Jan Hofer in »RTL Direkt« Talkmaster oder Teddybär?

Jan, allein im Schützengraben: Ex-»Tagesschau«-Sprecher Hofer soll eine Info-Offensive für RTL anführen und den »Tagesthemen« Paroli bieten. Seine erste Sendung wirkte allerdings eher wie eine Quizshow.
Jan Hofer im RTL-Studio: »Ein bisschen Macho und auch ein Lieber«

Jan Hofer im RTL-Studio: »Ein bisschen Macho und auch ein Lieber«

Foto: Jörg Carstensen / dpa

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Entschuldigung, wir kommen um den Vergleich nicht herum. Gegen 22.20 Uhr fragt Jan Hofer in seiner neuen Sendung »RTL Direkt« die Kanzleramtskandidatin Annalena Baerbock in Bezug auf Afghanistan: »Mal angenommen, Sie wären in dieser Situation Bundeskanzlerin, wie würden Sie reagieren?« 20 Minuten später fragt Ingo Zamperoni in den »Tagesthemen« den Kanzleramtskandidaten Armin Laschet: »Habe ich das richtig verstanden? Da klammern sich Menschen an startende Flugzeuge, und Ihre größte Sorge ist, dass sich 2015 wiederholt?«

Hofer liefert bei RTL die Vorlage zum Labern, die Baerbock nutzt, ein unbürokratisches Vorgehen zur Rettung aller Afghanen zu versprechen, ohne sich der Konsequenz einer kritischen Nachfrage aussetzen zu müssen. Zamperoni beginnt sein Interview mit der Anklage, dass Laschet den eigenen Wahlkampf vor humanitäre Pflichten stellt, die dieser auch in einem heftigen zehnminütigen Schlagabtausch nicht entkräften kann.

Kampfprogrammierung bei RTL

Hofer und Zamperoni, ein unfairer Vergleich? Vielleicht – heraufbeschworen hat ihn Hofer mit seinem neuen Arbeitgeber RTL selbst. Sein ab sofort von Montag bis Donnerstag laufendes Magazin hat er gegen die »Tagesthemen« auf den 22.15-Uhr-Sendeplatz kampfprogrammieren lassen. Es ist Teil einer viel besungenen Informationsoffensive, mit der RTL auch Stammpublikum von ARD und ZDF erreichen will .

Dass man nun die »RTL Direkt«-Premiere so einfach mit der ARD-Konkurrenz vergleichen konnte, war auch dem Umstand geschuldet, dass der RTL-Angriff auf die Öffentlich-Rechtlichen trotz prominenter ARD-Abwerbungen noch nicht in die Gänge gekommen ist. Die »Tagesthemen« liefen eine Viertelstunde später als sonst, da sich das Programm im Ersten wegen eines weiteren »Brennpunkts« zu Afghanistan verschoben hatte. Bei RTL gab es am Montag keine Extrasendung zur Primetime, auch am Sonntagabend war es zu keiner größeren Informations-Anstrengung gekommen.

Stattdessen flutete man bei RTL die beste Sendezeit des Sonntagabends, während Kabul in die Hände der Taliban fiel, mit insgesamt vier Stunden »Bauer sucht Frau«-Programm; am Montag folgten ab 20.15 Uhr zwei weitere Stunden des Fummel-und-Melk-Formats. An diesem Dienstag wird es dann zur Primetime zwei Stunden »Schwiegertochter gesucht« geben; mit der Störung durch ein Afghanistan-Extra ist auch da nicht zu rechnen.

Sagen wir mal so: Falls da wirklich eine Nachrichtenoffensive bei dem frisch mit dem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr fusionierten Medienhaus RTL tobt, steht Jan Hofer, 71, für seinen neuen Sender allein im Schützengraben des Nachrichtenkrieges. Der Journalismus ist bei RTL noch immer ziemlich fern.

