerweile haben die Eigentümer beschlossen, die verfallenen Gebäude abzureißen. Stattdessen soll ein Yachthafen für Touristen entstehen.

Woher die kommen sollen, weiß niemand.

Eine Reportage über Castel Volturno sehen Sie im SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 20. Juni 2010, 22.15 Uhr bei RTL

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