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13. Oktober 2019, 13:42 Uhr

Türkei-Talk mit Böhmerman und Yücel

Wo hört der Spaß auf?

Von Volkan Ağar

Zwei, die Stress mit Erdogan haben: Im Podcast "Fest & Flauschig" treffen sich Jan Böhmermann und Deniz Yücel. Die Begegnung zeigt, dass sich über Unwitziges lachen lässt.

Den Podcast "Fest & Flauschig" hört, wer Lust auf Bromance-Quatsch hat. Also Lust darauf, Satiriker Jan Böhmermann und Musiker Olli Schulz dabei zuzuhören, wie sie gegeneinander sticheln oder pubertäre Witze reißen. Und manchmal lernt man auch etwas über Kollegah oder Helene Fischer. Weil dies das Konzept des weltweit meist gestreamten Spotify-Podcasts des Jahres 2018 ist, entschuldigt sich Schulz für die aktuelle Episode fast schon: "Ich will jetzt gar nicht auf die Einzelheiten eingehen, weil wir immer noch ein Unterhaltungspodcast sind", sagt er an einer Stelle.

In der neuen Folge "Im Kerker des Kalifen" sitzt der Journalist Deniz Yücel mit den beiden im Studio. Der hat bis Februar 2018 knapp ein Jahr im türkischen Gefängnis verbracht, die meiste Zeit in Isolationshaft. Vergangene Woche ist sein Buch "Agentterrorist" erschienen, in dem er diese Zeit rekapituliert. Aus dem Gefängnis hatte Yücel schon ein Potpourri aus alten Texten, die er in der Haft noch mal überarbeitet hat, herausgegeben: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier." Schulz und Böhmermann dagegen machen ihren Podcast primär zum Spaß. Kann diese Begegnung funktionieren? Allein das macht auf die Episode neugierig.

Yücels Erzählungen im Gespräch sind dann hochaktuell. Erst am Donnerstag wurde Hakan Demir, Onlinechef der Tageszeitung "Birgün", wegen kritischer Berichterstattung über die türkische Militäroffensive in Nordsyrien festgenommen, später unter Auflagen wieder freigelassen. Über die Zustände in der Türkei muss man wütend sein. Man kann an ihnen verzweifeln. Manchmal kann man aber auch nur noch über sie lachen, weil sie so absurd sind, oder zu absurden Situationen führen.

Witzig über Unwitziges plaudern

Nur ein Beispiel aus Yücels Erzählungen: Als er zur Fahndung ausgeschrieben wird, taucht er in der Istanbuler Residenz der deutschen Botschaft unter. Neben dieser befindet sich der Istanbuler Sitz des türkischen Staatspräsidenten. Wochenlang sind Yücel und Recep Tayyip Erdogan quasi Nachbarn. Und nur einer von den beiden weiß das. Yücel sagt: "Ich habe manchmal den WLAN-Anschluss des türkischen Staatspräsidenten angezeigt bekommen." Gelächter.

Als Schulz wissen will, ob Yücel ein Angebot der Bundesregierung angenommen hätte, ihn mit der Spezialeinheit GSG9 aus der Türkei rauszuholen, antwortet er: "Das hätte ich gemacht, allein der Erfahrung wegen." Noch mehr Gelächter.

Es wundert nicht, dass man mit Deniz Yücel witzig über an sich Unwitziges plaudern kann. Er selbst hat vor seiner Haft ironisch über Bedauernswertes geschrieben: In seinen Kolumnen für die "taz" über Abgründe der deutschen Mentalität, später als Türkei-Korrespondent der "Welt" über die AKP-Autokratie. Unvergessen sein Label: "Beste Demokratie wo gibt". Die Realität ist oft zum Heulen. Aber was haben wir davon, wenn wir nicht auch mal über sie lachen?

Während Yücel erzählt, hält sich der zweite in der Runde, der Stress mit dem türkischen Staatspräsidenten hatte, zurück. Zur Erinnerung: 2016 hatte Jan Böhmermann in seiner Sendung Neo Magazin Royale ein Schmähgedicht vorgetragen, das den türkischen Präsidenten dermaßen verärgerte, dass der ein deutsches Strafverfahren gegen den Comedian anstrengte.

Böhmermann "leicht antraumatisiert"

Das Verfahren auf Basis des Paragrafen 103 Strafgesetzbuch zur "Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten" wurde aber von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Der Bundestag schaffte den Paragrafen dann ab. Nach einer Stunde sagt Böhmermann: "So erschöpft war ich selten von einer Sendung", er merke, dass er "leicht antraumatisiert" sei.

Trotz aller Ironie: Auch für Yücel war das Jahr im Gefängnis natürlich kein Witz. Die Sendung macht dann auch deutlich, dass man an die Grenzen der Pietät kommen kann, wenn man die Pointe immer und zu jedem Preis erzwingen möchte: Wenn Yücel von der großen Teilnahme spricht, die er erlebte, zittert seine Stimme. Man habe ihm als Akt der Solidarität sogar die Goldene Kamera verleihen wollen.

Schulz wirft in offenbar komödiantischer Absicht ein, dass man ihm ja auch die Goldene Henne vom MDR verleihen könne. Yücel findet das nicht lustig: "Sei doch nicht so gehässig", sagt er zu Schulz. "Wir sind manchmal ein gehässiger Podcast", antwortet der. Ein unangenehmer Wortwechsel. Aber auch an ihm merkt man, dass das hier keine gewöhnliche "Fest & Flauschig"-Episode ist. Und auch dieser Moment macht sie hörenswert.


"Fest & Flauschig" mit Deniz Yücel ist bei Spotify abrufbar.

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