Neue ZDF-Show Welche dunkle Macht ist in Jan Böhmermann gefahren?

Verschwörungstheoretiker auf Telegram sind nicht so schlimm – jedenfalls nicht so schlimm wie Jeff Bezos und Mathias Döpfner: Jan Böhmermann verzettelte sich in seiner neuen Sendung in riskantem Relativismus.
Jan Böhmermann

Jan Böhmermann

Foto: Jens Koch / ZDF

Zuerst die gute Nachricht: Es gibt keine Interviews mit Gästen mehr bei Jan Böhmermann. In seinem "Neo Magazin Royale" bei ZDFneo folgte am Ende immer ein Gespräch mit irgendeiner Fernsehnase oder einem Influencer, das der Moderator mit freundlichem Desinteresse absolvierte. Mancher gute satirische oder aktivistische Hauptteil wurde auf diese Weise seiner Wucht beraubt.

Bei Böhmermanns erster Sendung im Hauptprogramm des ZDF war das nicht der Fall – zum einen, weil es keine Gäste gab, zum anderen, und das ist die schlechte Nachricht, weil es keinen guten Hauptteil gab, der seiner Wucht hätte beraubt werden können.

Was ist passiert? Seit einer Woche sendet die einstige Twitter-Kanone unter dem Namen "The real Jan Böhmermann" One-Liner auf dem Nachrichtendienst Telegram. In schneller Taktung setzt er Nonsenssprüche wie "Was DU siehst, ist nicht, wovon ICH höre" ab, wo sonst Verschwörungstheoretiker ungestört ihre Falschnachrichten und Hassbotschaften verbreiten können. War das möglicherweise der Auftakt zu einem größeren Scoop, mit dem sich Böhmermann aufklärerisch mit dem völlig unkontrollierten Netzwerk auseinandersetzen wollte? Durften wir auf eine als Verschwörungssatire getarnte aktionistische Kritik an der mangelnden Durchsetzungskraft des Staates in Sachen Hatespeech hoffen? Oder machte Böhmermann einfach nur Werbung für sich selbst?

Viel Illuminati-Geraune

Es war Letzteres, wie sich am Freitag ab 20 Uhr herausstellte, als das "ZDF Magazin Royale" vorab in die Mediathek gestellt wurde. Zwar täuschte Böhmermann mit viel ironischem Illuminati-Geraune und psychotischen Klangeffekten vor, dass man sich gleich mit den Irren von Telegram beschäftigen werde – doch dann gab es eine Generalkritik an Deutschlands Superreichen. Ein sonderbarer Twist.

Nichts gegen ein zünftiges Steuerflüchtlingsabledern, nichts gegen eine saftige Corona-Gewinnler-Klatsche. Aber die Wendung von Telegram zu Leuten wie Heinz Hermann Thiele, der während der Coronakrise weitere Anteile bei der angeschlagenen Lufthansa einsackte, oder zu Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, der sich von Friede Springer Aktien im Wert einer Milliarde Euro schenken ließ, wirkte wie eine Kurzschlusshandlung, um den möglicherweise bei Initiierung vor einer Woche nicht ganz zu Ende gedachten Telegram-Plot irgendwie mit einem Knall enden zu lassen.

"Wer profitiert eigentlich von der Pandemie, die Verschwörungsdödel oder die Superreichen?", fragte Böhmermann suggestiv in die Corona-bedingt leeren Zuschauerreihen des Fernsehstudios: "Die einen freuen sich über Reichweiten. Und die anderen darüber, dass sie weiter reich werden."

Bezos, der Fürst der Finsternis

Die Gewalt-Assis und die Geld-Assis in einem Abwasch abwatschen – klar, das kann man machen. Dämlich, ja gefährlich waren aber die Sprünge und Hakenschläge, mit denen Böhmermann vom einen zum anderen kam.

Er äffte einerseits satirisch die Kritik der Telegram-Benutzer an den reichen Eliten nach – um sie im nächsten Atemzug zu seiner eigenen zu machen. Etwa im Falle von Jeff Bezos, der – so Böhmermann – sicherlich einen "Bademantel aus Einhorn-Hodenhaut, sündhaft teuer, aber superweich" hätte. Dann setzte er im heiligen Zorn nach: "Allein am 20. Juli hat Amazon-Chef Jeff Bezos 13 Milliarden Dollar verdient. Nicht bis zum 20. Juli, sondern am 20. Juli, in einer Sekunde hat Jeff Bezos soviel Geld verdient wie Amazon-Mitarbeiter in fünf Jahren, haha!" Darauf lachte Böhmermann ein diabolisches Lachen, das dann überblendet wurde von dem diabolischen Lachen des echten Jeff Bezos in einem Einspieler.

Preisverleihung des Social Design Awards 2020
Foto: Eva Cremers / SPIEGEL WISSEN

Bereits zum siebten Mal vergeben SPIEGEL WISSEN, SPIEGEL.de und BAUHAUS den Social Design Award. In diesem Jahr haben wir nach Ideen für ein besseres Miteinander gesucht, das Motto des Wettbewerbs lautet "Gemeinsam sind wir stark". Rund 150 Projekte und Initiativen haben sich beworben, zehn schafften es auf die Shortlist. Wer gewonnen hat, erfahren Sie am Montag, 18 Uhr, auf SPIEGEL.de.

Hier werden am Montag die Sieger bekannt gegeben.

Die komische Nachahmung des Verschwörungstheoretiker-Furors zum Zwecke der völlig unkomischen Kapitalismuskritik geht aber nicht auf. In ihr liegt ein gefährlicher Relativismus. Motto: Was sind schon die paar Hatespeech-Verbrecher im Web gegen die Raffke-Verbrecher in ihren Villen.

Wörtlich sagte Böhmermann: "Es braucht keine Verschwörung. Es läuft auch so zugunsten weniger und für alle anderen den Bach runter. Ganz offen, für jeden ersichtlich. Und die Durchgeballerten bei Telegram – Halloooohhh! – sind das, was schmelzende Eisberge und heiße Dürresommer für den Klimawahnsinn sind. Symptome und Warnzeichen eines größeren Problems, und den Reichen kommen die Verschwörungsfreaks ganz gelegen, denn so interessieren sich Politik, Medien und Gesellschaft noch weniger dafür, wie sie in der Pandemie noch reicher werden."

Das Problem: Böhmermanns Eliten-Bashing, das mit einer ömmeligen Snippet-Parade im Stil früher "TV total"-Sendungen flankiert wurde, mag möglicherweise mehr Telegram-User bestärkt als vor den Kopf gestoßen haben. Sein Witz, seine Schärfe und seine Zielgenauigkeit – das ist gerade alles weg. Um das von ihm nachgeäffte Verschwörungsgeraune nachzuäffen: Welche dunkle Macht ist in Jan Böhmermann gefahren?