Böhmermanns letztes "Neo Magazin Royale" Großes Fernsehen, alle Register

"Konsequent und doof": Nach 167 Ausgaben verabschiedet sich Jan Böhmermann vom "Neo Magazin Royale", mit einem furiosen Finale. Es wartet das "große" ZDF - und Johannes B. Kerner in der Stretchlimousine.
Jan Böhmermann: Keineswegs als "Videokolumnist bei SPIEGEL ONLINE" enden

Jan Böhmermann: Keineswegs als "Videokolumnist bei SPIEGEL ONLINE" enden

Foto: Ben Knabe/ZDF/dpa

Ganz am Ende gibt Jan Böhmermann seinen Fans, die sonst noch die abseitigste Anspielung verstehen, ein kniffliges Rätsel auf. Da singt er als Zugabe eines grandiosen Abends "Hallelujah" von Leonard Cohen. Trockeneis bis zur Hüfte, im sanften Licht von Kerzen, begleitet von einem Gospelchor - vor einem Triptychon aus drei Gesichtern, über die nebenan auf Twitter sofort gerätselt wird. Wer sind diese Leute?

Es ist Marlehn Thieme, Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates. Da ist Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF. Und Thomas Bellut, sein Intendant. Es sind die Leute, die Jan Böhmermann haben machen lassen. Und ihn nach "sechs Jahren und 42 Tagen", nach 167 Ausgaben des "Neo Magazin Royale", nach zahllosen Skandalen und noch mehr Preisen ab Oktober 2020 endlich ins Hauptprogramm lassen.

Während er singt, mit - natürlich - ironischer Inbrunst, erscheint auf der Leinwand hinter ihm ein Organigramm des Senders. Aus seinem Ehrgeiz hat er nie einen Hehl gemacht. Er hat ihn, stattdessen, immer frech und fröhlich ausgestellt. Und mit der furiosen Abschiedsshow noch einmal unterstrichen, was er kann. Großes Fernsehen, alle Register.

Schon im Vorspann zur Sendung spaziert er, zu einer präzisen Choreographie und mehrfach die Kostüme wechselnd, ohne einen einzigen Schnitt quer durchs Studio und die Geschichte seiner "kleinen trotteligen Krawallshow".

"Veränderung", verkündet er vor einem Sprung in den Pool, "ist immer schwer. Aber wollen sie wirklich, dass ich von meiner Fernsehfigur aufgefressen werde? Was Neues muss her!" Er wolle keineswegs als "Videokolumnist bei SPIEGEL ONLINE" enden. Tatsächlich hatten sich zuletzt hier und da Routinen eingeschlichen.

Hintersinnig wie eine gute Folge "South Park"

Vorbei, vergessen. Denn enden lässt er seine Ära bei ZDFneo als musikalische Revue, wie man sie in solcher Virtuosität und Spielfreude zuletzt vielleicht in den Siebzigerjahren im deutschen Fernsehen erleben durfte.

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Es beginnt mit einem besinnlichen Couplet auf seinen "Digitalspartenschreibtisch" mit der "teuren Leuchtleiste aus Plexiglas", das sich zu einer pathetischen Ballade aufschwingt - und abrupt von einem Barbershop-Quintett aus "ZDF-Redakteuren" im Stil der Comedian Harmonists unterbrochen wird: "Herr Böhmermann, der Beef ist da", wenn "am Lerchenberg die Leitung glüht".

Anspielungsreich wie eine gute Folge "South Park" geht es weiter, wenn er nachdenklich mit seinem "Scherzanwalt" telefoniert, einer Verbeugung vor dem Medienanwalt Christian Schertz, dessen Mandant er immer mal wieder gewesen ist: "Klaas fährt Porsche, ich fahr Instanzenzug", barmt Böhmermann zur Begleitung von Albrecht Schrader am Piano: "Harald zählt sein Geld, ich zähl auf Polizeischutz!"

Das ZDF ist "wie der Vatikan. Oder Wimbledon"

"Bin ich wirklich so doof und renitent oder bin ich nur in meiner Kunst einfach so konsequent?", das würde er wirklich gern einmal wissen. Der "Anwalt" erklärt: "Konsequent und doof", die schlimmstmögliche Kombination.

Ihren Auftritt haben auch unsichtbare Helfer und alte Bekannte, von den Gag-Autoren ("Warum haben wir diese fetten Sozialfälle da hinten sitzen, die nach Alkohol riechen?") über "Grundy", das steppende Grundgesetz, bis zu "Captain Obvious".

Der fordert zur Melodie von "Rock You Like A Hurricane" (eine von zwei Anspielungen auf die Scorpions, später klingt noch "Wind Of Change" an) stellvertretend für alle Sidekicks: "Böhmermann, wir wollen mit ins Hauptprogramm". William Cohn stimmt immer wieder das "Nessun Dorma" an, aber Böhmermann lässt sich nicht erweichen. Das ZDF-Hauptprogramm sei das "Hochamt des deutschen Fernsehens, wie der Vatikan. Oder Wimbledon".

Publikum wurde zusammen mit ihm "erwachsen und uncool"

Spätestens hier dämmert, dass das ZDF den Böhmermann mehr braucht als umgekehrt. Nicht, weil er so jung und sexy ist für ein Publikum, von dem die welkenden Mainzer nur träumen können. Sondern weil er so gut ist. Bisher schien das Verhältnis zwischen Sender und Entertainer wie eine "amour fou". Eine Affäre, die man sich trotz Herzinfarktgefahr leistete, weil das Adrenalin halt doch erfrischte.

Böhmermann kann mehr, als ein Zwinkersmiley auf zwei Beinen zu sein. Er passt, weil er auf sozialdemokratische Weise staatstragend ist, auch besser zum Öffentlich-Rechtlichen, als man meinen möchte. Für Furore sorgte er zuletzt nicht nur mit Streichen, sondern mit klassischer Aufklärungsarbeit im Stil eines John Oliver. Wonach ein Harald Schmidt sich in seinem Ennui nicht einmal gestreckt hat - Böhmermann erreicht's.

Er beherrscht sogar, und das stellte er in dieser letzten Sendung unter Beweis, die allumfassende Umarmung, die man für das Hauptprogramm braucht. Bei seinem Publikum bedankt er sich dafür, dass es mit ihm "erwachsen und uncool" geworden sei. Wie das Hauptprogramm des ZDF es nun einmal ist.

Und dann gibt es kein Entkommen mehr aus dem Kerner-Mobil

Richtig spannend wird es also ab Oktober 2020. Dann wird sich zeigen, ob er dort mit seinem juvenilen Elan, seinen popkulturellen Referenzgewittern und seinem investigativen Furor auf abgeschaltete Hörgeräte trifft. Oder aber, noch schlimmer, sich der lauwarmen Umgebung angleicht.

Vermutlich kennt er die Gefahr der schleichenden Selbstverbeamtung zu gut, als dass er darin ohne Gegenwehr umkommen wird. Das deutet sich auch im letzten Sketch an. Nach der Show steigt er in eine Stretchlimousine, in der ihn bereits Jürgen Domian erwartet. Als Böhmermann den Chauffeur erkennt, entfährt ihm ein hysterischer Schrei. Es ist Johannes B. Kerner, und der sagt: "Bald bist du einer von uns."

Böhmermann könnte sich "richtig gut entwickeln" und "der nächste Steven Gätjen werden". Panisch tastet er nach der Tür, aber sie lässt sich nicht öffnen. Kerner grinst: "Kindersicherung!"

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