Bitte keine Trampolin-Vergleiche mehr

Aber vielleicht soll »RTL Direkt« auch gar nicht das verspielte Politformat sein, als welches es uns die RTL-Manager verkaufen wollen – sondern eher Spielformat mit ein bisschen Politgebimmel. So kommt jedenfalls die erste Ausgabe am Montag daher. Das gibt eine gute Werbefläche für Baerbock ab, die ja eine Art Early Adopter ist, wenn es darum geht, ihre Agenda in den neuen Politarenen der Privaten ans Publikum zu bringen. Sie war auch schon die Erste aus dem Trio mit Laschet und Scholz, die bei ProSieben in einem neuen Format aufgekratzt um die Kanzlerschaft buhlte .

Dass Baerbocks Chancen auf das Kanzleramt nun nach Plagiatsvorwürfen und geschöntem Lebenslauf nicht mehr so gut stehen, spielt bei Hofer eigentlich keine Rolle. Zwar hat er, wie es durch die Fanfaren der RTL-Presseabteilung schon vorab in die Welt geblasen wurde, krasserweise einen Knopf seines Hemdes aufgemacht und geht nach dem bescheidenen Afghanistan-Block am Anfang geradezu verwegen in die nächste Runde: Da hakt er knallhart bei Baerbock nach, ob der Wahlkampf nicht eher suboptimal für sie angelaufen sei. Doch die Trampolin-Springerin nutzt die Vorlage dann nur wieder zum Leistungssportlerinnenvergleich.

Machte man ein Trinkspiel daraus, bei jeder Trampolin-Erwähnung Baerbocks einen Schnaps zu kippen, wankte man sturzbetrunken durch die Wahlkampfzeit. Aus der Hofer-Show geht man jedoch auch ohne viele Trampolin-Verweise beschwipst und schwindelig raus, weil die verantwortliche Redaktion den Moderator in knapp 20 Minuten eine viel zu hohe Anzahl von Übungen absolvieren lässt, wie man sie aus Quizshows und geselligen Abenden bei RTL kennt.

Einmal muss Baerbock eine von vier Kacheln mit Gesichtern auswählen, hinter der sich die Videoaufnahme eines Gastes auftut, der eine Frage stellt – was zuerst ein wenig bizarr wirkt, weil die Politikerin beherzt duzend auf die starre Konterfeikachel einredet, hinter dem das aufgezeichnete Filmchen mit dem talkenden Kopf schon wieder verschwunden ist.

Wie die 50-Euro-Frage bei Jauch

Auf die Frage einer »Daniela«, ob sie denn auch mittelständische Betriebe zu fördern gedenke, leiert Baerbock: »Der Mittelstand ist die Stärke unseres Wirtschaftsstandorts.« Man kommt sich vor wie bei der 50-Euro-Frage von »Wer wird Millionär?«.

Viel kniffliger gestaltet sich die Veranstaltung insgesamt nicht. Auch wenn Hofer mal den harten Hund mimt und nach einem Einspieler mit einer fünfköpfigen Familie, die den Einkaufskorb mit Biowaren vollmacht, unnachgiebig fragt, wie sich Normalos denn bitte ein nachhaltiges Leben leisten sollen. Antwort-Stanze Baerbock: »Deshalb möchte ich das so regeln, dass das für alle Leute bezahlbar ist.«

Hofer lässt sie damit durchkommen, auch weil am Ende noch ein Comedy-Block wartet: »Wir haben uns vorgenommen, den Zuschauer immer mit einem Lächeln zu entlassen.« Afghanistan hin oder her.

Schwer zu sagen, als was sich der ehemalige »Tagesschau«-Chefsprecher Jan Hofer da eigentlich neu erfinden will: Aufdecker oder Showkanone? Talkmaster oder Teddybär? Vielleicht sagen wir es einfach RTL-gerecht mit den Worten, mit denen zuvor in »Bauer sucht Frau International« eine deutsche Kandidatin den umworbenen kroatischen Landwirt charakterisierte: »Er ist ein bisschen Macho und auch ein Lieber. Er entfaltet sich erst. Da muss man noch ein wenig schauen.«

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